Laudatio von Silke Burmester

Die Rächer der Betrogenen

Silke Burmester würdigt aktion./.arbeitsunrecht, GewinnerInnen des taz Panter Jurypreises.

aktion./.arbeitsunrecht erfüllt für die Jury die „Drei-in-Eins-Formel“ Bild: Hein-Godehart Petschulat

Im Folgenden bilden wir das Manuskript der Laudatio von Silke Burmester auf die Initiative „aktion./.arbeitsunrecht” ab, GewinnerInnen des Jurypreises beim taz Panter Preis 2017. Die Laudatio wurde am Abend des 16. September 2017 im Kino International in Berlin gehalten. (Anm. d. Red.)

In einer Jury zu sitzen, ist eine tolle Sache.

„Super!”, denkt man da. Dann kann ich endlich dem zum Sieg verhelfen, was ich richtig find. Oder wichtig. Oder, wo die Musik toll ist. Oder die Leute gut aussehen. Oder besonders arm und geschunden sind.

Wenn man das Ganze ernst nimmt, dann ist das natürlich ganz anders. Dann spürt man die Verantwortung, die mit der Berufung in die Jury einhergeht und die entscheidende Aufgabe, allen Nominierten, aber auch dem Preis gerecht zu werden. Den Preis in seiner Intention zu erfassen und abzuwägen und zu schauen, welche Nominierung ihr am nächsten kommt.

Ganz übel ist es, wenn man sich als Jury zwischen Nominierten entscheiden muss, die jeweils für wichtige und bedeutsame, aber auch unterschiedliche Themen, Engagement oder Leistungen stehen. Wenn man entscheiden muss, was ist relevanter? Was bewirkt mehr? Was setzt jetzt, in dieser Zeit, das entscheidende Zeichen?

Für eine Jury, und jetzt rede ich mal von uns, der diesjährigen Panter-Preis-Jury, ist es dann ein großes Glück, wenn unter den Nominierten jemand dabei ist, der sehr viele der relevanten Aspekte dessen, was einem bei der Preisvergabe wichtig ist, vereint. Wenn man also wie beim Überraschungs-Ei mit der „Drei-in-Eins-Formel“ mehrere und ganz unterschiedliche Aspekte würdigen kann.

Und so freuen wir uns, den diesjährigen Panter Preis an die Initiative aktion./.arbeitsunrecht vergeben zu können.

aktion./.arbeitsunrecht hat sich zur Aufgabe gemacht, für all jene zu kämpfen, die zwar einen Platz in der Arbeitswelt gefunden haben, die Arbeiten in dieser Gesellschaft erledigen, die, würden sie nicht erledigt, uns ganz schön alt und vergammelt aussehen ließen, die aber eigenartigerweise behandelt werden, wie der letzte Arsch.

Sprachrohr der Betroffenen

Es sind Menschen, die um ihren Verdienst betrogen werden, die jenseits von Arbeitschutzmaßnahmen und Arbeitszeitvorschriften in den Dienst geschickt werden, die, wenn sie sich beschweren, gekündigt werden und solche, die man daran hindert, sich zu organisieren und die Repressalien ausgesetzt sind, wenn sie Betriebsräte zu gründen versuchen.

Es sind die, die sich oft aufgrund ihrer schwierigen persönlichen Situation, ihrer Bildung, eingeschränkter Möglichkeit, sich auszudrücken oder mangelndem Selbstwertgefühls nicht wehren.

ist freie Journalistin, Autorin und Kolumnistin. In ihrer Kolumne „Die Kriegsreporterin“ veröffentlichte sie bis Juli 2016 wöchentlich ihre satirische Sichtweise auf die Medienbranche. Zusätzlich zu zahlreichen Publikationen im Spiegel, der Zeit oder mare mischt sie mit Veröffentlichungen wie „Beruhigt euch“ oder „Mutterblues – Mein Kind wird erwachsen, und was werde ich?“ im Buchmarkt mit. 2017 wurde sie mit dem Bert-Donnepp-Preis ausgezeichnet.

