„Monitor“ mit neuem Chef

„Der Tanker hält den Kurs“

Georg Restle wird neuer Leiter und Moderator von „Monitor“. Er weiß, dass sich Sehgewohnheiten ändern und findet die Sendung trotzdem nicht verstaubt.

Monitor ist ein Klassiker: 1991 mit Moderator Klaus Bednarz.  Bild: dpa

taz: Herr Restle, am Donnerstag werden Sie erstmals als Chef das Magazin „Monitor“ moderieren. Sind sie nervös?

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Georg Restle: Nervös würde ich es nicht nennen. Ich bin vielmehr neugierig auf das, was kommt. Denn ganz sicher wird es in den nächsten Jahren spannend werden. Politisch sowieso, aber auch für die Zukunft von Monitor.

Wir müssen uns darauf einstellen, dass sich die Sehgewohnheiten in den nächsten Jahren noch einmal entscheidend verändern werden. Es stellt sich die Frage, auf welchen Wegen Monitor seine Zuschauer dann erreichen wird. Die größte Herausforderung wird dabei sein, wie wir unsere Inhalte, die wir nach wie vor wichtig finden, auch jüngeren Zuschauer vermitteln.

Junge Zuschauer könnte das verstaubte Äußere von „Monitor“ abschrecken – trotz des Relaunches.

Ich finde uns nicht verstaubt. Vielmehr stelle ich fest, dass Leute Monitor „veraltet“ finden, die die Sendung seit Jahren nicht mehr gesehen haben. Klar: Attraktivität ist uns wichtig, und sicherlich müssen wir unsere Bildsprache immer wieder überdenken, gerade wenn wir über andere Medien auch jüngere Zuschauer ansprechen wollen.

47, derzeit Fernsehkorrespondent im Studio Moskau, wird zum 27. September neuer Leiter und Moderator des ARD-Politmagazins „Monitor“. Er löst Sonia Mikich, 61, nach zehn Jahren als Moderatorin ab.

Der Schlüssel liegt aber weniger in der Optik, sondern darin, klarzumachen, warum diese Themen auch für sie relevant sind. Beispiel Altersarmut: Das ist ja vor allem ein Thema für die Jungen! Und wenn’s ums Formale geht: Wir wollen investigativen Journalismus nicht als Häppchen präsentieren, nur weil es einem gefühlten formalen Mainstream entspricht. Komplexe Zusammenhänge brauchen einen langen Atem, das kann man nicht mal schnell in zwei Minuten erklären. Soviel Zumutung für unsere Zuschauer muss dann schon sein.

Ihre Vorgängerin Sonia Mikich nannte „Monitor“ einen „Dinosaurier, aber mit Flügeln“. Wie sehen Sie das Magazin?

Ich hab’s nicht so mit Vergleichen aus der Tierwelt, aber ich glaube, dass der alte Tanker „Monitor“ auch in Zukunft Kurs halten wird. Viele Themen und Geschichten, die Monitor bisher behandelte, werden auch in Zukunft an Aktualität nicht verlieren. Aber das politische Geschäft ist unübersichtlicher geworden, vielleicht auch etwas entpolitisierter.

Heute stellt sich plötzlich die Bundeskanzlerin selbst an die Speerspitze der Anti-Atom-Bewegung. Insofern muss sich ein Magazin wie „Monitor“, das auch von der klaren Frontenstellung in der Politik gelebt hat, überlegen, wie künftig Konturenschärfe in die Berichterstattung kommt, um die Dinge auf den Punkt zu bringen.

Wie sehr darf sich ein zeitkritisches Magazin, welches von einem öffentlich-rechtlichen Sender betrieben wird, aus dem Fenster lehnen?

Ich war schon früher stolz darauf, für ein Magazin zu arbeiten, das sogar seinen eigenen Laden öffentlich kritisieren konnte und relativ große Freiheiten hatte. Das ist ein Alleinstellungsmerkmal, welches gerade ein öffentlich-rechtliches von einem privaten Magazin unterscheidet. Wir müssen auf keine Werbekunden Rücksicht nehmen. Auch mussten wir nie auf irgendwelche politischen Konstellationen Rücksicht nehmen. Ich werde mich dafür einsetzen, dass diese Freiheiten auch in Zukunft erhalten bleiben.

Aber Sie sind doch auch abhängig von den ARD-Gremien, in denen Politiker sitzen.

