Libyen und die alten Konfilkte

Wüste der Feindseligkeit

Der Arm des Staates reicht nicht mehr bis in den Süden. In Kufra stehen sich arabische Zuweia und schwarzafrikanische Toubou gegenüber. Revolutionäre versuchen zu vermitteln.

Revolutionäre versuchen in Kufra, die verfeindeten Völker zu befrieden.  Bild: dpa

KUFRA taz | Der Landeanflug auf eine der lebensfeindlichsten Ecken der Sahara bietet eine Überraschung. Riesige kreisrunde Felder liegen verstreut in der Wüste, obwohl schon ein Vierteljahrhundert kein Regen mehr gefallen ist. Mit Wasser, gepumpt aus hunderten Metern Tiefe, produzieren die Bauern Kufras für den Rest des Landes Tomaten, Kartoffeln und Getreide.

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Ein gigantischer unterirdischer See versorgt über Pipelines zudem die 1.000 Kilometer entfernte Mittelmeerküste. Mitten im Dünenmeer setzt die erste Passagiermaschine nach dem Ende des Krieges in Libyens trockener Kornkammer auf.

Hier im Südosten des Landes, wo die Kolonialmächte willkürlich Grenzen zwischen Ägypten, dem Tschad, dem Sudan und Libyen gezogen haben, herrscht seit Jahren ein stiller Krieg. „Über Jahrhunderte zogen die Karawanen aus Zentralafrika durch Kufra an die Küste. Jetzt macht uns der Schmuggel mit Menschen, Waffen und Drogen kaputt“, sagt ein Anwohner.

Eine Handvoll Journalisten, aus Tripolis eingeflogen, schaut sich auf den ramponierten Straßen um. Die libysche Armee existiert zwar nur auf dem Papier, doch ein gutwilliger General hat den fragilen Waffenstillstand in Kufra nun für eine hastig organisierte Pressereise genutzt.

Die Toubou: Das Volk der Toubou mit seinen rund 350.000 Angehörigen lebt mehrheitlich im Tschad, aber auch in Libyen, Niger und dem Sudan. Traditionell waren die Toubou Hirten und Nomaden, heute leben viele von ihnen als Halbnomaden in Städten. Die Toubou sind in Stämme unterteilt; die Frauen haben eine vergleichsweise starke Stellung. Unter Gaddafi waren sie Opfer einer massiven Diskriminierung und gründeten die "Toubou-Front zur Rettung Libyens" (TFSL). Die Toubou beteiligten sich 2011 am Kampf gegen Gaddafi, nach dessen Sturz löste sich die Front auf.

Der Konflikt: Ähnlich wie in Kufra kam es Ende März auch in Sebha zu Kämpfen zwischen den Toubou und arabischen Stämmen. 147 Personen wurden getötet und 395 verletzt. Der Nationalrat in Tripolis schickte 1.500 Soldaten, um die Kämpfe zu beenden.

Die Drohung: Während der Auseinandersetzungen sagte Toubou-Führer Abdel Majid Mansur, bei den Kämpfen handele es sich um einen Plan zur "ethnischen Säuberung" gegen sein Volk. Er drohte mit einer Abspaltung von Libyen nach Beispiel des Südsudan. Außerdem sei die TFSL reaktiviert worden. "Falls es notwendig sein sollte, werden wir eine internationale Intervention fordern, um das Toubou-Volk vor der ethnischen Säuberung zu schützen," sagte Majid gegenüber AFP. (b.s.)

Kufra ist jetzt eine geteilte Stadt. Die eine Hälfte kontrollieren die arabischstämmigen Libyer der Zuweia, die andere Hälfte die dunkelhäutigen Libyer vom Volk der Toubou.

Nach Monaten der Angst stellen die Händler nun vorsichtig ihre Ware heraus. Den Weg zur Waffenstillstandslinie findet man leicht – immer den größer werdenden Zerstörungen und den verstörten Blicken der Einwohner nach.

Bewaffnete Erskorte

Der Bus der Journalisten wird von einer Einheit von Revolutionären aus Bengasi eskortiert, die zwischen den Toubou und Zuweia vermitteln sollen und die libysche Armee vorläufig vertreten.

