Landwirtschaft im Münsterland

Idylle in Tüten

Ein Bauer im Münsterland hat es geschafft, aus einem alten Prinzip ein modernes Geschäftskonzept zu machen: mit Milch vom Hof.

Verkauft erfolgreich Idylle und Milch in Tüten: Leonhard Große Kintrup. Bild: Erik Hinz

MÜNSTER taz | Die Kuh und Leonhard Große Kintrup blicken sich in die Augen, sie hebt ein Vorderbein und senkt es wieder. Die Kuh will, dass er geht. Große Kintrup ist ein großer Mann, schmale Augen, graue Schläfen, er ist Bauer, Sohn und Enkel von Bauern – Generationen vor ihm haben auf diesem Hof, am Stadtrand von Münster, Rinder gehalten. Jetzt drückt sich Leonhard Große Kintrup hinter eine Steinmauer im Stall und versteckt sich. Wenn die Kuh allein sein möchte, will er nicht stören.

Auf seinem Milchhof im Münsterland versorgen Leonhard Große Kintrup und seine zwei Stallarbeiter rund 200 Tiere. In diesem Betrieb entstehen konventionelle Produkte, ein Ökolabel hat er nicht. Das liegt am Futter. Doch die Lebensbedingungen der Kühe sind in Große Kintrups Stall außergewöhnlich – sie sind Teil des Geschäftsmodells. Wer Milch von diesem Hof holt, kauft keine Massenware.

Regen prasselt in harten Tropfen auf den Asphalt vor dem Stall und auf die Weide dahinter. Drinnen kann ihn Große Kintrup rauschen hören. Dieses Gebäude hat keine Wände, die Kühe mögen es kalt. „Im Winter muss sich der Bauer eben eine Jacke anziehen“, sagt er. Die Plattform ragt wie eine Empore in den Stall hinein, hoch über den Rücken der Tiere. Der Bauer erreicht sie über eine Holztreppe – genau wie sein Publikum.

Hightech im Stall

In der Landwirtschaft existiert sie noch: die DDR. Gigantische Ackerflächen, riesige Monokulturen. Während im Westen die Betriebsflächen rund 55 Hektar betragen, sind sie im Osten fast sechsmal so groß. Verantwortlich ist die Politik. Das Instrument war die BVVG: ein Nachfolgeunternehmen der Treuhand, das die Ackerflächen der DDR privatisierte. Die konservierten Agrarstrukturen machen Ackerflächen nun für Aktiengesellschaften zu interessanten Anlageobjekten. Tausende Hektar sind schon aufgekauft worden. Experten sprechen angesichts der Konzentration bei wenigen Konzernen von einer "neofeudalen Landverteilung".

Die Großkunden, die Schulklassen, die Zeitungsreporter – Leonhard Große Kintrup lädt ständig Besucher ein. Vor das Geländer der Stalltribüne hat er weiße Klappstühle gestellt und weiter hinten Bierbänke, für größere Gruppen. Von hier oben sollen sie alle das vollautomatisierte Kuhparadies bestaunen.

Beinahe geräuschlos fährt ein roter Wagen an den Beinen der Tiere entlang und schiebt den Mist zusammen. Eine Rundbürste hängt in Kuhhöhe an der Wand, ihre Borsten sind krumm von den vielen selbst ausgelösten Kuhmassagen. In einem Teil der Halle liegt Stroh – und in ihm ein sehr kleines Kalb. Dies ist das Mutter-Kind-Abteil des Stalls, sozusagen.

Wann immer das Euter drückt, können sich die Rinder selbst ihrer Milch entledigen. Das Melken liegt im Hightechstall in der Verantwortung der Kuh: Sie betritt die Melkmaschine, wann es ihr passt. Laserstrahlen suchen nach den Zitzen, dann saugen sich die Pumprohre fest. Die Aufgabe des Landwirts auf diesem Hof ist es hauptsächlich, die Tiere zufriedenzulassen.