Kurz, es sind Menschen, deren Schwäche ausgenutzt wird. Und zwar als Geschäftsmodell. Und hier kommt aktion./.arbeitsunrecht ins Spiel. Rächer der Betrogenen. Ein Verbund aus Betroffenen, AnwältInnen, GewerkschaftlerInnen und PublizistInnen.

Sie erheben sich zum Sprachrohr der Betroffenen, informieren sie, auch in ihrer Landessprache, über ihre Rechte – und kämpfen. Kämpfen für eine gerechte Entlohnung, aber auch dafür, dass das systematische Vorgehen, das Geschäftsmodell, Menschen ihren Lohn vorzuenthalten, endlich strafbar wird.

Und nun kommt die taz-Jury und sieht das Viele, das in der Arbeit dieses Vereins steckt. Wir sehen die Mitstreiter von aktion./.arbeitsunrecht, die sich für Menschen einsetzen, die aus sozialen, kulturellen und vielleicht auch aus persönlichen Gründen keine Stimme haben. Wir sehen, wie ihr Tun, ihre Aktionen und Proteste Sensibilität in der Gesellschaft erzeugen für die Frage: Wer macht eigentlich unseren Dreck weg?

Aber auch, was ist uns das wert? Und kann es sein, dass Menschen die Dreck wegmachen, wie Dreck behandelt werden? Hat nicht jeder das Recht darauf, respektvoll behandelt und entlohnt zu werden, egal, wie wenig ich mir selbst vielleicht vorstellen kann, diese Tätigkeit auszuüben?

Wir sehen aber auch die Ermutigung und die Einbindung, die die aktion./.arbeitsunrecht bewirkt. Was macht Menschen autonomer, stärkt ihr Selbstbewusstsein mehr, lässt sie mehr in einem vielleicht auch fremden Land ankommen, als Teil einer Gemeinschaft zu sein, die für etwas kämpft? Sich zu organisieren, sich zusammenzutun ist ein Weg aus der Isolation und ihren emotionalen Fallen.

Beton für den Grundstein

So verstehen wir die Arbeit von aktion./.arbeitsunrecht auch als Hilfe, in diesem Land anzukommen. Es ist natürlich klar, so stellt sich die Bundesregierung die Integrationsbemühungen der Zugewanderten und AsylbewerberInnen nicht vor: Herkommen und dann gleich die Verhältnisse stürzen wollen, aber so einer taz-Panter-Preis-Jury kommt das natürlich gerade recht.

Auch recht kommt uns, dass mit der Gründung und dem Tun des Vereins der Finger des Nervens in eine Wunde gelegt wurde, die in diesem Land noch gar nicht so sehr zu schmerzen begonnen hat, aber deren Fäulnis bringendes Sekret absehbar ist: Die Wunde der sich wandelnden Arbeitswelt, in der Ausbeutung und Ausnutzung derer, die sich vermeintlich nicht wehren können, immer selbstverständlicher wird.

Man wird bald nicht mehr Syrer sein müssen, Rumänin oder den Schulabschluss vergeigt haben, um zu erfahren, dass der Mindestlohn mancherorts ein süßer Witz ist. Ich denke, wir alle haben in den letzten zwei Jahren sehr gut verstanden, wie elementar das Gefühl, fair und respektvoll behandelt zu werden, für den Fortbestand einer Demokratie ist.

Demokratie beginnt in ihren Grundfesten zu wackeln, wenn Menschen sich „abgehängt“ fühlen. Ein neues Wort für „nicht dabei“. Umso wichtiger, allen die in diesem Land leben, zu zeigen, dass sie ein Teil dieses Landes und dieser Gemeinschaft sind. Dafür ist eine angemessene und faire – im Sinne von „ich bescheiß Dich nicht“ – Bezahlung ein Grundstein. Leider haben einige das noch nicht begriffen.

aktion./.arbeitsunrecht versucht nicht nur, diesen Grundstein fest zu verankern, sondern sie kämpft auch dafür, dass man überall auf ihn stößt. Wir, die Panter-Preis-Jury freuen uns, wenn wir mit diesem Preis ein wenig Beton beisteuern können und gratulieren ganz herzlich.

Silke Burmester, 16. September 2017, Kino International