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Migration nach SpanienÜber 40.000 sollen Grenze überwunden haben

Tausende Menschen aus Marokko sind in die spanische Exklave Ceuta gelangt. Italien fordert den Ausschluss Spaniens aus dem Schengen-Raum.

Nach spanischen Behördenangaben sollen in den vergangenen Tagen über 40.000 Menschen aus Marokko in die Exklave Ceuta gelangt sein. Medienberichten zufolge starben dabei mindestens 19 Menschen. Am Donnerstag hatte sich die Lage zugespitzt: Eine Mole, die zu den sonst streng von Marokko bewachten Grenzanlagen gehört, war vorübergehend frei zugänglich. Ab Mittag zogen große Menschengruppen über den Strand von Tarajal auf dem Gebiet der Gemeinde Fnideq aus südlicher Richtung zu der Anlage.

Die spanischen Behörden hatten mit der Situation offenkundig nicht gerechnet. Auf Videoaufnahmen ist zu sehen, wie einzelne Beamte der Guardia Civil die Ankunft der Menschen lediglich beobachten. Einige der Ankommenden rufen „Gracias“ oder „Es lebe Spanien!“, andere knien nieder, küssen den Boden oder werfen ihre Flipflops in die Luft. Andere brechen völlig entkräftet zusammen.

Am Donnerstagabend entschied die spanische Regierung, neben Hunderten Polizisten auch 60 Soldaten nach Ceuta zu verlegen. Ab dem Abend setzte Marokko in Fnideq Wasserwerfer ein, um weitere Übertritte zu verhindern. Am Freitag wird Präsident Pedro Sánchez in Ceuta erwartet.

Das Lokalmedium Faro Ceuta sprach von einem „absoluten Kontrollverlust“. Die Aufnahmeeinrichtung Ceti („Zentrum für den vorübergehenden Aufenthalt von Migranten“) in der Stadt ist schon seit Tagen überlastet und geschlossen, es gibt dort keine Plätze mehr. Vor der Tür sammelten sich im Laufe des Donnerstages viele der Neuankömmlinge. Sie wurden unter anderem vom Roten Kreuz notdürftig versorgt. Bereits in den vorigen Tagen hatte Ceuta die nationalen Behörden um Hilfe gebeten. Der Bürgermeister Juan Jesús Vivas forderte von der Regierung, den nationalen Notstand auszurufen. „Gemeinsam und vereint werden wir das durchstehen“, sagte er in einer Ansprache an rund 80.000 Ein­woh­ne­r:in­nen der Stadt.

Italien forderte den Ausschluss Spaniens aus dem Schengen-Raum. Die Bilder aus Ceuta seien „schockierend“, schrieb Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni am Donnerstag auf X. „Italien wird nicht tatenlos zusehen“, kündigte sie an. Rom sei „bereit zu handeln, auch durch außergewöhnliche Maßnahmen (…) wie etwa das Aussetzen des Schengen-Abkommens mit Spanien“.

Hintergrund ist ein Gerichtsurteil von Anfang Juli

Wer die hochgerüsteten Grenzanlagen der Enklaven Ceuta und Melilla überwindet, wird oft ohne Asylverfahren direkt nach Marokko zurückgeschoben. Das widerspricht eigentlich dem im europäischen Recht festgeschriebenen Verbot von Kollektivabschiebungen. 2020 allerdings hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte entschieden, dass ein kollektiver Pushback Spaniens aus Melilla zulässig war, weil die Beschwerdeführer zuvor versucht hatten, die Grenzanlagen „gewaltsam und in einer großen Menschenmenge illegal zu überwinden“.

Am 8. Juli dieses Jahres hatte wiederum der Oberste Gerichtshof Spaniens entschieden, dass die „heiße Abschiebung“ genannten Pushbacks aus Ceuta und Melilla rechtswidrig sind, wenn die Betreffenden die Grenze auf dem Seeweg, also schwimmend, überqueren. Daraufhin waren die Ankunftszahlen in den beiden Enklaven gestiegen.