Münsteraner ticken anders

Leonhard Große Kintrup verkauft Idylle. In schwarz-weiß gefleckten Lieferwagen bringen seine Mitarbeiter die Milchflaschen und Quarktöpfe zu Hof-Abo-Kunden im Umland und die Cafés und Kantinen im Stadtzentrum. „Glückliche Kühe“ sind seine Werbebotschaft, und an einem Ort wie Münster sind sie ein schlagendes Argument.

Münster ist eine Studentenstadt, etwa die Hälfte der Einwohner ist jünger als 25 Jahre. In den Großstädten des nahen Ruhrgebiets würde sein Konzept schon nicht mehr funktionieren, glaubt Große Kintrup. „Münsteraner ticken anders“, sagt er. Hier zieht sie: die Strategie der Kühltasche.

Regelmäßig verpackt Bauer Große Kintrup seine Milchprodukte in Taschen aus Aluminium und fährt mit ihnen in die Innenstadt. Sein Ziel: Restaurants, Geschäfte, Großküchen. Wenn er mit seiner Kühltasche unterwegs ist, wird Große Kintrup vom Bauern zum Molkereivertreter.

Mensaküchen wollten erst nicht

Münsteraner spazieren über das Kopfsteinpflaster des Prinzipalmarkts, zwischen Rundbögen aus Stein, auf denen die Namen der Läden in goldenen Buchstaben stehen. Die Giebel der Häuser sind mal spitz, mal stufig, und die Fahrradständer immer überfüllt.

Münsteraner fahren Rad. Die Universität hat ihre Institute in der ganzen Stadt verteilt, und auch die zentrale Promenade ist hier kein Gehweg, sondern für Fahrräder bestimmt. Dass Leonhard Große Kintrups Modell funktioniert, hat viel mit dem Denken der Bürger dieser Stadt zu tun. Immer mehr von ihnen kaufen ihre Lebensmittel statt beim Discounter in Biosupermärkten oder an den Marktständen auf dem Domplatz.

Es ist bereits Jahre her, dass Große Kintrup das erste Mal mit in einer Mensaküche stand, um den Köchen, die täglich Gerichte für Tausende Studenten zubereiten, den Inhalt seiner Kühltasche zu zeigen: die Vollmilch und den Sahnequark, den Haselnussjoghurt und den Molkedrink. Sie nahmen die Becher und Flaschen, Große Kintrup ging. Danach hörte er nichts mehr: Die Milch aus den Großmolkereien war günstiger. Heute zählen auch andere Argumente.

Studenten mit Anspruch

Im Café Uferlos serviert das Studentenwerk mittlerweile vegetarische und vegane Gerichte. Auch in der Mensa am Aasee, in den Bistros Denkpause oder Durchblick gibt es heute – neben Schnitzel und Pommes für 2,40 Euro – das 3-bis-4-Euro-Gericht: für Studenten mit Anspruch.

Studentenwerkgeschäftsführer Achim Wiese sagt, „die Interessengruppe wächst immer mehr“. Genauso, wie hier in Münster die Zahl der Bafög-Empfänger eher sinke als steige. Die Münsteraner Studenten können sich eben teures Essen leisten.

Auf dem Milchhof stehen nun seit vergangenem Jahr 40 Kühe mehr im Stall: Da bekam Große Kintrup endlich den lukrativen Auftrag von den Mensen und investierte noch einmal. Erst 2011 hatte er seinen neuen Komfortstall gebaut, für 1,5 Millionen Euro, wie er sagt.

Auch das Gebäude, in dem früher die Rinder seines Vaters und seines Großvaters standen, ist noch da. Doch heute hat auch dieses Haus keine Wände mehr. Vor drei Jahren baute er auch hier computergesteuerte Futtersysteme und Überwachungskameras ein und außerdem die Hofmolkerei aus. Große Kintrup geht es um Unabhängigkeit: von den Großmolkereien und von den Großhändlern. Das liegt auch daran, dass ihm hier sonst nicht viel übrig bleibt.

