Mindestlohn für Griechen gesenkt

Keine Kohle in Athen

Nach den massiven Rentenkürzungen ist die griechische Regierung einer weiteren Sparforderung nachgekommen. Der Mindestlohn wird gesenkt, die Folgen sind fatal.

Teuer erkauft: Präsident Papademos und eine Handvoll Euro-Noten. Bild: imago/Fernando Baptista

ATHEN rtr | Großzügige Mindestlöhne, kurze Arbeitszeiten, schöne Renten. In ganz Europa machten Geschichten aus dem vermeintlichen griechischen Arbeiter-Wunderland die Runde. Eineinhalb Jahre nach Beginn der Sparrunden sieht die Realität am Mittelmeer längst ganz anders aus.

Arbeitnehmer wie Giorgos Theonas wissen nicht mehr, wie sie von ihrem radikal zusammengestutzten Gehalt ihre Rechnungen bezahlen oder die Monatsmiete finanzieren sollen. Sein Arbeitgeber hat den bislang festen Vertrag in ein befristetes Verhältnis umgeändert, dabei die Arbeitszeit von vier auf sieben Tage die Woche verlängert und den Lohn so weit gekürzt, dass der 33-Jährige pro Monat noch 700 Euro netto bekommt.

"Ich kann nicht mehr ohne die Unterstützung meiner Eltern leben", sagt Theonas, Redakteur bei einer Zeitschrift. "Und ich schaue mich nicht nach einer anderen Arbeit um. Es gibt keine. So ist Griechenland." Dabei gehört Theonas sogar noch zu den Glücklicheren: Er hat Kollegen, die im Monat gerade einmal 300 Euro verdienen und auf Ausbildungsverträgen sitzen, die auf Jahre hinaus verlängert wurden - auch wenn sie die Aufgaben früherer Vollzeit-Kräften erledigen.

"Die meisten meiner Freunde sind arbeitslos", sagt Theonas. "Überall höre ich, dass Leute ihre Stelle verlieren. Was habe ich also für eine Wahl?" So gut wie jeder fünfte der rund vier Millionen Griechen im arbeitsfähigen Alter ist ohne Job. Die Arbeitslosenquote liegt inzwischen bei 18,4 Prozent.

Branchenvereinbarungen dürfen ignoriert werden

Mit den jüngsten Reformen hat das Parlament noch vor dem Regierungswechsel weitere Einschnitte bei den Renten und auf dem Arbeitsmarkt verabschiedet: Die Unternehmen dürfen nun Branchenvereinbarungen über Mindestlöhne ignorieren. Griechenland erfüllt damit die Forderungen seiner Geldgeber.

Der Internationale Währungsfonds, Deutschland, Frankreich und die anderen Helfer verlangen im Gegenzug für ihre Darlehen, den Mindestlohn von 750 Euro im Monat auch grundsätzlich zu senken. Viele Slowaken können von einer solchen Summe beispielsweise nur träumen: Das Durchschnittseinkommen in dem Euro-Land liegt lediglich geringfügig über dem griechischen Mindestbetrag.

Die wirtschaftlichen Fakten sind allerdings diese: Fast jeder vierte Grieche verdient sein Geld inzwischen in illegalen Arbeitsverhältnissen, also ohne jede Sozialleistung. Nahezu zehn Prozent der Angestellten in der Privatwirtschaft haben inzwischen Gehaltseinbußen akzeptiert. Nur noch die Hälfte der knapp 540.000 Arbeitsverträge, die zwischen Januar und September abgeschlossen wurden, laufen über Vollzeit. Gleichzeitig wurden im selben Zeitraum mehr als 42.000 volle Verträge in Teilzeit umgewandelt.

Verarmung eines Volkes

Daten der europäischen Statistikbehörde zufolge kann sich ein Viertel der griechischen Familien inzwischen nicht mehr leisten, was für den großen Durchschnitt in Europa selbstverständlich ist. So schlecht steht es in keinem Land, das der Europäischen Union vor 2004 beigetreten ist.

Viele Griechen halten die Debatte über eine Senkung des Mindestlohns nicht zuletzt deshalb für das falsche Gefecht, weil die Kräfte des Marktes die Löhne längst unter die staatliche Grenze gedrückt hätten. "Die Politiker streiten über etwas, das es gar nicht mehr gibt", meint der 54-jährige Elektriker Apostolis Boltsis.

Die Bürger haben Angst, dass bei einer offiziellen Senkung alle Dämme brechen - und der letzte Respekt verloren geht. "Damit lässt man das Raubtier vollends aus dem Käfig", sagt die 30-jährige Anzeigenkauffrau Afroditi Lemoni. "Wenn die nationale Vereinbarung auch noch auf dem Papier gestrichen wird, dann werden die Arbeitnehmer überhaupt nicht mehr respektiert."

Griechische Wirtschaft mit kleinem Exportanteil

Auch Fachleute geben zu bedenken, dass ein niedriger Mindestlohn in Griechenland womöglich weniger bringt als anderswo: Billige Arbeit macht Produkte vor allem im Ausland attraktiver. Das hat Lettland zum Beispiel aus seiner Krise geholfen. Exporte machen in dem südeuropäischen Schuldenstaat aber nur ein Fünftel der heimischen Wirtschaftsleistung aus.

"Die griechische Wirtschaft ist sehr geschlossen", sagt Gilles Moec, Europa-Experte der Deutschen Bank. Das Land am Mittelmeer würde in ungleich höherem Maße profitieren, wenn die weit verbreitete Schattenwirtschaft ins Tageslicht gehoben würde und Steuern sowie Sozialabgaben einbrächte. "Eine allgemeine Senkung der Gehaltskosten reicht nicht aus, um die Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern", sagt Nikos Magginas von der Nationalen Bank in Athen. "Von entscheidender Bedeutung ist es, die Schwarzarbeit zu verkleinern."

 

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Wenn Sie Ihren Kommentar nicht finden, klicken Sie bitte hier.

Ihren Kommentar hier eingeben