Der alte Meister

Einsamer Segler

Das idyllische Barobo auf den Philippinen. Die örtliche Polizeistation postet am 27. Februar auf Facebook das Bild einer Segler-Mumie, von der unklar ist, wie lange sie schon ungestört auf ihrer Yacht saß. Der Autopilot hat weiter gesteuert, das Meersalz die Leiche gründlich konserviert. Klar ist: Die Mumie heißt Manfred und kommt aus dem Ruhrgebiet. Und Manfred muss wirklich feinfühlig gewesen sein. Denn in den letzten Minuten seines einsamen Lebens, hat er an Goya gedacht.

Die Haltung, die bedrohliche Stimmung, die Perspektive! Eine Manifestation des Mannes in „Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“. Nur halt ein bisschen trockener und grüner.

Und zugegeben, die Körperfettschicht ist schon ein bisschen in den Tisch gesickert. Dafür hat Manfreds Mumie noch ziemlich viele Haare, was nicht jeder 59-jährige Exilnordrheinwestfale von sich behaupten kann. Die Kabel seines Radiotelefons umkreisen ihn wie die Raubtiere den schlafenden Künstler von Goya. Soziale Isolation. Die Unfähigkeit, trotz aller vorhandener Technik, Kontakt zu den Mitmenschen aufzubauen. Der starre Blick! Vielleicht sucht Manfred in der Leere der oxidierten Hand ein Smartphone? Hat Manfred am Ende seiner Odyssee noch einmal versucht, kurz durchzurufen? Wir werden es nie erfahren.

Aber wir verbeugen uns vor dem einsamen Segler, der uns, treu nach Goya, Appell an die menschliche Vernunft ist: Fülle dein Leben mit geliebten Menschen und nicht mit kostspieligen Bankier-Hobbys. Ja, auch, wenn du aus dem Ruhrgebiet kommst.

 
  • aus der taz
vom 3. 3. 2016
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