NS-Gedenkort in Hafen-City teileröffnet

Gedenken trifft Park-Ästhetik

Vom Lohsepark deportierten die Nazis rund 8.000 Juden, Sinti und Roma. Der Gedenkort ist ein ambivalenter Mix aus Freizeit und Erinnern.

Eine flache grüne Parklandschaft, durchzogen von einem geraden Weg

Hier können Spaziergänger zur einstigen Gleistrasse der Deportationszüge schlendern Foto: Hafencity Hamburg GmbH/ Franziska Husung

HAMBURG taz | Dieser Park ist arg aufgeräumt: Gemäht der Rasen, gefegt das Pflaster, adrett grün, grau, zartrot Wege und Mauern. Dazu minimalistisch gerade oder schräg verlaufende Wege, mal rauf, mal runter. Ein Jogger, ein Hund, ein Spielplatzkind.

Eine künstliche Naherholungs-Oase ist der Lohseplatz in Hamburgs Hafencity geworden, einziges Alleinstellungsmerkmal: diese vielen mittelbequemen Sitzreihen, wie im Wartesaal brav aneinander geleimt.

Wer versiert ist, versteht, dass sie symbolisieren, was der Lohseplatz einst war: Vorplatz des Hannoverschen Bahnhofs, 1872 als Gründerzeit-Kopfbahnhof eröffnet, in Sichtweite des heutigen „Spiegel“-Hochhauses ungefähr. Damals hat er auch „Venloer“ und „Pariser“ Bahnhof geheißen, weil er Hamburg mit der halben Welt verbinden sollte. Gereicht hat es dann nur bis nach Hannover und ins Ruhrgebiet, und seit Eröffnung des Hauptbahnhofs 1906 fungierte er vor allem als Güterbahnhof.

Nach 1945 schwieg man

Bedrohlich wurde der Hannoversche Bahnhof zwischen 1940 und 1945, als Hamburgs Gestapo ihn zum Deportationsort umfunktionierte. Knapp 8.000 Juden, Sinti und Roma aus Hamburg, Schleswig-Holstein und Niedersachsen wurden vom Hannoverschen Bahnhof deportiert – in KZ und Ghettos von Riga, Minsk, Lódź, Theresienstadt, Auschwitz und Bełżec. Wenige überlebten.

Daran erinnerte lange nichts; nach 1945 schwieg man darüber. Dabei sind die Deportationen durchaus öffentlich gewesen: Ganz Hamburg sah und wusste, wenn an der Moorweide Menschen auf Laster geladen oder an der Sternschanze in die Bahn gezwungen wurden.

Aber den Erhalt der Täterspuren erstrebte man nach 1945 nicht; noch 1952 sprengte man den beschädigten Hannoverschen Bahnhof und riss in den 1980ern angrenzende Gebäude ab. Dann wuchs Gras. Lagerhallen entstanden, die Brache moderte. So lange, bis die ersten Hafencity-Pläne keimten, man im einstigen Freihafen ein Wohnen-am-Wasser-Nobelviertel plante und der Baugrund begehrt und teuer wurde. Da begannen sich einzelne mit der Historie des Ortes zu befassen, die Kulturbehörde brachte 2005 eine erste Informationstafel an, ließ 2007 Rasen säen.

Park-Ästhetik wird nicht gestört

Die Idee: am Lohseplatz einen handlichen Gedenk-Ort zu machen, der mit dem Hafencity-Bauboom nicht kollidierte. 2007 fanden Historiker allerdings heraus, dass ein paar Meter weiter sehr wohl authentische Spuren existierten: die Kante des einstigen Bahnsteigs 2 sowie der Verlauf der Gleistrasse.

Für ein angemessenes Gedenken würde man also mehr Platz brauchen, vom Lohseplatz bis zum Bahnsteig, den die Behörde geistesgegenwärtig unter Denkmalschutz stellen ließ. Zügig beschloss die Bürgerschaft 2008, dort einen Gedenkort zu schaffen, bis spätestens 2013.

Charakteristisch sind die mittelbequemen Sitzreihen, wie im Wartesaal brav aneinander geleimt

Das hat sich etwas hingezogen. Doch seit Kurzem kann man das einstige Gleisbett begehen – in einer Vertiefung, was daran liegt, dass die restliche Hafencity zwecks Hochwasserschutzes erhöht wurde. Die Park-Ästhetik stört diese „Fuge“ aber nicht. Das Grauen ist nur präsent, wenn man sich ihm stellt.

