Leben mit Einwanderung

‚Schöne Aussicht‘ für Geflüchtete

Das Kulturzentrum Bellevue di Monaco in München will Geflohene sozial integrieren. Im Herzen der Stadt und nicht am Arsch der Welt.

Die steigende Zahl an Flüchtlingen in München forcierte die Idee für das Integrationszentrum Bellevue di Monaco. Bild: dpa

Ein warmer Spätnachmittag im Frühsommer. Im Feierabendverkehr schieben sich die Autos durch die Münchner Müllerstraße, darunter viele teure. Die Altstadt und auch das angrenzende Glockenbachviertel, eigentlich seit je bekannt für seine bunte soziale Mischung, sind durchgentrifiziert. In der Müllerstraße 7 ragt The Seven in den Himmel, ein neuer Luxuswohnturm mit hermetisch wirkender Metallhaut.

Über die Edelimmobilie wurde schon viel geschrieben, wegen der spektakulären Aussicht ihrer Lofts und den noch spektakuläreren 22.000-Euro- Quadratmeterpreisen. Nur eine halbe Körperumdrehung und der Blick fällt auf eine andere Welt, nämlich das Haus Müllerstraße 6. Ein Bau aus den Fünfzigern. Auf seine spinatgrüne Fassade hat sich ein Grauschleier aus Feinstaub gelegt. Die hölzernen Balkonbrüstungen wirken baufällig, das ganze fünfstöckige Gebäude hat etwas Siffiges an sich.

Auch die beiden, noch viel älteren Häuser Nr. 4 und Nr. 2 daneben wirken – wenngleich romantisch von Kletterpflanzen eingerankt – dringend renovierungsbedürftig. Wenn es nach der Sozialpädagogin Angela Bauer geht, dann wird dieses Gebäudetrio seine beste Zeit noch erleben: als Kultur-, Integrations- und Begegnungszentrum für Flüchtlinge und Einheimische.

Gelebte Utopie und Selbstermächtigung

Seit Anfang April gehören die drei Häuser für 40 Jahre dem Bellevue di Monaco. Die 2015 gegründete Sozialgenossenschaft von mehr als dreihundertfünfzig engagierten Münchnern hat sie von der Stadt in Erbpacht übernommen. Auch wenn es kein Hotel werden soll, ist das Bellevue di Monaco die Münchner Version von Projekten, wie sie auch in Wien mit dem magdas Hotel lanciert wurden oder dem Grandhotel Cosmopolis in Augsburg. Es geht um gelebte Utopie und Selbstermächtigung. Die Grundidee: Geflüchtete aus dem Wartesaal des Lebens zu holen und ihnen einen Ort zu bieten, von dem aus sie in die Autonomie starten können.

Angela Bauer, 53, leitet hauptberuflich die Heilpädagogische Kinder- und Jugendhilfe. Sie gehört zusammen mit dem Kulturveranstalter Till Hofmann und Matthias Weinzierl vom Bayerischen Flüchtlingsrat mit zum Genossenschaftsvorstand. Gerade durchmisst sie auf ihren weißen Converse-Chucks den kleinen, gepflasterten Hof, den die drei Häuser bilden. Umstehende Bäume bieten Schatten.

Die Grundidee: Geflüchtete aus dem Wartesaal des Lebens zu holen und ihnen einen Ort zu bieten, von dem aus sie in die Autonomie starten können.

Bauer – dunkler Kurzhaarschnitt, runde schwarze Brille – beschreibt einen Kreis mit der Hand. „Hier werden wir Bänke und Tische aufstellen und Kräuter für unser kleines Restaurant anpflanzen.“ Sie dreht sich in Richtung spinatgrünes Haus. „Da kommt unten ein Infocafé hinein, wo man Kaffee und Kleinigkeiten kriegt, aber auch ganz unbürokratisch Rat, egal, ob man als Einheimischer eine Frage hat oder ob ein Geflüchteter wegen eines Ablehnungsbescheids schnell Hilfe braucht.“

Keine pittoreske Nebenwelt für einige wenige

In die Wohnungen darüber sollen nach ihrer Sanierung besonders schutzbedürftige Flüchtlinge einziehen, unbegleitete Minderjährige oder junge Erwachsene, die noch Betreuung brauchen. In der rund hundert Jahre alten Nr. 4 könnten Familien mit kleinen Kindern oder Alleinerziehende eine Heimat finden. „Und hier“, Bauer geht die drei, vier Stufen hinauf durch die offene Tür ins Innere des Hauses Nr. 2, „hier sollen Vorträge, Deutschunterricht, Musik- und Kulturveranstaltungen und alle Art von Treffen stattfinden.“

Der weite Raum mit den großen Fenstervitrinen, jahrelang ein Stofflager, bietet sich dafür an. Am Boden sieht man kreisförmige Kratzspuren, frischer Farbgeruch piekt in der Nase. In einer Blitzaktion mit sechzig freiwilligen Helfern hat man hier gerade saubergemacht und geweißelt. In einer Ecke steht ein gebrauchtes Sofa. Ex-Fußballprofi Mehmet Scholl hat es vorhin persönlich vorbeigebracht. Das hat etwas mit der Vernissage an diesem Abend zu tun. Doch dazu später.