Höchste Bodenpreise

In dieser Gegend kosten Agrarflächen so viel wie nirgendwo sonst in Nordrhein-Westfalen, dabei sind die Böden dieses Bundeslands ohnehin die teuersten in ganz Deutschland. 47.203 Euro kostete ein Hektar Münsterland im vergangenen Jahr, knapp 5 Prozent mehr als noch 2012. Auch die Pachtpreise sind unerschwinglich: 540 Euro muss man zahlen, um hier einen Hektar zu mieten – 300 Euro mehr als in Brandenburg etwa.

Landwirtschaftliche Flächen in Westfalen zu kaufen lohnt sich deshalb nicht einmal für die Konzerne, die sich im Osten Deutschlands mit Äckern eindecken. Im Münsterland können nur noch diejenigen Bauern überleben, die bereits Boden besitzen. Große Kintrup expandiert deshalb in Qualität.

Die Sonne ist gerade aufgegangen, da hängt über den Stahltonnen in der Molkerei bereits der Dunst. Es ist heiß, über den Steinboden rinnt eine klare Flüssigkeit. Mit weißen Gummistiefeln treten die Männer hinein, ihre Gesichter glänzen, die Maschinen dröhnen.

Einer, mit rundem Bauch und kurzen grauen Haaren, beobachtet die weiße Masse in der Quarkwanne. In Brocken kleckert sie in Plastikeimer, und aus einem zweiten Rohr schießt sie als zäher Strahl. Der Molkereichef fährt mit einem Finger hinein und probiert. Für diesen Quark wurde die Milch gedrückt – nicht in Zentrifugen geschleudert und danach wieder mit Sahne versetzt, so wie in Industrieanlagen.

3,8 Prozent Fett

Am Ende des Raums heben und senken sich Stahldrüsen und schießen Milch in bauchige Plastikflaschen. Sie drehen sich um die eigene Achse, während ein Fließband sie zu einem Mitarbeiter schiebt. Der steckt sie in Kisten. 15.000 Liter produzieren sie in der Woche. Die Vollmilch hat 3,8 Prozent Fett und nicht 3,5 Prozent, wie die im Supermarkt. Sie kostet 90 statt 60 Cent.

Neben einem massiven Metalltrichter, der ihm bis zum Bauch reicht, steht ein junger Mann, schlaksig, keine 20. Ein Stab verrührt Joghurt, Quark, Fruchtmasse und Zucker zu einem Brei: Die Münsteraner-Stippmilch-Maschine spuckt die Plastikbecher ladenfertig aus. Mit den Fingerkuppen setzt der Junge einen nach dem anderen in einen Träger aus Pappe.

Draußen warten jetzt schon die Kastenwagen und die Kuhflecken-Sprinter. Um diese Uhrzeit stapelt Leonhard Große Kintrup seit einigen Monaten auch einen Teil der Molkeerzeugnisse auf Holzpaletten. Der Lastwagen einer Supermarktkette kommt jetzt auf den Hof gefahren. Einige Filialen haben ihr Angebot um Milchhof-Flaschen erweitert, sie holen die frische Ware täglich ab.

Im Kühlregal stehen Große Kintrups Süßspeisen nun neben Schokopudding, dessen Sahnehäubchen auch nach zwei Wochen noch unverändert steht. „Kunstprodukte“, nennt sie Große Kintrup. Sein Nachtisch verdirbt, das wissen die Kunden und nehmen es in Kauf. Weil sie ihn kennen. Weil sie seine Kühe kennen. Das spricht sich rum.

 

25 Jahre nach der Wende müsste die DDR Geschichte sein. Auf den Äckern aber existiert sie noch. Wie die alten Genossen noch immer das Land beherrschen.

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