Das wird im Frühjahr 2017 anders werden: Dann sollen 20 Tafeln mit Namen aller Deportierten die historische Bahnsteigkante säumen, für jeden Transport eine. Wobei die Namen der Juden seit 1965 in einem Senats-Gedenkbuch stehen, die der Sinti und Roma bis heute nicht. Dafür steht auf der Lohseplatz-Gedenktafel: „Von Protesten der Hamburger Bevölkerung gegen die Deportationen ist nichts bekannt.“

Dokumentationszentrum ist geplant

Dies war auch das Fazit der Ausstellung „In den Tod geschickt. Die Deportation von Juden, Roma und Sinti aus Hamburg 1940 bis 1945“, die Linde Apel von der Hamburger Forschungsstelle für Zeitgeschichte 2009 im Kunsthaus zeigte. Sie wird – neben einer Präsentation des Hamburger Stolperstein-Projekts – Kern der Dauerausstellung sein, die ab 2019/2020 den Gedenkort Lohseplatz ergänzt.

Dazu will die Stadt, unterstützt von der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, ein Dokumentationszentrum im Erdgeschoss eines noch zu bauenden Bürogebäudes errichten. Und sobald Gebäude und Ausstellung fertig geplant sind – ein Architektur- und ein Grafikbüro arbeiten daran – will die Stadt einen Investor suchen, der das Haus baut. Von ihm wird die Stadt dann vermutlich ein Dauernutzungsrecht für das Erdgeschoss für mindestens 99 Jahre erhalten. Dass die Stadt im Gegenzug einen kräftigen Baukostenzuschuss spendiert, darf man getrost vermuten.

Warum man in Zeiten massiven Büro-Leerstands ausgerechnet ein Bürogebäude plant, statt das Dokumentationszentrum in ein bestehendes Gebäude zu setzen? „Im näheren Umkreis des ehemaligen Hannoverschen Bahnhofs gibt es keine Bestandsgebäude, die barrierefrei 1.000 Quadratmeter Ausstellungsfläche vorweisen“, sagt Kulturbehördensprecher Enno Isermann. So viele Quadratmeter müssen es sein, das haben auch die Opferverbände gefordert.

Keine schrillen Banner

Dem Bau eines Einzelgebäudes wiederum stand laut Hafencity GmbH-Pressesprecherin Susanne Bühler der Masterplan entgegen, der „für die Hafencity generell eine mehrgeschossige Bebauung vorsieht“.

Doch diese typisch hanseatisch-kaufmännische Lösung, die an die mäßig gelungene städtische-private „Mischfinanzierung“ der Elbphilharmonie erinnert, birgt Nachteile: Denn die Nutzung der oberen Stockwerke durch Firmen solle, sagt Oliver von Wrochem, für den Lohseplatz verantwortlicher Historiker der KZ-Gedenkstätte Neuengamme, „mit dem Dokumentationszentrum vereinbar sein“.

Das ist schwer zu definieren und kann aufgeweicht werden, falls man keine geeigneten Mieter findet. Dass diese Firmen große, schrille Banner an die Fassade hängen, will man allerdings verhindern: Man werde festschreiben, sagt Kulturbehördensprecher Isermann, „dass auf der dem Park zugewandten Außenfassade nur auf das Dokumentationszentrum hingewiesen werden darf“. Auch wird der Eingang zu den privaten Büros nicht zum Lohseplatz hin liegen.

Lebendiges Nebeneinander

Finanzieren wird das Dokumentationszentrum die Kulturbehörde, denn die KZ-Gedenkstätte Neuengamme kann diesen Posten – obwohl künftig Mitverwalterin des Zentrums – nicht stemmen. Die Betriebskosten will der Senat in den Doppelhaushalt 2019/2020 einstellen.

Bleibt die Frage, ob sich Gedenkort, Spazierweg und Spielplatz so verquickt miteinander vertragen. Ja, er finde das gut, sagt von Wrochem. Durch dieses lebendige Nebeneinander könne man Jugendliche an das Thema heranführen.

Außerdem werde das Dokumentationszentrum in Workshops und Seminaren aktuelle Bezüge herstellen. „Antisemitismus, Antiziganismus, Rassismus, Ausgrenzung und Zwangsmigration – das gibt es alles noch heute“, sagt er. Wichtig sei allerdings, dass man historische und aktuelle Ereignisse nicht gleichsetze, sondern auch Unterschiede vermittle.

 

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