Am Checkpoint, der mit ein paar Steinen markiert ist, heißt es warten bis zur Weiterfahrt in den Toubou-Sektor. Keine 100 Meter entfernt spähen sichtlich nervöse Toubou-Jugendliche herüber, die ihre Kalaschnikows von der Schulter nehmen. Während der Revolution haben sie noch mit den Jungs der Zuweia gemeinsam gegen Gaddafi gekämpft.

„Anfang Januar haben uns die Toubou aus dem Tschad angegriffen, und die Toubou aus Kufra haben ihnen geholfen. Es sind sogar immer noch Kämpfer aus dem Tschad dort drüben versteckt,“ erregt sich Mohamed aus dem arabischen Teil und zeigt wie zum Beweis zum Toubou-Stadtteil, wo in weiter Ferne einige Vermummte doch nur zu erahnen sind.

„Mit den Toubou aus Kufra haben wir keine Probleme, wir leben seit Jahrhunderten zusammen. Ich kann aber wegen vermummter Scharfschützen nicht mehr auf meine Farm“, fügt er hinzu. 150 Menschenleben haben die Kämpfe der letzten Wochen gekostet.

Gaddafis langer Atem

Den Grund für den Konflikt glauben alle arabischen Libyer längst zu kennen, und die Zuweia von Kufra erzählen es bereitwillig in die Mikrofone: Der in Algerien lebende Teil des verbliebenen Gaddafi-Clans habe die Toubou im Tschad dafür bezahlt, in Südlibyen Unruhe zu stiften. Daher müssten die Toubou aus dem Tschad vertrieben werden.

Den Journalisten reicht das als Erklärung nicht aus, und obwohl der Bus eigentlich schon wieder zum Flughafen umkehren müsste, bestehen sie auf einen Besuch bei den Toubou.

Kommandeur Iachija Gassabi aus Bengasi gibt schnell nach. Nun aber verweigert der Toubou-Sheik die Weiterfahrt, und um den Bus versammeln sich immer mehr junge Leute mit Waffen.

Feindselige Blicke

Der Toubou-Sheik macht ein Angebot. Die Journalisten dürften kommen, nicht aber die von Einschusslöchern durchsiebten Pick-ups ihrer Bewacher. Doch die feindseligen Blicke der Toubou lassen dann den gesamten Konvoi umkehren. 

„Kaum jemand von der Küste kennt Kufra und schon gar nicht die Toubou, obwohl sie Libyer sind. Gaddafi hat uns von allem ferngehalten. Ich will jetzt mit eurem Sheik sprechen, um das alles zu verstehen!“, ruft ein Journalist enttäuscht einem Toubou zu, als die Busse abdrehen.

Abubaker Ualih ist der einzige Arzt im Krankenhaus des Toubou-Sektors. Er hat für den Konflikt eine ganz andere Version parat. „Wir werden von den arabischen Zuweia unterdrückt. Mit und ohne Gaddafi. Es gibt doch gar keine Angreifer aus dem Tschad, es geht den Zuweia in Wahrheit um die Grenze, die nach der Revolution von einer Toubou-Einheit kontrolliert wird. Sie wollen uns alle vertreiben. Jetzt lassen sie nicht einmal unsere Verletzten ins Krankenhaus“, behauptet er.

Längst verläuft die gesellschaftliche Bruchlinie in Libyen nicht mehr zwischen Anhängern und Gegnern Gaddafis. Alte Minderheitskonflikte werden mangels staatlicher Strukturen zunehmend mit Waffen ausgetragen – im Süden in Kufra und Sebha, im Westen in Ghadames, wo sich die Tuareg unterdrückt fühlen.

Ureinwohner der Sahara

Seit Jahrhunderten besiedeln die Toubou die Sahara auf einer Fläche so groß wie Westeuropa. Vom Gilf-Kenir-Plateau im heutigen Ägypten bis ins Herz Darfurs im heutigen Sudan, vom Karoar-Gebirge in der heutigen Republik Niger bis zum Tschadsee.

Wie die Tuareg sind auch sie Ureinwohner der Sahara. 1730 vertrieb ein arabisches Heer die Toubou ins Tibesti-Gebirge, einem südlich der heutigen libyschen Grenze gelegenen Gürtel aus erloschenen Vulkanen, auch Gebirge des Hungers genannt. Dort wächst kein Strauch.