Natürlich ist es so, dass öffentlich-rechtlicher Rundfunk nicht in einem politisch luftleeren Raum stattfindet. Es gibt immer wieder Zugriffsversuche der Politik auf die Berichterstattung – und das nicht nur bei Gebührendebatten. Wenn man die Geschichte des ZDF betrachtet, wie Parteien sich da immer wieder einen Sender zur Beute machen wollten, dann zeigt dies, dass man hier auch in Zukunft immer wachsam bleiben muss.

Aus meiner bisherigen Erfahrung bei „Monitor“ kann ich aber ganz klar sagen, dass jegliche Versuche der politischen Einflussnahme – und die gab es! - immer zurück gewiesen wurden. Auch von Seiten der WDR-Führung. Das war die Garantie dafür, dass das Magazin solch kritische Berichterstattung machen konnte.

Wikileaks und ähnliche Websites haben eine moderne Gegenöffentlichkeit geschaffen, in der politisch brisante Informationen via Internet veröffentlicht werden. Wozu brauchen wir da noch ein TV-Format wie „Monitor“, das 47 Jahre alt ist?

Gerade das Beispiel Wikileaks zeigt wie wichtig politischer Journalismus heute ist. Wikileaks liefert so etwas wie die Rohmasse für das, was Journalisten aufarbeiten und kritisch sichten müssen. Am Ende muss das stehen, wofür auch die politische Berichterstattung bei „Monitor“ steht, nämlich für seriösen Journalismus, der seine Quellen kritisch hinterfragt. Das Problem des Internets oder auch von Wikileaks ist, dass dort eine kritische Sichtung der Quellen oft unterbleibt oder auch gar nicht gewollt ist.

Damit will ich die Leistung von Plattformen wie Wikileaks nicht klein reden oder mich dafür aussprechen, dass Informationen selektiv ausgewählt oder zurückgehalten werden sollen. Im Gegenteil! Mir geht es um Übersichtlichkeit. Es gibt ja in der Kommunikationswissenschaft den Begriff des Journalisten als Gatekeeper, der mir aber nicht wirklich gefällt, weil er impliziert, dass Journalisten Informationen zurück halten. Ich bevorzuge den Begriff des kritischen Durchleuchters.

Vor welche Herausforderungen stellt Sie diese neue Gegenöffentlichkeit?

In der Flut dieser Informationen genau herauszufinden, was tatsächlich authentisch oder relevant ist, ist keine leichte Aufgabe. Auf der anderen Seite gibt es eine sehr kritische Internetöffentlichkeit, die die Berichterstattung von „Monitor“ in Zukunft noch stärker unter die Lupe nehmen wird. Das finde ich großartig. Die Herausforderung wird sein, dem Zuschauer zu vermitteln, was Qualitätsjournalismus bedeutet – und dass es das nicht zum Nulltarif gibt.

Sie sagten, „Monitor“ solle zu einem Leuchtturm des investigativen Journalismus werden. Ist das nicht etwas hochgegriffen?

Nein, Leuchtturm heißt ja vor allem, eine Orientierung zu bieten. Und überall dorthin zu leuchten, wo Informationen zurückgehalten werden oder Heimlichtuerei das politische Geschäft prägt. Wir wollen auch nicht der einzige Leuchtturm sein. Im Gegenteil: Wir wollen in Zukunft sogar noch stärker mit Redaktionen und Kollegen zusammen arbeiten, die ähnliche Ambitionen haben wie wir. Auch durchaus über die ARD hinaus.

Sie waren bis vor kurzem Fernsehkorrespondent im ARD-Studio Moskau. In einer politisch sehr brisanten Zeit für Russland. Hat diese Erfahrung Ihren Blick auf das politische Geschehen in Deutschland verändert?

Ja, das hat sie. Wenn man zum Beispiel sieht wie weit Länder, die uns geografisch so nahe liegen, von demokratischen Grundsätzen entfernt sind, die wir als gottgegeben betrachten, dann wird einem noch einmal sehr unmittelbar bewusst, dass es sicherlich viel zu kritisieren gibt in Deutschland, aber auch einiges zu verteidigen. Man muss eben auch gegen eine gewisse Saturiertheit in Deutschland ankämpfen, die bestimmte demokratische Errungenschaften nicht mehr für verteidigungswert hält.

Wie kann Monitor von Ihren Erfahrungen profitieren?

Die Russlanderfahrung hat meinen Blick dafür geschärft, dass wir fast alle Themen international denken sollten, auch über Europa hinaus. Das klassische Inlandsmagazin, das „Monitor“ mal war, wird es so in Zukunft nicht mehr geben können. Wir müssen unseren Blick weiten.

 

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