Montagsinterview mit einem Hertha-Fan

„Ich hatte mal Hoeneß' Privatnummer“

Manfred Sangel ist eine stattliche Erscheinung. Trotzdem wirkt der 53-Jährige kein bisschen träge. Seit 23 Jahren moderiert Sangel das Radiomagazin Hertha-Echo.

Manfred Sangel im Studio des Alex, wo er moderiert.  Bild: David Oliveira

taz: Herr Sangel, im normalen Leben arbeiten Sie als Abteilungsleiter einer Zeitarbeitsfirma und sind gelernter Maler. Wie kommt man da zum Radiomachen?

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Manfred Sangel: Ich habe mich in den 80ern beim Verein Bürgerradio engagiert. Da habe ich mich mit lauter Alternativen und Studenten getroffen, die dann irgendwann abends ums elf Uhr mal zu Potte kamen. Ich habe immer gesagt: „Menschm Kinners, ich muss morgen uffstehen!“ Aber ich fand die Idee eines Bürgerradios toll.

 

Mittlerweile senden Sie alle 14 Tage eine Stunde lang live rund um Hertha: Spielberichte, Rückblicke, Nachrichten aus dem Verein und der Fanszene, Historisches. Wann kam Ihnen die Idee zum „Hertha-Echo“?

Ich hatte zunächst eine Kultursendung namens „City Sounds“ auf Alex. Da habe ich dann hin und wieder über Hertha berichtet. Und als die Stimmung in den Zeitungen beim Hertha-Abstieg in die Oberliga 1987 im Keller war und alle nur noch über den Club hergezogen sind, habe ich mir überlegt, mit einer Sendung was dagegenzusetzen.

 

Haben Sie ein Seminar über Moderationstechniken, Radiojournalismus oder dergleichen besucht?

Nein, nie. Ich mache natürlich auch Fehler. Ich sage zum Beispiel viel zu oft „ähm“. Barbara [Wegner-Ottow, beim Hertha-Echo für die Interviews und Reportagen zuständig, d. Red.] hat eine Zeitlang in jeder Sendung eine Strichliste geführt – und am Ende standen dann immer wirklich viele Striche da. Eine andere Spezialität von mir ist es, eine Frage zu stellen und die Antwort gleich mit zu geben. Letztens war der Gegenbauer [Werner Gegenbauer, Präsident von Hertha BSC, d. Red.] in der Sendung. Er hatte auf meine kunstvoll formulierte Frage bloß noch zu antworten: „Ja, so sehe ich das auch.“ Na ja.

 

Aber zumindest das Reglerschieben und Knöpfedrücken im Studio müssen Sie ja gelernt haben …

Klar, da gab es bei Alex eine Einführung. Einmal wollte ich mir auch Feedback zu meiner Sendung von den Hörfunkverantwortlichen hier holen, das bietet Alex ja auch an. Aber da haben sie mir gesagt: „Du brauchst das doch nicht, Manne.“ Na, auch gut.

 

Sie haben von jedem Hertha-Spiel, egal ob Ligapartie, Test- oder Freundschaftsspiel, einen O-Ton in Ihrer Sendung. Ihre Kollegin Barbara Wegner-Ottow berichtet seit mehr als zehn Jahren aus den Trainingslagern der Mannschaft. Was treibt Sie und Ihre MitstreiterInnen an?

Die Liebe zu Hertha, ganz einfach. Und es ist natürlich auch ein schönes Gefühl, wenn dir Leute im Stadion auf den Rücken klopfen und sagen: „War jut, die letzte Sendung.“ Oder wenn dich Leute ansprechen, die du gar nicht kennst, und dich fragen, wann die nächste Sendung ist.

 

Der Mensch: Manfred Sangel wird 1959 in Wilmersdorf geboren. 1965 nimmt sein Vater ihn zum ersten Mal mit zu einem Hertha-Spiel ins Olympiastadion. Als der Club 1987 in die Oberliga absteigt, beschließt Sangel, dem negativen Medienecho etwas entgegenzusetzen: das "Hertha-Echo" im Freien Kanal. Sangel ist verheiratet und lebt in Neukölln.