Am Donnerstag sei es dann zu einer „Explosion“ gekommen, sagte ein Sprecher der Guardia Civil. „Die Menschenhändlerbanden und diejenigen, die illegal nach Spanien einreisen wollen, nutzen eine bestehende Rechtslücke im Ausländergesetz aus“, sagte ein Sprecher der Polizeigewerkschaft Jupol. Das Innenministerium kündigte an, illegal Eingereiste umgehend abzuschieben. Offen ist, inwiefern die Menschen sich auf Grundlage des Urteils vom 8. Juli mit Rechtsmitteln gegen eine Abschiebung wehren können. Ebenfalls unklar ist, was mit Minderjährigen geschieht, denen die Einreise gelungen ist.

Zusammenarbeit von Madrid und Rabat kompliziert

Marokko wird seit vielen Jahren von Spanien dafür bezahlt, die Grenzanlagen zu bewachen und die „heißen Abschiebungen“ zu akzeptieren. Am 24. Juni 2022 wurden an der Grenze von Melilla mindestens 27 Menschen getötet, rund 70 wurden in der Folge vermisst. Im Februar 2014 wurden in Tarajal mindestens 15 Menschen getötet, Dutzende wurden vermisst, nachdem die Guardia Civil Gummigeschosse auf Menschen abgefeuert hatte, die schwimmend nach Ceuta gelangen wollten.

Am Donnerstag hatten sich die marokkanischen Kräfte in Fnideq offenbar vorübergehend zurückgezogen – warum, ist unklar. Marokkos Botschafterin in Spanien, Karima Benyaich Millán, versicherte, dass die Zusammenarbeit Rabats in dieser Krise uneingeschränkt sei. „Die Regierungen stehen in ständigem Kontakt, um diese vom Königreich Marokko ungewollte Situation zu lösen.“

Womöglich aber sollen mit diesen Beschwichtigungsformeln diplomatische Spannungen kaschiert werden. 2021 hatte Marokko die Grenze offenbar gezielt geöffnet, über 8.000 Menschen in 36 Stunden nach Ceuta durchgelassen. Die Aktion diente offenbar dazu, Madrid zu zwingen, Marokkos Gebietsansprüche auf das besetzte Westsahara-Gebiet anzuerkennen – mit Erfolg.

Nun wird darüber spekuliert, ob hinter dem Vorfall an der Grenze wieder der Westsahara-Konflikt steht. Denn Spanien plant, Bewohnern des Gebiets, die vor dem Abzug der Kolonialmacht 1976 geboren wurden, ein Recht auf die spanische Staatsangehörigkeit zu geben. Das könnte Rabat ebenso missfallen haben wie die jüngste Annäherung Spaniens an Algerien.

Druck von rechts

Andere wiederum vermuten, dass das den USA verbundene Marokko die Bewachung der Grenze am Donnerstag auf Geheiß der USA zurückfuhr – als Retourkutsche für Spaniens konsequente Weigerung, Washington beim Irankrieg zu helfen. Eine Sprecherin von US-Präsident Trump sprach am Donnerstag davon, dass Spanien eine „extrem linke, globalistische Politik verfolgt, einschließlich der Förderung von Masseneinwanderung“. Das Land solle „unverzüglich einen Kurswechsel vornehmen, sonst riskieren sie ihren eigenen Untergang“.

Die Regierung von Sánchez hatte im Januar ein Programm angekündigt, mit dem wohl über 500.000 Mi­gran­t:in­nen ohne Papiere einen legalen Status erhalten können, wenn sie in Spanien arbeiten. Am Donnerstag behaupteten rechte Parteien, das Programm sei eine der Ursachen der Eskalation in Ceuta. Oppositionsführer Alberto Núñez Feijóo von der konservativen Volkspartei sprach von einer Gefahr für die nationale Sicherheit.

Hinweis: Der Text wurde mit fortlaufendem Kentnissstand aktualisiert.

