Linksradikale Zusammenschlüsse

Kuscheln im Bündnis

Die Antifaschistische Linke Berlin ist aufgelöst, manche Aktivisten sehen Potenziale in einer größeren Vernetzung. Welche Bündnisse gibt es?

Block der Interventionistischen Linken auf der Blockupy-Demonstration 2013. Bild: dpa

Interventionistische Linke (IL)

Gründung: 2005

Gruppen: Avanti – Projekt undogmatische Linke mit Ortsgruppen in sechs norddeutschen Städten und Berlin, Gruppe FelS, dissident Marburg, Kampagne Libertad! u.a.. Auch Einzelpersonen können Mitglied werden, der wohl bekannteste unter ihnen ist der Philosoph Thomas Seibert. Die Antifaschistische Linke Berlin war ebenso ein Teil, für einige ihrer Aktivisten wird es im Rahmen der IL weitergehen, eventuell in einer gemeinsamen IL Berlin-Gruppe.

Theorie & Praxis: Theorie ist was für antideutsche Philosophen, bei der IL macht man vor allem Kampagnen. Die Massenproteste, die Deutschlands größten Naziaufmarsch zum Erliegen brachten (“Dresden nazifrei“), die Kampagnen “Block G8“ und “Castor schottern“ oder die Mobilisierung gegen die europäische Krisenpolitik (Blockupy) – überall gelang es den Post-Autonomen über ihr eigenes Spektrum hinaus tausende Aktivisten auf die Straße zu bekommen.

Bündnisfähigkeit: Mit der Linkspartei wird gekuschelt, vielleicht auch, weil die Partei für einige Genossen Arbeitgeber ist. Insgesamt breite Bündnisorientierung, die nicht nur theoretisch behauptet, sondern praktisch umgesetzt wird. Selbst Kirchenvertreter und Gewerkschafter dürfen bisweilen auf der radikalen Welle mitsurfen. Mit Blockupy versucht man seit einiger Zeit ein europaweites Protestbündnis auf die Beine zu stellen.

Relevanz: Prägender Akteur der radikalen Linken in den vergangenen Jahren. Maßgeblicher Einfluss auf die Etablierung des Konzeptes massenhaften zivilen Ungehorsams.

Slogan: Die Krise heißt Kapitalismus

Militanz: Gewalt ist höchstens Mittel zum Zweck, kein Selbstzweck. Das alt-autonome Abfeiern des schwarzen Blockes ist dem massenhaften Widersetzen von staatlichen Ordnungsvorstellungen gewichen. Hier agieren keine Hobby-Autonomen, sondern strategische Politikplaner.

umsGanze!

Gründung: 2006

Gruppen: Insgesamt elf, darunter T.O.P Berlin, Radical (M) Göttingen, Kritik & Praxis Frankfurt, LevelUp Tübingen, Antifa AK Köln, autonome antifa Wien

Theorie & Praxis: Im Gegensatz zur IL vereint das „kommunistische Bündnis“ Gruppen aus dem antideutschen Spektrum. Die Kritik an Nationalismus und Antisemitismus führt nicht zwangsläufig zu einer bedingungslosen Israel/USA-Solidarität. Theoriearbeit wird groß geschrieben, Mobilisierungsflyer sind schon einmal vier Seiten lang; doch auch die Praxis kommt nicht zu kurz – jedenfalls wenn es gegen Deutschland geht. Auf die Straße geht man gegen Jubiläumsfeierlichkeiten zur deutschen Wiedervereinigung oder wie am 31. März 2012 am europaweiten Aktionstag gegen Kapitalismus in Frankfurt (M31). Ergebnis: 6.000 Teilnehmer, eine Million Euro Sachschaden, 450 Festnahmen.