 

Die Sendung: Das Hertha-Echo gibt es seit 1989. Alle 14 Tage wird das einstündige Magazin live aus dem Hörfunkstudio von Alex - Offener Kanal Berlin gesendet. Mit seinem Team aus vier MitstreiterInnen berichtet Moderator und Chefredakteur Manfred Sangel über die Spiele und die Fans, interviewt Spieler und Trainer. Das nächste Hertha-Echo ist am Donnerstag ab 18 Uhr auf der Frequenz 88,4 oder im Netz unter www.hertha-echo.de zu hören.

 

Der Verein: Hertha BSC wurde 1892 gegründet. Heute hat der Verein knapp 29.000 Mitglieder. Zweimal wurde die erste Herrenmannschaft Deutscher Meister: 1930 und 1931. Ansonsten spielte Hertha meist in der ersten Liga, in den 80er-Jahren bis Mitte der 90er allerdings auch öfter mal in der zweiten - so wie auch in der neuen Saison. Am Freitag beginnt die Hinrunde, Hertha spielt zu Hause gegen den SC Paderborn 07.

Manfred Sangels Handy klingelt: Ha Ho He, Hertha BSC. Seine Frau ist am Telefon: Das Essen sei jetzt warm, wo er denn bleibe? Manfred Sangel hat vergessen, Bescheid zu sagen, dass es später wird. Sichtlich zerknirscht sinkt er auf seinem Stuhl zusammen und besänftigt die aufgebrachte Frauenstimme am anderen Ende der Leitung.

 

Sie ahnen die nächste Frage: Was sagt Ihre Frau zu Ihrem Hobby?

Ach, sie weiß schon, was sie sich mit mir angetan hat. Sie ist übrigens auch Hertha-Fan, sogar Mitglied im Verein, und trägt das mit, was ich mache. Sonst würde es auch nicht funktionieren. Klar, manchmal wird’s schon ein bisschen stressig: Der Sendefahrplan muss ja immer bis Mittwochabend stehen. Dann esse ich eben abends mal zwischendurch oder später – je nachdem auch, was es gerade zu essen gibt.

 

Eine Zeitung schrieb einmal, Sie seien „in der Ostkurve groß geworden“. Was heißt das?

Mit sechs Jahren, 1965 war das, hat mich mein Vater zum ersten Mal mitgenommen. Wann ich angefangen habe, wirklich regelmäßig zu den Spielen zu gehen, weiß ich gar nicht mehr, vielleicht so mit zehn oder elf Jahren. Aber man kann schon ruhig sagen, dass ich im Fanklub aufgewachsen bin – erst in der Ostkurve, dann habe ich mich hochgearbeitet in den Oberring. Da gab’s eine Art Hackordnung: Die jungen Kerle standen unten, die etwas zu sagen hatte, oben.

 

Da, wo Sie jetzt stehen.

Ja, ich würde schon sagen, dass ich nicht unbedingt der Unbekannteste bei Hertha bin.

Wer sind Sie denn bei Hertha?

Zumindest bin ich nicht als Streitvogel bekannt. Eher als der, der auch zwischen den Fans und den Vereinsverantwortlichen vermittelt. Deshalb bin ich auch ganz froh, dass ich nie eine offizielle Position bei Hertha innehatte. Und trotzdem schon mal meine Meinung sagen kann – die dann auch gehört wird. Ich habe meinen Freunden aber auch mal gesagt: „Wenn ihr merkt, dass ich irgendwie abhebe, dann seht zu, dass ihr mich wieder runterholt!“

 

Wann beschäftigen Sie sich eigentlich mal nicht mit Hertha?

Wenn ich schlafe.

 

Ach, tatsächlich?

Im Ernst. Und im Urlaub versuche ich auch, ein wenig Abstand zu bekommen. Obwohl, als meine Frau und ich 1993 unsere Hochzeitsreise nach Paris gemacht haben, sind wir schon einen Tag vorher wieder nach Berlin zurück, weil Hertha am nächsten Tag das erste öffentliche Training hatte. Wir haben uns angeschaut, und meine Frau hat gefragt: „Sollen wir zurück?“ und ich hab gesagt: „Ja“, und dann sind wir geflogen. So richtig schön schmalzig, ich weiß!

 

Wie viel Vorbereitungszeit investieren Sie neben den Fahrten zu den Spielen in eine Sendung?