Eine Holztreppe führt hinauf ins erste Geschoss. „Hier sollen Räume entstehen für Rechtsberatung und private Gespräche“, sagt Bauer. Ihr Blick hinter der Brille ist prüfend. „Vielleicht finden wir auch noch Platz für die Redaktion des BR-Radioprojekts Messages of Refugees.“ Vor dem inneren Auge des Betrachters füllen sich die leeren Zimmer mit Stimmen, mit Diskussion und mit Musik. „Aber es geht uns nicht darum, hier eine pittoreske Nebenwelt zu erschaffen, in der einige wenige ein kuscheliges Heim finden“, sagt Bauer. Die Ideen, die hier entwickelt werden, sollen hinausstrahlen.

Es geht nicht ums Unterbringen oder Verwahren

Ein Beispiel war die Aktion Packmos!, ein Hilfskonvoi ins griechische Flüchtlingscamp Idomeni. Ausgedacht und organisiert in der Müllerstraße. Bei der kommenden Sanierung der Gebäude sollen nicht nur Ehrenamtliche, sondern auch Flüchtlinge mithelfen. Das mit den Umbauarbeiten beauftragte Architekturbüro wird bevorzugt mit Firmen zusammenarbeiten, die Flüchtlinge als Praktikanten oder Azubis beschäftigen.

Bellevue versteht sich als Statement, dass es beim Umgang mit Geflohenen nicht ums Unterbringen oder gar Verwahren geht, sondern um soziale Integration. „Und zwar im Herzen der Stadt und nicht am Arsch der Welt in irgendeiner Halle“, wie es der Kulturveranstalter Till Hofmann ausdrückt, der inzwischen dazugekommen ist.

Statt Tristesse und sozialer Isolation soll das Bellevue Flüchtlingen die Gelegenheit zur Teilhabe am gesellschaftlichen Leben bieten. Bild: dpa

Er hat die Sache 2013 gestartet. Damals wollte die Stadt als Eigentümerin die drei Gebäude samt des graffitiverzierten Bolzplatzes einstampfen lassen, um Wohnraum zu schaffen. Zwar sollten hier keine Luxussuiten entstehen, sondern Sozialwohnungen, aber ein charmanter Treff und Spielplatz im Glockenbachviertel wäre verschwunden.

Eine nicht ganz legale Sanierungsaktion

Um diesen Platz zu retten, gründet Hofmann mit dem Filmemacher Christian Grisi Ganzer und dem SZ-Redakteur Alex Rühle die fiktive Immobilienfirma Goldgrund Immobilien. „Wir haben Plakate aufgehängt, die zeigten, wie so ein kompletter Neubau wirken würde.“ Die Folge: Die Glockenbacher demonstrieren gegen die Pläne des Stadtrates. Um diesen weiter unter Druck zu setzen, veranstaltet Goldgrund immer wieder medienwirksame Aktionen.

Einmal kommt der Fußballnationalspieler Bastian Schweinsteiger mit Bällen für die Kinder vorbei. Und dann startet die vermeintliche Immobilienfirma auch noch eine nicht ganz legale Sanierungsaktion und stellte sie online. In dem Videoclip renovieren zottelige Gorillas in weißen Maleranzügen die heruntergekommene oberste Wohnung des grünen Mietshauses. Dazu bläst und rappt eine tierische Band: „Irgendwer hat gesagt, diese Wohnungen sind greislig, abgewrackt. Doch sie sind eigentlich intakt, deswegen zeigen wir euch das, wir renovieren. Und ich glaube echt, ihr reißt das Ding nicht ab, denn irgendwie wirft das doch dann ein scheiß Licht auf die Stadt. Wenn jeder merkt, es geht gar nicht ums Wohnraumschaffen, vielleicht manchen eher ums Kohlemachen.“

„Revolución“ in München

Die Wohnung strahlt in neuem Glanz, und die Gorillas nehmen die Masken ab. Zum Vorschein kommen Münchner Lokalmatadoren: Fußballer Mehmet Scholl, Regisseur Marcus H. Rosenmüller, Kabarettistin Luise Kinseher, Bandmitglieder der Sportfreunde Stiller und von Blumentopf, Kabarettist Dieter Hildebrandt und andere. Letzte Einstellung: Ein Poster an der Wand, darauf der Schriftzug: „Revolución“. Das schlägt ein.

Jetzt erst erfahren die meisten Bürger, dass das rot-grün regierte Rathaus 17 Wohnungen in bester Zentrumslage seit Jahren herunterkommen und leer stehen lässt. Und das Ganze kurz vor der Wahl des neuen Oberbürgermeisters. Ein zäher Kampf zwischen dem Kommunalreferat der Stadt und der Initiative beginnt. Renovieren und Flüchtlinge einquartieren, fordern die Aktivisten.

