Migration nach Großbritannien

Transitland Belgien

Immer mehr Flüchtlinge versuchen von der belgischen Küste aus nach Großbritannien zu gelangen. Zuletzt ging die Regierung hart gegen sie vor.

Eritreische Flüchtlinge protestieren in Brüssel.

Fordern internationale Hilfe: eritreische Flüchtlinge bei einer Demonstration Ende September in Brüssel Foto: ap

BRÜSSEL taz | Akribisch sucht der Polizist das Gebüsch ab. Er biegt die Äste hinter dem Bretterzaun zur Seite, späht durch das Unterholz. Nach einer Weile geht er weiter. Wenige Schritte nur, dann nimmt er sich den nächsten Abschnitt vor. Ein paar Hundert Meter hat er sich nun von seinem Streifenwagen mit dem Hund im Kofferraum entfernt, der einsam an der Küstenstraße Richtung Blankenberge steht. Es ist ein zugiger Nachmittag Ende August. Der Verkehr fließt spärlich, der Polizist wirkt sehr beschäftigt. Was ist es, das er dort im Buschwerk sucht? Er habe im Vorbeifahren etwas bemerkt, sagt er. „Das versuche ich jetzt zu lokalisieren.“

Ein Rätsel ist es wohl nicht, wem der Beamte dort in Fonteintjes, dem Naturschutz- und Wandergebiet in den Dünen auf der Spur ist. Er sucht nach Migranten, die von Belgien aus unerkannt nach Großbritannien gelangen wollen. „Transmigranten“ werden sie hier genannt, weil sie nur auf Durchreise sind und nicht in Belgien um Asyl fragen wollen. Transmigranten sind schon seit Jahresbeginn ein heißes Eisen im politischen Diskurs des Landes. Jetzt, im Frühherbst, überschlagen sich die Ereignisseund der Badeort Zeebrugge mit dem Hafen und den charakteristischen hellblauen Verladekränen steht im Zentrum des Geschehens.

Über der Sankt-Donatius-Kirche in Dorp, dem kleinen Zentrum von Zeebrugge, beginnt es zu dämmern. Der neogotische Bau aus braunen Backsteinen dient vielen Geflüchteten als Anlaufstelle. Eine Gruppe Freiwilliger teilt täglich Essen und Kleidung aus, im Pfarrhaus gibt es eine medizinische Sprechstunde, im Garten zwei Duschkabinen. Jetzt ist die Kirche verwaist, bis auf zwei Nachbarinnen, die eine Runde mit dem Hund laufen. „Am Mittag war viel Polizei hier. Wahrscheinlich haben sie sie alle verhaftet“, sagt eine der beiden Frauen über die Geflüchteten. „Aber es wird bald von Neuem beginnen.“

Das Thema Transitmigration, in Belgien ist es dieser Tage allgegenwärtig, doch die Debatte dreht sich im Kreis: Die öffentliche Meinung drängt auf ein hartes Vorgehen gegen die Durchreisenden, die Mitte-rechts-Regierung in Brüssel versucht, genau damit bei den Wählern zu punkten – so wie Theo Francken, der Staatssekretär für Asyl und Migration. Andererseits kostet es die Regierung Geld und Aufwand, ausreisewillige Migranten festzuhalten. Und da die Haftkapazitäten begrenzt sind, ließ man bis zum Sommer jene, die klandestin nach England wollen, nach einer Nacht in Gewahrsam oder nach ihrer Identifikation meist wieder laufen.

Die Aussicht auf Arbeit

Am nächsten Tag um die Mittagszeit kauern auf dem schmalen Pfad hinter der Kirche zwei junge Männer. Einer kommt aus Algerien, der andere aus Libyen. Seit etwa zwei Monaten sind sie in Zeebrugge, erzählen sie. Wie 30 oder 40 andere Geflüchtete, aus dem Maghreb, aus Afghanistan und Ägypten, Indien und Albanien, schlafen sie mal am Strand, mal im Wäldchen an der Küstenstraße oder hier an der Kirche. Es ist eine kleine Gruppe, verglichen mit den Verhältnissen an den französischen Kanal-Häfen, wo Menschen monatelang unter erbärmlichen Umständen ausharren. Und genau darin liegt der Unterschied: Es gibt in Belgien kein Calais oder Dunkerque, wo bis zu Tausende auf die Weiterreise nach England hoffen. Vielmehr spielen sich die Dramen an verschiedenen Plätzen im ganzen Land ab.

