Muslime und Umweltschutz

Mohammed liebte Grün

Deutsche Muslime bauen Windräder in Minarette. Im Koran finden sich zahlreiche Aussagen zur Ökologie.

Muslime in Deutschland hielten Umweltschutz vielfach „für Luxus“. Bild: dpa

„Der Ökoislam kommt“, „Neue Energie für die Gläubigen“, „die Pionier- Moschee“ – was für Schlagzeilen! Und ein Jahr danach? „Klar hat sich der ganze Aufwand gelohnt“, sagt Şenay Altintaş heute. Sie gehört zum Vorstand der Darmstädter Emir-Sultan Moschee, wo jeden Tag etwa 100 Muslime beten.

Und sie ist Ingenieurin und war eine derjenigen, die sich dafür stark gemacht haben, dass die Moschee, die seit 35 Jahren in einem Darmstädter Industriegebiet steht, vor einem Jahr zu einem grünen Vorzeigeprojekt wurde. Das weiß gemauerte Minarett mit schwarzen Fugen erhebt sich in den Himmel. Davor steht das Gemeindehaus.

Auf dem Flachdach sind 41 Solarpaneele verankert – für 20.000 Euro. Im Jahr produzieren sie nun 9.000 Kilowattstunden Strom. Damit laufen Computer, wird Tee gekocht, und dann bleibt immer noch Strom übrig. Der selbstgemachte Ökostrom mindert den Ausstoß von klimaschädigendem Kohlendioxid – und auch die Stromrechnung sieht günstig aus. Ist das der Grund, dass sich so viele Nachahmer gefunden haben?

In Marburg ist gerade der Grundstein für ein neues Gotteshaus gelegt worden, der Architekt hat eine Photovoltaikanlage vorgesehen. In Norderstedt sind Minarette geplant, in die Windräder integriert werden, und der Koordinationsrat der Muslime machte dieses Jahr den Umweltschutz zum Motto des „Tags der offenen Moschee “.

Kosten und Image

Altintaş sagt, das Kostenargument sei wichtig. Dies habe in Darmstadt jetzt vor allem die älteren Mitglieder überzeugt. Sie seien diejenigen mit den meisten Bedenken gewesen. Den Jüngeren aber sei es von vornherein um mehr gegangen – um ein positives Bild des Islam. „Wir können ein Zeichen setzen: Wir nehmen unsere Verantwortung für das Leben hier, unsere Mitmenschen und auch für unsere Umwelt ernst“, meint Altintaş.

Saidy Naiem ist Altintaş’ Studienkollege. Er hat die Photovoltaikanlage auf dem Darmstädter Flachdach mit konzipiert und mit angeschraubt – in seiner Freizeit. Es ist nicht sein einziges Projekt. Naiem hat den ehrenamtlichen Planungs und Beratungsverein NourEnergie gegründet (Nour ist arabisch für Licht).

Er macht das mit neun anderen Muslimen, acht davon sind Ingenieure, einer ist Anwalt. Sie haben auch in der Weinheimer Mevlana Moschee, 50 Kilometer von Darmstadt entfernt, eine Photovoltaikanlage installiert; diese liefert im Jahr sogar 18.000 Kilowattstunden Strom.

Ihre Vision: Mehr dieser Projekte in Deutschland, aber auch in Afghanistan, in Togo, in der Türkei. Warum sie das machen? Naiem: „Der Prophet Mohammed sagt: Der nützlichste unter den Menschen ist der, der den Menschen am nützlichsten ist.“ Im Koran und in den Sätzen des Propheten finden sich zahlreiche Aussagen zum Umweltschutz.