Die Gebäude seien nicht sanierbar, heißt es aus dem Rathaus. „Dann wiesen wir aber mit Energiegutachten und Stellungnahmen von Statikern nach, dass die Häuser mitnichten bruchfällig sind, sondern mit wenigen Mitteln wieder bewohnbar gemacht werden können“, sagt Hofmann.

Das Gefühl, außen vor zu sein

Als 2014 immer mehr flüchtende Menschen nach München kommen und die Erstaufnahmeeinrichtungen überquellen, entsteht die Idee zu einem Integrationszentrum für Flüchtlinge – und überzeugt endlich die Stadt. Goldgrund holt den Bayerischen Flüchtlingsrat ins Boot, gewinnt Jugendhilfeträger und weitere Kulturschaffende und eben Angela Bauer als Profi der Jugendarbeit mit Flüchtlingen.

„Da draußen wohnten nicht die Gymnasiasten, die zum Flötenunterricht gingen.“

Warum engagiert sich die Sozialpädagogin auch noch ehrenamtlich für diese Menschen? Die Frage beantwortet sie mit ihrer Lebensgeschichte. „Ich kenne das Gefühl, irgendwie außen vor zu sein, nicht richtig Teil am Leben zu haben.“ Sie setzt sich auf die warmen Stufen vor dem Haus und erzählt in ihrem melodischen Münchnerisch.

Bauer ist ein Schwabinger Kindl, ihre Eltern hatten eine Schlosserei. Als sie in die Schule kommt, zieht die Familie ins Hochhausviertel Neuperlach. „Da konnten meine Eltern eben Wohnraum bezahlen.“ Aber in dieser Trabantenstadt jenseits des lebendigen, des echten Münchens ist es stinkfad. „Da draußen wohnten nicht die Gymnasiasten, die zum Flötenunterricht gingen.“

„Wie es sich anfühlt, eine Chance zu kriegen.“

Was kann man da tun außer Spielautomaten aufknacken? Nur das Freizeitzentrum und der Sozialpädagoge dort geben ihr Halt. Sie lacht bei der Erinnerung. Dann hält sie kurz inne. „Ich weiß aber auch, wie es sich anfühlt, eine Chance zu kriegen.“ Über den zweiten Bildungsweg – „Das war mal eine echt sozialdemokratische Idee!“ – holt sie das Abitur nach und studiert Sozialpädagogik. Es sind die Achtziger. Mitstudenten politisieren sie. Sie fährt mit Arbeitsbrigaden des Ökumenischen Büros zweimal nach Nicaragua, wo nach der Revolution die siegreichen Sandinisten eine große Bildungsoffensive fahren.

Ein „Erweckungserlebnis“ nennt sie das. Praktisches Tun für eine gerechtere Welt. „Wir haben eine Schule und ein Postamt errichtet.“ Zugleich erlebt sie, was es heißt, in einer verarmten und verrohten Gesellschaft zu leben. „Da ballerten abends betrunkene Sandinisten- Kämpfer einfach so mit dem Gewehr in die Luft.“ Heute erkennt sie diese Angst und Rohheit manchmal im Verhalten ihrer Schützlinge, die aus heutigen Bürgerkriegsländern kommen.

Ihr Engagement hat ihr schon das Bundesverdienstkreuz eingebracht. Sie bekam es 2008 von der damaligen Arbeitsministerin Ursula von der Leyen verliehen, für die Gründung des Restaurants am Roecklplatz, in dem benachteiligte junge Menschen eine Ausbildung im Gastgewerbe bekommen. Aber das erzählt Bauer nicht. Das muss man schon selbst entdecken.

Das Sofa von Mehmet Scholl

Bei so viel Einsatz für andere, wo bleibt ihr eigenes Leben? „Ich komme oft nach Haus und sitze geistig noch am Schreibtisch“, gibt Bauer zu. „Aber ich habe eine 13-jährige Tochter, die mich auch braucht, und die ruft dann zu Recht genervt: Mama, mach dein Handy aus!“

Es ist Abend geworden. Inzwischen tauchen immer mehr Leute in dem kleinen Hof auf. Leute aus dem Viertel, ein Trupp junger Nigerianer – und ein Dutzend Fußballfans. Die Schickeria München, die Südkurve des FC Bayern, die sich gegen Rechtsextremismus positioniert, eröffnet ihre Ausstellung über Verfolgung und Flucht der jüdischen Mitglieder des Fußballvereins in der NS-Zeit. Deswegen also das Mehmet-Scholl-Sofa.

Angela Bauer lacht. „Auch mich bringt das Bellevue mit Gruppen zusammen, mit denen ich ehrlich gesagt noch nie etwas zu tun hatte!“ Wenn man aus dem Hof wieder auf den Bürgersteig tritt, fällt wieder unweigerlich The Seven in den Blick. Aber die schönere Aussicht bietet das Bellevue.

Der Artikel von Margarete Moulin ist erschienen in zeozwei 3/16. Gerne können Sie den Artikel auf unserer Facebook-Seite diskutieren.