Bei einer Zwangsräumung in Neukölln kommt es erneut zu Protest: Demonstranten blockieren Hauseingang. Und schon bald soll nächste Räumung verhindert werden.von Konrad Litschko

Halfen am Ende auch nichts: Demonstranten am Dienstag in der Reuterstraße. Bild: dpa
Als Rebecca Schneider am Dienstagmorgen in die Neuköllner Reuterstraße biegt, weiß die zierliche Frau mit dem Rollkoffer noch nicht, dass sie auch in fünf Stunden ihren Job noch nicht getan haben wird. Um 9 Uhr war die Gerichtsvollzieherin auf dem Weg zur Hausnummer 2, mit einem Schlosser und einer Frau von der Hausverwaltung im Schlepptau. Da aber saßen bereits gut 70 Blockierer vor der Tür. Und die wichen auch die nächsten Stunden nicht.
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Zum wiederholten Male wurde damit eine Zwangsräumung in Berlin von Protest begleitet. Im Februar demonstrierten Hunderte gegen eine Räumung in Kreuzberg, wenig später auch in Reinickendorf. Am Dienstag wurde kurzfristig per SMS-Kette zum Widerstand gerufen. Auf einem Transparent fordern die Protestierer „Räumung is nich“, auf Pappen setzen sie sich vor den Hauseingang. Auch eine Rollstuhlfahrerin stellt sich dazu. Die Polizei rückt mit mehreren Einsatzwagen an und sperrt gleich die ganze Straße.
In der ersten Etage des Hauses mit der Nummer 2 hängt noch ein Vogelhaus am Balkon, steht eine Topfpalme hinter den weißen Gardinen. Vor dem Haus läuft aufgeregt ein junger Mann in schwarzer Fleecejacke, mit ernstem Blick: Prashanthan Kulasingam. 15 Jahre, erzählt der auf Sri Lanka Geborene, hätten seine Eltern dort oben in der 98-Quadratmeter-Wohnung gelebt. Vor zwei Jahren sei der neue Eigentümer gekommen, Besitzer mehrerer Häuser. Der habe erst die Miete auf 700 Euro erhöht, dann die Wohnung zu Eigentum umgewandelt und gekündigt. „Wegen Eigenbedarf“, sagt Kulasingam. „Wir haben überall gesucht. Aber das lag alles bei 900, 1.000 Euro Miete. Nichts, was wir bezahlen konnten.“ Also blieben seine Eltern – bis am Dienstag die Gerichtsvollzieherin anrückte.
Erst vor vier Tagen hatte Kulasingam das Bündnis „Zwangsräumung verhindern“ kontaktiert. Freudig blickt der Mann nun auf die Demonstranten, kramt unablässig sein Handy aus der Tasche, um mit seinen Eltern und seinem Bruder in der Wohnung zu telefonieren.
Noch am Morgen eilt der 28-Jährige auf Gerichtsvollzieherin Schneider zu und streckt ihr einen blauen Hefter entgegen. „Der Untermietvertrag meines Bruders“, ruft Kulasingam. „Der wurde vor Gericht nicht berücksichtigt, die Räumung ist illegal.“ Erst nach langem Gespräch lässt sich Schneider auf eine juristische Prüfung ein. Kulasingam rennt ins wenige hundert Meter entfernte Amtsgericht Neukölln und reicht dort eine einstweilige Verfügung ein.
Am Ende hilft es nichts: Das Gericht lehnt den Einspruch ab. „Wir sind sauber vorgegangen“, beteuert auch die Frau von der Hausverwaltung. Zweimal habe man schon zuvor vor Gericht Recht bekommen. „Es geht hier um Eigenbedarf, nichts anderes.“
Am Mittag drängt die Polizei die Blockierer schließlich zur Seite. Noch einmal will Kulasingam die Räumung stoppen, als der Schlosser bereits in der Wohnung steht. Kulasingam hat noch beim Landgericht eine Eilprüfung beantragt. Aber auch dort wird gegen die Familie entschieden. Um kurz nach 14 Uhr tritt Kulasingam vor die Tür, sein Gesicht verrät die Niederlage. „Danke“, sagt er nur noch an die letzten Protestierer, fast flüsternd.
Sara Walther vom Bündnis „Zwangsräumungen verhindern“ kritisiert die Räumung. „Wieder wurde eine Familie aus Profitinteressen obdachlos.“ Dies sei längst kein Einzelfall mehr. Ein halbes Dutzend Personen, die kurz vor der Räumung stünden, betreue das Bündnis derzeit, sagt Walther.
Eine von ihnen ist vor Ort. Auch die Reinickendorferin Rosemarie F. legte ihre Krücken zur Seite und setzt sich zu den Blockierern. Aufgelöst und unter Tränen wird die 67-jährige, gehbehinderte Frau später von der Polizei abgedrängt. Bereits am kommenden Dienstag könnten sich die Bilder wiederholen: Dann droht auch F. die Räumung. Die sollte bereits Ende Februar stattfinden, wurde im letzten Moment vom Landgericht aufgeschoben. Schon damals protestierten 100 Menschen. Vor Ostern, berichtet F., habe sie den neuen Räumungsbescheid erhalten. „Die Hoffnung ist quasi null“, sagt die Rentnerin resigniert. Das Bündnis will noch nicht aufgeben: Es ruft für Dienstag erneut zum Blockieren auf.
Für Prashanthan Kulasingam ist der Kampf vorerst verloren. Seine Eltern ziehen erstmal in dessen Einzimmerwohnung. Er selbst, sagt er, müsse notfalls in seinem Imbiss schlafen, den er in Kreuzberg betreibt. Kurz klingt er verbittert, nicht mehr kämpferisch. Dann sagt Kulasingam, dass er weiter in der Reuterstraße vorbeischauen werden. „Dann werden wir mal sehen, ob der Eigentümer da wirklich einzieht.“ Er glaubt es nicht.
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Leserkommentare
05.04.2013 16:01 | Sebastian Heiser
Genervt: Wir bezeichnen ja auch Jorge Mario Bergoglio als "alten Sack".
05.04.2013 14:52 | Genervt
Hat nichts mit dem Inhalt des Artikels zu tun, aber hat mich geärgert: ...
04.04.2013 14:36 | Max
Wenn die Wohnung erst vor zwei Jahren in eine Eigentumswohnung umgewandelt wurde, dann hätte die familie schon einen sehr m ...