Die geplante Moschee in Leipzig-Gohlis und grüne Mappe. Bild: dpa

So werden Muslime angehalten, bei rituellen Waschungen kein Wasser zu verschwenden. Das wissen in Deutschland allerdings nur wenige. Muslime gelten nicht als große Umweltschützer, eher schon als Fahrer dicker Autos. Bei dem Gedanken lacht Naiem. „Dicke Autos fahren alle“, sagt er. Aber natürlich sei noch viel Überzeugungsarbeit nötig. Muslime in Deutschland hielten Umweltschutz vielfach „für Luxus“.

Für alle gilt das längst nicht mehr. Vor drei Jahren haben sich mehrere muslimische Studenten zur Umweltschutzgruppe Hima zusammengeschlossen. Anfangs sei das nicht leicht gewesen, erzählt Kübra Ercan aus dem Vorstand. „Haben wir nicht andere Probleme? Diskriminierung, Kopftuchverbot, Familienpolitik?“, das seien so Fragen gewesen, die ihnen entgegen geschmettert wurden. Doch heute hörten sie dies „fast gar nicht mehr“. Hima ist etabliert.

Für die Darmstädter Moschee organisierten sie letztes Jahr die Einweihungsfeier. Kein Wegwerfgeschirr. Halal-Häppchen, die bio, fair und regional waren. Für 13 Moscheen haben sie dieses Jahr zum Tag der offenen Tür schon Konzepte, Vorträge, Workshops entwickelt. Sie beteiligen sich am europäischen Projekt „Green up your community“, mit dem Moscheen grüner werden sollen.

Und sie bieten faire Bio-Brunchs an, manchmal auch zusammen mit der jüdischen Initiative „Jews go Green“. Und sie wollen weitermachen, etwa eigene Label für Bio-Halal-Produkte und weite Frauenkleidung aus umweltverträglichem und fair hergestelltem Material gründen oder ein eigenes Stück Land kaufen. Denn: Hima bedeutet „Naturschutzgebiet“.

Ehrenamtlich, ohne Profit

Hima und NourEnergie sind bereits von „Zahnräder“ ausgezeichnet, einer Plattform für die Vernetzung islamischer Initiativen. Der Wirtschaftswissenschaftler Ali Aslan Gümüşay von „Zahnräder“ empfiehlt den Initiativen allerdings, ihre Dienstleistungen nicht mehr nur ehrenamtlich, sondern hauptberuflich anzubieten: „Sie könnten viel mehr Leute erreichen“.

Naiem hält dem jedoch entgegen: „Wir werden zu Vorträgen an Unis eingeladen und die Leute kommen, weil sie wissen: die reden nicht nur. Wir erreichen sie, weil wir keinen Profit aus dem ziehen, was wir tun.“

Uneigennützig. Engagiert. Doch eine Frage bleibt. Spaltet es die Gesellschaft noch mehr, wenn sich Muslime in eigenen Gruppen engagieren? „Wir wollen keinesfalls unsere eigene Suppe kochen“, erklärt Kübra Ercan von Hima. Es sei aber schwierig, den Ottonormal-Naturschützer mit dem Alinormal-Ökomuslim zusammen zu bringen. Das sehe mittlerweile selbst der Deutsche Naturschutzring so.

Und dann erzählt Ercan, dass sie mal bei einer alten Umweltgruppe angeklopft und gefragt habe, was sie tun könne. Die Antwort damals: „Wir fahren nächste Woche in den Amazonas, machen einen Hungerstreik und binden uns nackt an die Bäume. Komm doch mit.“ Nackt! – Das passte gar nicht. Sie wolle zunächst, so sagt sie nun, die eigenen Leute sensibilisieren und dann mit Nichtmuslimen zusammenarbeiten.

Da tut sich auch schon was. Der Dachverband der jungen Muslime MJV lädt Greenpeace bereits zu Workshops ein. Zumal Umweltschützer und der Islam eine Gemeinsamkeit haben: Die Lieblingsfarbe des Propheten Mohammed soll Grün gewesen sein.

Sylvia Meise, der Artikel ist erschienen in der Ausgabe zeo2 1/2014, ab 10. Dezember im Handel.

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