Laurel Halos Album „Dust“

Wunderbar, my ass

Clicks ’n’ Cuts, queerer Ambient, digitaler R&B: US-Produzentin Laurel Halo kann sich auf „Dust“ nicht für einen Stil entscheiden.

Laurel Halo

Mag absurden Humor: Laurel Halo Foto: Phillip Aumann

Manchmal sorgen die Veröffentlichungszyklen der Musikindustrie dann doch für eine Form von poetischer Gerechtigkeit. In der gleichen Woche, in der ein bärtiger Plattenauflegeunterhalter des Berliner Bescheidwisserlabels ­Giegling mit Man-Bun meinte, dass Frauen hinter dem Mischpult unberechtigterweise zu viel Aufmerksamkeit bekämen, erscheint ein neues Album der US-Elektronikproduzentin Laurel Halo.

Halo lebt in Berlin und ist dort nicht nur hinter dem Mischpult in ihrem Studio zu Hause, sondern stellt auch auf Theorieveranstaltungen immer mal wieder schlaue Fragen. Nur die gerechte Aufmerksamkeit fehlt ihr – noch.

„Dust“, also Staub, lautet der Name von Laurel Halos drittem Album und im Interview spricht sie dann auch davon, wie sehr sie diesen Staub mit den Schichten konnotiert, die sich im Laufe eines Lebens anhäufen. Daraus wird aber kein schlichtes biografisches Bekenntnis – alles ist doppelt und dreifach kodiert.

Laurel Halo gehört zur Generation von Musikproduzentinnen, die abstrakte Clicks ’n’ Cuts, queeren Ambient, digitalen R&B oder die kompletten Diskografien von Techno-Labels aus Detroit auf der Festplatte gehortet haben.

Hochnäsige DJ-Jungs

Es ist eine Generation, die mit der Allverfügbarkeit von Musik aufgewachsen ist, sich aber trotzdem mit den ganzen Blödsinnigkeiten der analogen Knappheit auseinandersetzen musste: versnobte Plattenverkäufer, hochnäsige Jungs am DJ-Pult inklusive. Halo synthetisiert diese Schieflage zu Popsongs, die zwischen der Leichtigkeit der Tumblr-Benutzeroberfläche und der Unübersichtlichkeit eines zugestickerten Laptops pendeln.

Laurel Halo: „Dust“ (Hyperdub/Cargo)

Auch auf „Dust“ will sich Halo stilistisch nicht so wirklich entscheiden. Muss sie auch nicht. In „Moontalk“ kanalisiert sie das farbenfrohe Chaos von japanischem Synthie-Pop in einen Brasil-Rhythmus, bevor sie im Refrain die unterschiedlichen Arten, jemandem auf Japanisch zum Geburtstag zu gratulieren, durchprobiert. „Jelly“ spielt mit der Breitbeinigkeit eines Funk-Rhythmus. Trotz dieser Stilanleihen ist „Dust“ kein eklektisches Album geworden, sondern zeigt Laurel Halos Persönlichkeit durch sein Sounddesign.

Die US-Künstlerin fragmentiert ihre Songs. Ihre Schlagzeugspuren sind mit Effekten moduliert, die Samples ziehen Schlieren, und die Melodien verlassen ihre Umlaufbahn in schönster Unregelmäßigkeit und sie werden dabei auch von der Stimme von Halo und ihrer Gastsängerin Julia Holter nie wieder eingefangen. Ständiger Begleiter ist das dabei das Saxofon – in „Arschkriecher“ hat es seinen großen Auftritt. Leicht dissonant scheppert es durch den Song, während über einem schlurfenden Geräuscherhythmus immer wieder ein „Wonderful“ ertönt. Wunderbar, my ass.

Dieser absurde Humor ist prominent vertreten im Zeichenvorrat von Laurel Halo, der ihre – überwiegend männlichen – Kommentatoren immer wieder eine kühle Intellektualität unterstellt haben. Auf „Dust“ aber stellt sie die konkrete Dichtung des brasilianischen Schriftstellers Haroldo de Campos (1929–2003) neben banale Alltagsfragen, die sie mit dem Pathos einer Kunstinstallation vorträgt. Halo hat erkennbar Freude an der Auflösung subkultureller Gewissheiten – womit dann auch wieder der Bogen zur Theorie geschlagen ist. Denn ihre Fragen sind nicht nur schlau, sondern auch ein wenig unbequem.

 

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