Der Luchterhand Verlag gehört zum Inventar der Bundesrepublik. Recherchen zeigen nun die Machenschaften des Verlegers Eduard Reifferscheid in der NS-Zeit. von Philipp Gessler

Auch die „Blechtrommel“ von Günter Grass erschien im Luchterhand Verlag (hier eine Theateraufführung in Bochum). Bild: dapd
Alexander Solschenizyn, Christa Wolf oder Jurek Becker – über Jahrzehnte galt der Luchterhand Verlag im deutschen wie internationalen Literaturbetrieb als eine erste Adresse der Starautoren, gebucht auf Weltbestseller, etwa der „Blechtrommel“ von Günter Grass. Es war der Verleger Eduard Reifferscheid (1899 - 1992), der wesentlich das Renommee von Luchterhand begründete: mit der richtigen Nase für große Literatur und große Talente wie Grass, den späteren Literatur-Nobelpreisträger. Doch wie Grass hatte auch Reifferscheid eine dunkle Seite, die bisher unbekannt blieb.
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Wie eine Recherche der taz ergab, spielte Reifferscheid in der Nazizeit ein böses Spiel mit dem Berliner Druckereibesitzer Otto Heinrich Scholz. Zunächst ging Reifferscheid mit Unterstützung von Heinz Luchterhand eine Kooperation mit Scholz ein – um den Unternehmer dann auszubooten, auch unter Ausnutzung der Tatsache, dass seine Lebensgefährtin Meta Jüdin war.
Der wegen „Rassenschande“ von den Nazis verfolgte und drangsalierte Scholz musste ins Ausland fliehen, weil er zu seiner späteren Frau Meta stand, die die Nazis misshandelten.
Luchterhand und Reifferscheid aber profitierten von einem bis heute nicht bekannten, üblen Trick, der den Aufstieg des Luchterhand Verlages nach dem Krieg erst möglich machte. Wie aus im Berliner Landesarchiv lagernden Akten hervorgeht, kaufte sich der Luchterhand Verlag 1939 zu einem äußerst günstigen Preis in die Druckerei Otto Heinrich Scholz ein, der von den Nationalsozialisten drangsaliert wurde.
Scholz wurde wegen seiner jüdischen Lebensgefährtin und späteren Frau von der Gestapo verfolgt sowie im Naziblatt „Stürmer“ verhöhnt. Meta Scholz misshandelten die Nationalsozialisten. Nachdem das Paar nach Großbritannien ausgewandert war, leiteten die Nazis ein Ausbürgerungsverfahren ein. Luchterhand-Verlagschef Eduard Reifferscheidt und Heinz Luchterhand klagten gegen Scholz und drängte ihn so ganz aus seiner Druckerei heraus.
Das Ehepaar Scholz prozessierte nach 1945 von England aus um eine Entschädigung oder eine Rückgabe der Druckmaschinen, die ihm Reifferscheid und Luchterhand abgenommen hatten. Erst am 28. August 1961, zwei Jahrzehnte nach Zerstörung von Scholz' Lebenswerk, kam es zu einem Vergleich. Scholz nahm die Rückerstattungsansprüche zurück. Dafür zahlte Luchterhand an ihn 125.000 Mark.

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Foto: tazDer Luchterhand Verlag hat dieses Kapitel nicht aufgearbeitet. Indes stellte sich der langjährige Verlagsschef Reifferscheidt als Nazi-Gegner dar. Er wurde von Autoren wie Günter Grass und Ernst Jandl sehr geschätzt. 1975 erhielt er das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse, 1992 starb er.
Der Münchner Luchterhand Literaturverlag, der in der Nachfolge des Luchterhand Verlages steht, erklärte in einer ersten Reaktion auf taz-Nachfrage, man habe von den Ergebnissen dieser Recherche „heute zum ersten Mal erfahren“. „Wir legen auf jeden Fall größten Wert auf die lückenlose Erforschung und Aufarbeitung der Geschichte des Luchterhand Verlags, dies gilt insbesondere und ausdrücklich auch für die Epoche der NS-Zeit. Daher messen wir Ihren Recherchen große Bedeutung bei und sind an deren genauen Ergebnissen und Quellen sehr interessiert.“
Den Weg des Nazi-Opfers Otto Heinrich Scholz und wie der Verlagsmanager Reifferscheid seine Situation ausznutzte, wird in der „Ganzen Geschichte“ der aktuellen sonntaz geschildert. Die sonntaz ist am Kiosk, e-Kiosk oder im Wochenend-Abo erhältlich.
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