„Man kann in Brüssel einen Schleuser engagieren, sagt der Libyer, „ein einzelner Versuch, an einer Raststätte in einen Lkw zu kommen, kostet 500 Euro.“ Er ist – so erzählt er – erst 15 Jahre alt, brach mit 11 Jahren nach dem Tod seines Vaters nach Europa auf. Eine Tante in England ist seine Hoffnung.

Ein Flüchtling

„Man kann in Brüssel einen Schleuser engagieren. Ein Versuch, in einen Lkw zu kommen, kostet 500 Euro“

Der Algerier ist 24 Jahre alt. Ihn lockt die Aussicht auf Arbeit nach England. Beide haben keine 500 Euro für Mittelsmänner, weswegen sie ihr Glück nun hier in Zeebrugge versuchen. Nachts klettern sie vom Strand aus über eine Mauer, dann über einen Zaun ins Hafengelände, wo die Suche nach einem Versteck in einem Lkw beginnt, der auf die Fähre nach Großbritannien fahren wird.

Später, als im Vorraum der Kirche das Abendessen bereitsteht, fehlt von den beiden Männern jede Spur. Auch sonst ist niemand gekommen. Fernand Maréchal, der Pfarrer, und zwei seiner Freiwilligen warten umsonst an diesem Abend. Der Grund? Angst, glaubt Maréchal. Zuletzt, so erzählt er, sei die Polizei immer wieder zur Essenszeit aufgetaucht, um die Anwesenden festzunehmen. „Im Oktober sind Kommunalwahlen, da will die Politik sich profilieren.“

Der Pfarrer, er trägt ein blaues Polohemd, Jeans, Sandalen, wirkt ruhig heute. So entspannt war er einige Tage zuvor am Telefon nicht. Im Gespräch zur Lage vor Ort wollte er sich nicht äußern, gab sich zurückhaltend. Offenbar mit gutem Grund, im Sommer hatte Pfarrer Maréchal mehrfach Morddrohungen erhalten.

Das Städtchen im Fokus identitärer Aktivisten

Denn die Lage in Zeebrugge spitzt sich zu: Das winzige Städtchen ist in den Fokus identitärer Aktivisten geraten. Die belgische Pegida demonstrierte hier gegen Flüchtlinge, auf den Mitteilungsbrettern am Kirchenportal kleben Poster der rassistischen Gruppierung Voorpost. „Stoppt die Asyl-Invasion“, steht auf einem. Das andere zeigt zwei Kinder mit blonden Haaren. „Flamen, denkt an ihre Zukunft“, heißt es dazu, unter dem runenartigen Voorpost-Logo.

Neben Zeebrugge hat sich in den letzten Jahren noch ein zweiter Ort zu einem Symbol belgischer Transitmigration entwickelt. Er liegt gut hundert Kilometer östlich, und im Gegensatz zum Geschehen an der Küste spielt sich dort alles gut sichtbar ab: der Maximilian-Park in Brüssel, ein paar Minuten zu Fuß vom Nordbahnhof entfernt. Es ist beklemmend, diese Szenen mitten in der Hauptstadt Europas zu sehen: Menschen, die in Schlafsäcken zwischen Büschen liegen, in Grüppchen auf dem staubigen Boden hocken oder mit ihren wenigen Habseligkeiten Schutz unter dem Podest der Seilbahn suchen. Acht- bis neunhundert Geflüchtete sind es jetzt Mitte September, die meisten kommen aus Eritrea und dem Sudan.