Gaddafi heuerte während der Revolution viele Männer aus dem Tschad und Niger als Söldner an. Sie brachten auch nach Kufra Angst und Schrecken. Daher halten viele in Libyen Schwarze aus den südlichen Nachbarländern und die Tuareg pauschal für Gaddafi-Anhänger.

Revolutionäre der ersten Stunde

„Gaddafi hat zwar die Toubou im Tschad unterstützt, um auf den dortigen Präsidenten Druck auszuüben“, sagt der Arzt Abubakr Ualih. „Aber uns hat er unterdrückt. Wir in Kufra waren Revolutionäre der ersten Stunde gegen ihn. Nun sind wir das Opfer der Machtpolitik in diesem Gebiet und der Vorurteile, die dadurch entstanden sind.“

Während die Tuareg in den letzten Wochen mit Gaddafis Waffen große Teil des Niger und Malis erobert haben, sind die Toubou hier eher schlecht ausgerüstet. Viele in Kufra besitzen nicht einmal die libysche Staatsbürgerschaft, selbst wenn sie im Staatsdienst gearbeitet haben.

In einem schäbigen Gebäude im Zentrum von Kufra haben die Revolutionäre aus Bengasi eine weitere Gruppe Unglücklicher versammelt. Zerlumpte aus zehn afrikanischen Ländern hocken in Reih und Glied. Ihnen wird vorgeworfen, mit den Angreifern aus dem Tschad gekämpft zu haben. Sie besitzen nicht mehr als das, was sie am Leibe tragen, einige haben keine Schuhe.

Zwischen allen Fronten

„Ich habe vierzig Tage in der Wüste ausgeharrt“, erzählt Dereje aus Äthiopien. „Den Sudan durfte ich erst verlassen, als ich tausend Dollar gezahlt habe. Wir waren ungefähr dreißig Personen. Einige hatten das Geld nicht, sie harren wohl noch in der Wüste aus.“

Die Schlepper haben ihn dann im Tschad, hundert Kilometer von Kufra entfernt, im Tibesti-Gebirge abgesetzt. Losmarschiert seien zwanzig Äthiopier, zehn Sudanesen und neunzig Somalier.

An der Grenze habe sie dann ein Schwarzer mit Namen Issam auf Arabisch angesprochen. „Seine Leute haben uns mitgenommen und vor Kufra einfach zwischen die Fronten gestellt“, schließt Dereje.

Hoffnungen im Elend

Edi aus Eritrea ist Automechaniker. Er starrt auf den Boden. Edi berichtet von Maklern, die ihm versprachen, dass es in Libyen genug Arbeit gebe. Zwei Monate saß er an der Grenze, 200 Kilometer südlich von Kufra, gefangen in einem fensterlosen Bau. Die Verlegung in das Auffanglager in der Stadt lässt ihn hoffen. „Hier schlägt uns niemand. Vielleicht lassen sie uns ja sogar weiter nach Europa.“

Das Gaddafi-Regime hat den Menschenhandel jahrelang gefördert, um die EU unter Druck zu setzen. Von dem Schmuggel haben alle in Kufra profitiert. Für die Fahrt aus der unwirtlichen Sahara nach Tripolis zahlten die Flüchtlinge 400 Euro.

Gemüselaster aus Kufra

In Tripolis kann sich mancher gut an die Gemüselaster aus Kufra erinnern, unter deren Planen Flüchtlinge versteckt waren. Fischer, vom Geheimdienst gezwungen, verkauften ihre Boote an die Flüchtlinge, die dann, ohne vorher jemals auf See gewesen zu sein, in Richtung Italien losfuhren. Andere wurden als Söldner einfach in Uniformen gesteckt, um für Gaddafi zu kämpfen, gerade in der Revolution.

In die grimmige Miene von Kommandeur Iachija Gassabi mischt sich Entsetzen, als er von den grauenvollen Bildern bei seinen Einsätzen an der Grenze hier bei Kufra – in dem auch für ihn fremden und unkontrollierbaren Sandmeer – erzählt:

„Die illegale Migration ist eine ganz große menschliche Katastrophe hier und hat den Konflikt in Kufra erst möglich gemacht. Die Menschenhändler aus dem Tschad nehmen ihnen oft ihr gesamtes Geld ab. Wir haben hunderte Verhungerte oder Verdurstete in der Wüste gefunden. Europa will doch diese Leute nicht, dann sollte Europa uns hier helfen.“

 

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