Vielleicht zehn, zwölf Stunden. Früher, als wir noch mit Tonbandgeräten gearbeitet haben, waren es 20 bis 30 Stunden. Da ist die Technik heute viel schneller. Geht ja alles am Computer, und dann speichere ich die fertige Sendung bloß noch auf SD-Karte und zur Sicherheit noch mal auf einem USB-Stick. Und fertig!

 

Worauf achten Sie bei der Vorbereitung der Sendung?

Wir geben unseren Interviewgästen bewusst viel Raum, schneiden nicht gleich nach einer Minute ab. Wir wollen informieren und sind schon eine anspruchsvolle Sendung, nicht so ein Nudelfunk. Der Live-Charakter ist mir auch wichtig. Im professionellen Radio wird ja viel vorproduziert, da ist alles sehr glatt und man wundert sich dann immer, warum die so elegant daherreden. Ich finde es nicht schlimm, wenn man auch die Ecken und Kanten hört. Bei einer Live-Sendung gibt es eben immer eine Menge Unwägbarkeiten.

 

Wie vorhin, als sich herausstellte, dass Hertha-Mittelfeldspieler Peter Niemeyer, mit dem Sie über das letzte Mannschaftstraining reden wollten, gar nichts dazu sagen konnte?

Ja, ich wusste nicht, dass er sich beim Freundschaftsspiel gegen den BFC Victoria [ein Tempelhofer Klub aus der Oberliga, d. Red.] verletzt hatte – hat man vielleicht auch gemerkt, oder? Aber ich frage ohnehin immer frei, ich schreibe mir da zuvor nichts auf. Ich bin ein spontaner Mensch. Da steht jemand vor mir, ich mache das Mikro an, und dann kommen auch schon die Fragen.

 

Sogar Reiner Calmund und den DFB-Heiligen Franz Beckenbauer haben Sie bereits fürs Hertha-Echo interviewt.

Reiner Calmund, das war 1993, da war er Manager von Leverkusen und Hertha hat gegen Leverkusen das DFB-Pokalfinale gespielt. Ich habe mir auf der Arbeit freinehmen können, bin auf die Pressekonferenz und habe dem Calmund hinterher einfach mal erzählt, was wir machen. Er stand dann tatsächlich zehn Minuten nach Sendebeginn plötzlich im Studio. Das war gut, denn wir hatten eine 90-Minuten-Sondersendung und bis auf den Trainer der Hertha-Amateure sind uns alle Interviewpartner abgesprungen. Wir standen also praktisch mit nichts da – dann kam Calmund rein. Zwei Sponsorentermine hat er wegen uns abgesagt! Das war ein Highlight.

 

Und Beckenbauer?

Den hab ich 1992 auf der Funkausstellung getroffen. In dem Jahr hat Hertha 100 Jahre Vereinsjubliäum gefeiert; ich hatte die Idee, Prominente ein paar Sätze dazu ins Mikrofon sagen zu lassen: Günter Netzer, Harald Schmidt. Ich habe dann einfach gewartet, bis Beckenbauer die Treppe runterkam, damals war er für die ARD im Fernsehstudio. Von Uli Hoeneß hatte ich sogar mal – fragen Sie mich nicht, wie das passiert ist – die private Telefonnummer. Da ging seine Frau ran und hat gerufen: „Uli, Telefon für dich aus Berlin.“ Heute wäre an der Presseabteilung von Bayern München mit Sicherheit Endstation.

Wird das Hertha-Echo von Profi-Journalisten wahrgenommen?

Alle Sportjournalisten, die mit Hertha zu tun haben, wissen, was wir machen. Wir haben uns da einen gewissen Ruf erarbeitet. Da sind wir auch stolz drauf.

 

Ihre Stimme hat Gewicht?

Na ja, was heißt Gewicht. Aber die Berufsjournalisten wissen, dass wir auch mal kritisch nachfragen. Vielleicht anders als sie, mehr durch die blau-weiße Brille, aus Fanperspektive. Aber man hört uns. Kürzlich hatten wir Ingo Schiller, den zweiten Geschäftsführer von Hertha, am Telefon. Und am nächsten Tag habe ich ein Zitat von ihm in der Berliner Morgenpost gelesen, das er bei uns gesagt hatte – wie in der Zeitung übrigens auch vermerkt war.