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27 Kommentare

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  • In anderen Berichten ist von bereits über 40.000 Rückkehrern die Rede. Kurzum, Trennung von Asylsuchenden und Armutsmigranten wäre möglich um Chaos in einer Bewertung der Geschehnisse zu erleichtern.

  • Ich habe mal geforscht, warum der Oberste Spanische Gerichtshof so entschieden hat, wie im Artikel erwähnt:

    "Das Urteil kam zu dem Schluss, dass die Seegrenze nicht als Eindämmungselement (Anmerkung von mir: Grenzzaun) betrachtet werden kann und dass das Regime (Anmerkung von mir: System, Ordnung) daher nicht auf Migranten angewendet werden kann, die versuchen, durch Schwimmen spanisches Territorium zu erreichen. Nachdem das Gericht zu diesem Schluss gekommen war, stellte das Gericht dennoch fest, dass, falls physische Eindämmungsstrukturen auf See installiert würden, das Regime auch für Personen gelten könnte, die versuchen, diese zu überwinden."



    Fazit:



    Alle Personen, die derzeit schwimmend Ceuta erreichen haben ein Recht auf Überprüfung des Einzelfalles. Eine Massenhafte Abschiebung ohne Prüfung ist nicht erlaubt. Dies heißt jetzt aber nicht, dass die auf diesem Weg Geflüchteten ein Recht auf Asyl haben.

  • Mir scheinen die Zahlen von 40.0000 doch stark übertrieben.



    Wir sollten hier nicht den rechten Wunschnarrativen auf den Leim gehen.



    Dass Trump dahintersteckt klingt allerdings logisch und ist zu erwähnen.

    • @Demokrat:

      Welche Zahlen haben Sie? Die Bilder im Fernsehen und die Zahlen, die in allen Medien genannt werden, scheinen eher gegen Ihre Theorien zu sprechen.

  • 27 EU-Mitglieder gibt es wohl. Jedes Land nimmt, je nach Größe, zwischen 200 bis 2000 der Geflüchteten auf - und gut ist es. In Marokko sehen die offensichtlich nicht ihre Zukunft, sonst wären sie nicht geflüchtet.

    • @Il_Leopardo:

      Ihre Rechnung geht nur auf, wenn keiner mehr danach kommt. Das genaue Gegenteil würde aber passieren, wenn ihr Vorschlag umgesetzt wird.

    • @Il_Leopardo:

      Ihr Beitrag ist ernst gemeint?



      Wenn ja, So gestaltet man Zukunft! Ironie off.

  • Auffällig: nach den Bildern zu beurteilen sind es überwiegend junge Männer und Jugendliche. Frauen sind auf den Bildern nicht zu erkennen. Warum wird das in der Überschrift nicht deutlich sondern ganz neutral bezeichnet. ….Tausende Menschen aus Marokko….

    • @Joen:

      Es sind auch Frauen zu sehen, wenn auch wenige. Einfach ein paar Videos ansehen.

    • @Joen:

      Sind Männer keine Menschen?

  • Warum war die Grenze für kurze Zeit offen? Es lohnt vielleicht ein Blick auf die politischen Akteure die von dieser Öffnung profitieren. Die spanische Migrationspolitik ist ein Sonderweg weltweit und zeigt Erfolge. Somit sind die Gegner dieser Politik viele und mächtig.

  • Es ist schon verwunderlich, wie es im Jahr 2026 mit all den Aufwendungen zur Eindämmung der Grenzübertritte und Überwachung zu einer solchen Situation kommen kann. Aufarbeitung tut Not, momentan kann auch der Autor nur spekulieren.

  • Ich frage mich, was die spanischen Richter dazu veranlasst hat, eine solche Entscheidung zu treffen und was sie geglaubt haben, was in Folge dieser Entscheidung geschehen würde.

    • @Katharina Reichenhall:

      Das Urteil des Obersten Gerichtshofs bedeutet nicht, dass jeder, der Ceuta schwimmend erreicht, bleiben darf. Es bedeutet aber, dass eine automatische Zurückweisung ohne Einzelfallprüfung nicht zulässig ist.