Im Maximilian-Park wird klar: Die Migrationskrise Europas spielt sich längst nicht mehr nur an den Grenzen ab. Sie ist im Zentrum angekommen, direkt vor den gläsernen Bürotürmen, die dem Geschehen hier einen surrealen Rahmen geben. Bereits im letzten Sommer nahm die Polizei rund um den Park und Bahnhof viele Migranten fest. Eine groß angelegte Razzia im Januar wurde von einer Menschenkette verhindert. Bis heute kommen jeden Abend Helfer, die in ihren Häusern Schlafplätze anbieten – für all jene, die in dieser Nacht keinen Fluchtversuch in Richtung England starten.

Ein ungemütlicher Nachmittag im Maximilian-Park: Nieselregen fällt, der Wind fegt in Böen und wirbelt den Staub des langen trockenen Sommers auf. Neben dem Fußballplatz, auf dem der Ball pausenlos rollt, stehen zwei Sudanesen und schauen zu. Sie sind Cousins. Der eine, 16 Jahre alt, ist schon länger hier, der andere, 25-Jährige, erst kürzlich aus Calais angekommen, von wo er keine Möglichkeit mehr sah, nach England zu gelangen. Man hört das öfter im Park. Belgien wird offenbar immer mehr zum Ausweichort. Die Sudanesen werden sich heute Abend ausruhen. Erst gestern haben sie versucht, auf einen Lkw-Parkplatz zu kommen, ohne Erfolg. Wo genau sie waren, wissen sie nicht. Ein Auto brachte sie dorthin. Mehr können oder wollen sie nicht sagen.

Ein Schlafplatz für drei Nächte

Am frühen Abend kommt Unruhe auf. In Gruppen laufen die Menschen aus dem Park hinüber zum Bahnhof, wo ein paar Freiwillige auf dem Vorplatz Essen verteilen. Emilie Hauzeur ist eine von ihnen. Mit Mann und zwei kleinen Kindern wohnt sie ganz in der Nähe. Seit einem Jahr, sagt sie, stelle sie zwei oder drei Nächte pro Woche auch ihr Wohnzimmer als Schlafplatz zur Verfügung. Welche Parkplätze ihre Gäste bei ihren Fluchtversuchen ansteuern, weiß sie nicht. „Einmal halfen wir ihnen, auf der Karte einen zu suchen“, erinnert sie sich.

Eine der Raststätten, die in diesem Sommer in die Schlagzeilen gerieten, befindet sich unweit des Städtchens Kruibeke. Von Brüssel aus nimmt man den Zug nach Antwerpen, fährt mit der Metro hinüber aufs linke Ufer der Schelde und weiter mit dem Regionalbus. An der Ortseinfahrt steigt man aus, biegt ab in die Molenstraat, ein ruhiges Wohngebiet mit freistehenden Eigenheimen, und läuft dann ein paar Kilometer. Nachdem man schließlich die Brücke über die Autobahn E17 überquert hat, führt ein platt getrampelter Pfad eine Böschung hinab. Unten angekommen, fällt der Blick auf das Wäldchen, hinter dem der Rastplatz liegt. Noch liegt Stille über den Feldern. Gerade ist die Sonne untergegangen.

Im August machte das belgische Problem mit der Transitmigration Kruibeke international bekannt. Wim Pieteraerens, der örtlich Polizeichef, hielt seine Beamten dazu an, die Migranten nicht länger festzunehmen, da man sie schlussendlich doch wieder laufen lasse. Die Londoner Times griff das Thema auf und schrieb von einer belgischen Kapitulation vor dem Andrang Geflüchteter. Mit dem Ergebnis, dass in den folgenden Wochen mehrere Razzien in Kruibeke stattfanden. Danach meldete sich Staatssekretär Francken zu Wort: Alle volljährigen Festgenommenen sollten künftig im Abschiebegefängnis Steenokkerzeel bei Brüssel eingesperrt werden, lautete sein offizielles Statement.

Als es dunkel ist, kommt Jos Stassen auf den Rastplatz Kruibeke geradelt. Der Bürgermeister von Kruibeke hat zugestimmt, an Ort und Stelle über das Thema zu sprechen. Er nimmt auf einer der Rastbänke Platz und schaut über den voll belegten Lkw-Parkplatz. Zwei Wachmänner einer privaten Sicherheitsfirma, bezahlt von der Regierung in Brüssel, drehen mit einem Schäferhund ihre Runden. Jos Stassen erzählt nun, wie er einmal auf einer Fahrradtour mit seiner Frau durch Calais kam. Wie er dort die Beklemmung der Geflüchteten wahrnahm, und dass er nie gedacht hätte, etwas davon in seinem Städtchen zu spüren.

