#Metoo und sexuelle Übergriffe in Japan

Was peinlich ist, wird versteckt

Der globale Ruf der MeToo-Bewegung fand in Japan kaum Gehör – dort herrscht eine ausgeprägte Schamkultur. Doch langsam tut sich etwas.

Viele Menschen sitzen in einer Ubahn

Frauen werden in Japan besonders häufig in U-Bahnen belästigt Foto: Liam Burnett-Blue/unsplash

TOKIO taz | „Chikan“ heißt in Japan das Phänomen, wenn japanische Männer im Gedränge in überfüllten Pendlerzügen Frauen an den Busen oder unter den Rock greifen. Um das zu verhindern, haben die Bahngesellschaften schon vor Jahren für die Rushhour Frauenwaggons eingeführt. Doch verbale und physische Attacken auf Frauen sind ein Alltagsphänomen geblieben, wie sich jetzt herausstellte. Der Staatssekretär im Finanzministerium, Junichi Fukuda, trat, nachdem man ihm sexuelle Belästigung mehrerer Journalistinnen vorwarf, zurück. Sein Fall zeigt das eigentliche Problem von Frauen in Japan auf und beschäftigte in dieser Woche daher das ganze Land.

Bei seinem Rücktritt bestritt der Topbeamte den Vorwurf des Boulevardmagazins Shukan Shincho, er habe Frauen mit sexuell anzüglichen Bemerkungen belästigt, und kündigte juristische Gegenmaßnahmen an. Daraufhin veröffentlichte die Zeitschrift den Mitschnitt eines Gesprächs zwischen Fukuda und einer Journalistin. Darin soll der Beamte sie gefragt haben, ob er sie küssen und ihre Brüste berühren dürfe.

Japanische Frauen haben es schwer, sich dagegen zu wehren. In westlichen Ländern wie Deutschland herrscht eine Schuldkultur, man sucht einen Sündenbock. Aber Japan hat eine Schamkultur. „Auf einen stinkenden Eimer gehört ein Deckel“, lautet eine japanische Redewendung. Was peinlich ist, wird versteckt. Das gilt auch für Belästigungen und Vergewaltigungen von Frauen, obwohl „Sekuhara“ – so die Abkürzung des englischen Begriffs sexual harassment – weit verbreitet ist. Infolge dieser Schamkultur gehen die meisten Japanerinnen nicht zur Polizei, wenn Männer ihnen Gewalt angetan haben. Daher gibt es in Japans offizieller Statistik nur ein Neuntel so viele Vergewaltigungen pro 100.000 Einwohner wie in Deutschland.

Auch der globale Ruf der #MeToo-Bewegung fand in Japan kaum Gehör. Nur eine kleine Gruppe von Aktivistinnen hielt dagegen. „Lasst uns alle zusammenkommen und die Gesellschaft verändern“, forderte die Mitgründerin Miwa Kato. Die Gruppe rief Anfang März die Bewegung „WeToo“ ins Leben. Das Motto berücksichtigt Japans Schweigekultur: Frauen sollen Männer gemeinsam anklagen. Die Solidarität der Gruppe soll die Scham der einzelnen Frau besiegen.

Einschüchterung der Opfer

Aber es gibt auch mutige Frauen, die allein handeln: Die Journalistin Shiori Ito schilderte vergangenes Jahr ihre Vergewaltigung in einem Buch, obwohl der Täter ein bekannter Journalist gewesen sein soll. Ein Haftbefehl gegen ihn wurde plötzlich aufgehoben, vermutlich weil er als Autor eines Buchs über den rechtsnationalen Premierminister Shinzo Abe gut vernetzt ist. Im Februar trat der Präsident des Nahrungsherstellers NH Foods zurück. Ein NH-Jungmanager hatte die Mitarbeiterin einer Fluggesellschaft sexuell belästigt, die sich bei ihrem Arbeitgeber beschwerte.

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Wo das Problem liegt, zeigen die männlichen Reaktionen auf den Enthüllungsbericht über den Staatssekretär. Dessen Vorgesetzter, Finanzminister Taro Aso, ein 77 Jahre alter Multimil­lio­när, der für seine losen Sprüche bekannt ist, beließ es bei einer Ermahnung für seinen Stellvertreter. Man müsse dessen Menschenrechte berücksichtigen, meinte Aso. Einige Tage später bot das Finanzministerium den belästigten Frauen doch noch an, sich bei einer beauftragten Anwaltskanzlei zu melden. Darauf meinte Innenministerin Seiko Noda, das fühle sich nicht richtig an. Eine Gewerkschaft sprach offen von Einschüchterung der Opfer.

Nicht besser reagierte der Arbeitgeber der Journalistin, die den Skandal an die Öffentlichkeit gebracht hatte. Der Nachrichtenchef von TV Asahi, Hiroshi Shinozuka, gab zu, dass der Sender der Reporterin zum Schweigen geraten habe, weil andernfalls ihr Name bekannt würde und sie leiden müsste. Diese Reaktion sei nicht angemessen gewesen, räumte Shinozuka nun ein. Weil ihr Arbeitgeber nicht reagieren wollte, hatte die Frau heimliche Mitschnitte ihrer Gespräche mit dem Staatssekretär an das Wochenmagazin gegeben, um ein Zeichen zu setzen. Dennoch warf TV Asahi ihr nun vor, ihre Rechercheinformationen Dritten zugänglich gemacht zu haben.

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LGBTQIA gibt es auf der ganzen Welt. Feminismus ist längst nicht mehr nur Frauensache. Trotzdem leben nicht alle Menschen unter den gleichen Bedingungen.

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