 

Auch die Musikmischung, die Sie spielen, ist eher speziell. Zu den Spielberichten legen Sie etwa meist die Stadionlieder der Vereine auf, gegen die Hertha angetreten ist.

Das ist tatsächlich wohl ziemlich einmalig in der deutschen Radiolandschaft. Natürlich spielen wir die Hertha-Lieder, aber eben nicht nur. Ich versuche immer, die Musik ein bisschen danach auszusuchen, wie es für Hertha am Wochenende gelaufen ist. Wenn wir verloren haben, gibt’s dann vielleicht mal „Es geht eine Träne auf Reisen“ von dem italienischen Schlagersänger Salvatore Adamo oder so was. Wenn es gut lief, keine Ahnung – vielleicht „Millionär“ von den Prinzen. Und ansonsten setze ich mir keine Grenzen, was die Musik angeht: Wir haben auch schon Punk Rock und New Wave gespielt. Oder Hard Rock und dann Roland Kaiser. Warum nicht?

 

Es gibt nichts, das Sie nicht spielen würden?

Doch: Rechte Musik würde ich nicht spielen.

 

Wird das Hertha-Echo in rechten Fan-Kreisen gehört?

Ich habe in all den Jahren nie etwas in dieser Hinsicht wahrgenommen. Ausschließen kann ich es allerdings nicht, weil ich keinerlei Kontakte in diese Szene habe.

 

In den Jahren nach der Wiedervereinigung galt Hertha BSC als ein Verein mit beträchtlichem rechtem Fanpotenzial.

 

Das hat sich aber auch wieder geändert. In den 90er-Jahren hörte man in der Ostkurve sicherlich mal „Sieg Heil“-Rufe. Aber auch dank der Ultraszene bei Hertha, die sehr entschieden gegen rechte Fangruppen vorgegangen ist, hat sich die Ostkurve seit einigen Jahren wieder entpolitisiert.

 

 

Waren Sie selbst mal in der Ultraszene bei Hertha aktiv?

Aktiv nicht. Aber ich kenne die, und die kennen mich.

 

Als Berlin noch geteilt war, sind Sie regelmäßig mit anderen Hertha-Fans zu den Spielen des 1. FC Union nach Köpenick gefahren. „Hertha und Union – eine Nation“, riefen die Fans gemeinsam im Stadion. Da war Fußball auf einmal sehr politisch.

Klar, das war auch ein Protestsignal. Vor allem, wenn wir dann mit den Union-Fans zusammen Hertha-Lieder gesungen haben. Es haben sich dann auch Freundschaften mit Union-Fans ergeben, die lange Jahre gehalten haben. Wir haben uns regelmäßig besucht – das heißt natürlich, ich habe sie besucht.

 

Pflegen Sie diese Freundschaften immer noch?

Nein, irgendwann ist das eingeschlafen. Ich hatte zwei Freunde in der DDR, die waren beide bei der Armee. Irgendwann kam dann eine Nachricht von der Mutter, dass die beiden keine Anrufe mehr wünschten. Kurz nach der Wende habe ich dann noch mal darüber nachgedacht, den Kontakt wieder aufleben zu lassen. Aber dann habe ich es doch gelassen.

Heute herrscht zwischen Fans von Hertha und Union mindestens Rivalität, zuweilen auch offener Hass.

Ja, viele der älteren Fans bei Hertha und Union, die die DDR noch bewusst erlebt haben, bedauern das auch. Aber so ist das eben. Die Rivalität ist jetzt sicher auch noch mal stärker, weil beide Mannschaften in der zweiten Bundesliga spielen.

 

Wird Hertha dort in der nächsten Saison auch noch spielen oder gelingt unter dem neuen Trainer Jos Luhukay der Aufstieg? Was sagt der Experte?

Für den Verein wäre der Aufstieg sehr wichtig. Ich glaube, es ist aber vor allem wichtig, dass erst mal wieder eine gewisse Ruhe und Konstanz einkehrt und der Aufstieg nicht übers Knie gebrochen wird.

 

Am Freitag startet die zweite Bundesliga in die Hinrunde, Hertha ist am ersten Spieltag gegen den SC Paderborn dran. Ihr Tipp?

Sieg. Ganz klar.

 

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