Kabelbinder an der hinteren Lkw-Tür

Dann aber, im Sommer 2017, tauchten spätabends die ersten Flüchtlinge in Kruibeke auf. Ihr Ziel: der Rastplatz. Es wurden mehr, und als der Winter vor der Tür stand, bat Stassen die Regierung um Hilfe. Nicht weil er unbedingt Transmigranten eingesperrt haben will, wie er betont. Kruibeke, sagt er, sei gerne bereit, sie aufzufangen. Wohl aber wolle man Schleusern zeigen, dass „der Weg nach England nicht über diesen Parkplatz führt“. Ein Signal, das bislang offenbar nicht besonders deutlich ankam. Noch immer ziehen die Migranten jeden Abend hierher. Stassen selbst hat eben „fünf oder sechs“ Menschen gesehen, als er durch das Wäldchen radelte. Schleuser seien ihnen hier noch nicht ins Netz gegangen, erzählt er. Inzwischen würden diese sogar mit Garantie-Preisen arbeiten. „Wer die zahlt, kommt sicher nach England“, sagt Stassen über das Versprechen.

Den Rastplatz sperren lassen will er trotzdem nicht. „Das würde das Problem nur in die Industriegebiete um Kruibeke verlagern.“ Stattdessen fordert er von Brüssel mehr Bewachung und einen Zaun um den Parkplatz. Und: „England muss endlich aktiv werden, um das Image eines gelobten Landes abschütteln. Solange ein Teil der Wirtschaft auf Niedriglöhnern basiert, bleibt das Problem bestehen.“

Es ist kurz nach elf Uhr, als der Bürgermeister sich auf den Weg macht, das Rücklicht seines Fahrrads verliert sich in den Feldern. Der Wachmann mit Hund sagt, dass es erst gegen Mitternacht richtig losgehen würde. „Abhängig davon, wann die Geflüchteten von den Schleusern gebracht werden.“ Gesehen habe er allerdings noch keinen Schleuser hier. Am strengsten, erklärt er, würden er und seine Kollegen bei ihren Kontrollgängen auf die Kabelbinder achten, die unten am rechten Teil einer Lkw-Hintertür angebracht werden. Er leuchtet mit der Taschenlampe darauf. „Wenn einer durchtrennt ist, wissen wir, dass jemand drinsitzt.“

Die Nacht ist mild. Still liegt das Wäldchen da, vorne an der Ausfahrt. Auch zwischen den Lkws ist keinerlei Regung zu erkennen. Inzwischen ist auch ein zweites Bewacherpaar im Einsatz, ebenfalls mit Hund. Auch ihnen fällt nichts auf. Dann aber, gegen halb zwei Uhr, stürmen drei der Bewacher und ein Hund auf einmal ins Wäldchen. Bald sieht man sie in den angrenzenden Feldern, die Taschenlampen schwirren hektisch durch die Luft und treffen hier und da die Silhouetten von Menschen, die im Sprint davonlaufen.

Auf dem Parkplatz nebenan untersucht der vierte Wachmann mit seiner Hündin den Standstreifen, auf dem mehrere Lkws geparkt sind. Ohne Ergebnis. Er greift zum Funkgerät, als darin die Stimme eines Kollegen ertönt „25 Personen waren es, sagt die Stimme. Sie wollten in die Trucks auf dem Standstreifen und sind dann weggerannt, in die Felder.“ Festgenommen wird in dieser Nacht niemand. Dafür, sagt der Wachmann, seien sie auch nicht zuständig. Nur verjagen sollen sie die Transmigranten. Nicht zuletzt, weil am 14. Oktober in Belgien Kommunalwahlen stattfinden.

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Weltweit sind mehr als 60 Millionen Menschen auf der Flucht vor Kriegen, Verfolgung und Armut. Im Mittelmeer sterben Zehntausende. Und die EU setzt auf Abschottung.

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