  • Kann es mir kaum vorstellen das es den Menschen in Spanien dann besser gehen sollte. Einfache ungelernte Landarbeiter hat das Land genug. Im übrigen gäbe es dann auf dem spanischen Festland zusätzlich Grenzkontrollen. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

  • Vielleicht sollten in Spanien mal die Überlegungen intensiviert werden ob eine Kolonie auf afrikanischem Boden noch zeitgemäß ist.

    • @Thomas Müller:

      Das ist keine Kolonie. Meines Wissens nach haben die Bewohner Centas alle die gleichen Rechte wie die Bewohner des europäischen Teil Spaniens ergo sind sie keine kolonialsubjekte im Gegensatz zum Beispiel zu den Palästinensern die in Israel und seinen besetzten Gebieten nicht gleichberechtigt mit den „vollbürgern“ sind.

    • @Thomas Müller:

      War auch meine Überlegung.

  • Schon vor dieser erneuten Eskallation in der Flüchtlingskrise zeigten Wahlumfragen eine Verschiebung aus der bestehenden Links-Regierung nach ganz Rechts von 6 %.



    Ob sich Sanchez bis zur Wahl spätestens in einem Jahr halten kann, ist fraglich. Die katalanischen Seperatisten könnten im Zuge der Migrationskrise voher ihre Unterstützung aufgeben.



    Nach der Wahl wird wohl Rechtsaußen regieren. Gleichzeitig ist in Frankreich Le Pen als Präsidentin möglich.



    Mal schauen wie Europa in einem Jahr aussieht.

    • @Mikki:

      Adäquater Kommentar.

  • Spanien hat jetzt viele Fragen zu beantworten.

  • Tja, die Headline heißt also, dass 40.000 über die Grenze gekommen sind. Die 19 Toten haben es nicht in die Headline "geschafft".

    Traurig, sehr traurig. Dabei zähle ich sonst viel auf die TAZ - aber diese Überschrift geht gar nicht!

  • Es lebe die Freiheit! Nieder mit den Grenzzäunen! Kein Mensch ist illegal!

  • Mir macht das Angst für die Zukunft meiner Kinder und Enkelkinder. Wir Boomer haben dafür gesorgt, dass es überhaupt diese Notwendigkeit zur Flucht gibt. Ob aus Kriegsgebieten oder aus rein wirtschaftlichen Gründen, weil wir diese Länder ausgeplündert haben bzw. dort Regierungen unterstützt haben, die sich bereichert haben, und sich nicht um ihr Volk gekümmert haben.



    Gibt es dafür überhaupt eine Lösung? Oder haben wir bald solche Verhältnisse, dass auf Menschen geschossen wird, die Grenzen unerlaubt überqueren wollen? Die Länder mit Außengrenzen zu nicht Schengen-Länder sind diejenigen, die das irgendwie ausbügeln sollen? Das macht einfach alles nur noch sprachlos.

    • @Ahnungsloser:

      Die Verantwortung für alle weltweiten Mißstände den Westeuropäern zuzuschreiben ist eine grobe (und nicht zutreffende) Pauschalisierung, die wir zurecht in vielen anderen Fragestellungen als undifferenziert zurückweisen.

  • Menschen die alles zurück lassen, alles auf eine Karte setzen, sich auf eine Reise über tausende Kilometer begeben auf der Suche nach einem besseren Leben und dabei große Risiken und Strapazen auf sich nehmen werden zum Spielball der internationalen Politik gemacht. Schande über die EU für ihre Festung Europa. Schande über Meloni für ihr populistisches Gebrabbel. Über Trump ist jedes Wort gesagt.

  • "Präsident" Pedro Sánchez?

    Spanien ist noch immer eine Monarchie, die königliche Familie gehört dem Haus Bourbon-Anjou an.



    Pedro Sánchez ist Ministerpräsident.