Bündnisfähigkeit: War M31 noch ein eigener Akzent in Abgrenzung vor den ersten Blockupy-Protesten, demonstriert man inzwischen zusammen mit der IL gegen die europäische Krisenpolitik. Dem verstärkten Bemühen um eine Zusammenarbeit innerhalb der radikalen Linken steht eine tiefe Skepsis gegenüber Akteuren außerhalb dieses Spektrums gegenüber.

Relevanz: Mobilisieren kann man fast so gut wie die IL, die öffentliche Wahrnehmung leidet jedoch unter einem radikaleren, eher auf Abgrenzung bedachten Auftreten.

Slogan: Staat.Nation.Kapital.Scheiße!

Militanz: Das Verhältnis ist ambivalent und spiegelt sich im szeneinternen Image wider: Antideutsche Hipster, die tagsüber Latte Macchiato in Szene-Kaffees trinken, schlüpfen abends in ihre Black-Block-Markenkleidung.

Revolutionäres Bündnis 3A

Gründung: 2010

Gruppen: Rote Szene Hamburg, Antifaschistische Offensive Leipzig, Antikapitalistische Aktion Bonn, Antifaschistische Revolutionäre Aktion Berlin (ARAB) u.a.

Theorie & Praxis: Die anti-imperialistischen Gruppen bemühen sich, so sagen es die drei A‘sm, um Antifaschismus, Antimilitarismus und Antikapitalismus. Protestiert wird gegen die Sicherheitskonferenz in München oder den Afghanistankrieg und für den revolutionären 1. Mai, stets klassenkämpferischer Rhetorik. Und alljährlich sieht man die Genossen auf der traditionellen „Liebknecht-Luxemburg-Lenin“-Demonstration in Berlin.

Bündnisfähigkeit: Für Blockupy 2014 und die Anti G7/G8-Proteste 2015 ruft man zusammen mit der IL und anderen linken Gruppen auf. Außerhalb des Spektrums wird es aufgrund der eigenen gesellschaftlichen Marginalität eher schwierig – zumindest im eigenen Land. International hält man die Fahnen der Freiheitskämpfer hoch, gute Kontakte bestehen insbesondere zu kurdischen Gruppen.

Relevanz: Die öffentliche Wahrnehmung des Bündnisses geht gegen Null, selbst zu einem Wikipedia-Eintrag hat es noch nicht gereicht.

Slogan: Für den Kommunismus

Militanz: Propagiert wird der Kampf Klasse gegen Klasse, mangels Klassenbewusstsein der breiten Masse kommt es dazu aber nicht. Ob sich der Antimilitarismus auch in direkten Aktionen niederschlägt, wissen nur die Beteiligten selbst.

Neue antikapitalistische Organisation (NaO-Prozess)

Gründung: Im Diskussionsprozess befindet man sich seit 2010. Im Dezember 2013 erschien das Manifest, das zum Aufbau einer bundesweiten Struktur mit eigenen //:NaO-Ortsgruppen aufruft.

Gruppen: Am Prozess beteiligt sind die Gruppen Revolutionärer Sozialistischer Bund, Sozialistische Initiative Berlin, Gruppe Arbeitermacht, internationale sozialistische linke und Revolution. Eigenständige NaO-Gruppen existieren bereits in Potsdam und Berlin.

Theorie & Praxis: Lange Organisationsprozesse brauchen viel Papier.

Bündnisfähigkeit: Die Frage stellt sich zuallererst nach innen. Es bleibt spannend, ob sich die teilweise eher sektiererisch agierenden Gruppen, wirklich zu einem Bündnis zusammenraufen können. Nach Außen übt man sich schon einmal in der Abgrenzung zur IL, der man Anschlussfähigkeit an „sozialdemokratische und linksliberale BündnispartnerInnen“ vorwirft. Das will man bei NaO nicht, dennoch bzw. deshalb werden die Forderungen nach „Klassenkampf“ und „Einheitsfront“ wohl auf absehbare Zeit unerfüllt bleiben.

Relevanz: siehe Bündnisfähigkeit

Slogan: One solution: Revolution

Militanz: Worte können eine Waffe sein

 

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