NS-Künstler Erich Klahn

Antijüdische Stereotype

Das Lübecker Museum Behnhaus zeigt den „Ulenspiegel“ des wegen seiner NS-Nähe umstrittenen Künstlers Erich Klahn fast unkommentiert.

Formbarer Schelm, feixende Juden: der Künstler als Antisemit. Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2015

LÜBECK taz | Eigentlich war Eulenspiegel nur ein harmloser Narr. Aber was heißt schon harmlos: Ein Narr ist ambivalent, hat die Freiheit eines scheinbar Verrückten und kann daher ungestraft die Wahrheit sagen. So war es auch mit Till Eulenspiegel, jener mittelalterlichen Legendenfigur, der jetzt eine Lübecker Ausstellung gilt.

Dabei weiß man nicht einmal, ob es Eulenspiegel je gab. Aber weil er so spöttisch, robin-hood-artig feixend auf die Obrigkeit schaute, ließ er sich gut vereinnahmen als Rächer der Unterdrücken. So eine Geschichte konnte Charles des Coster im 19. Jahrhundert problemlos zum belgischen Nationalepos umdichten. Für seine „Geschichte von Ulenspiegel und Lamme Goedzak und ihren heldenmäßigen, fröhlichen und glorreichen Abenteuern im Lande Flandern und anderwärts, 1867/1869“ verlegte er die niederdeutsche Geschichte in den Achtzigjährigen Krieg des 16. Jahrhunderts, als die Flamen gegen die Spanier fochten. Ulenspiegel wurde zum kämpfenden Flamen – und zur Parabel für den im 19. Jahrhundert tobenden Sprachenkampf der „Vlaamse Bewegung“ gegen die Wallonen.

De Coster setzte sich damit zwischen alle Stühle: Mangels verfügbarer flämischer Kultursprache schrieb er sein pro-flämisches Werk auf Französisch. Aber die Flamen konnten es nicht lesen, und Franzosen betraf es nicht. Heute gilt der Roman als bedeutendste literarische Übertragung des Eulenspiegel-Stoffs. Aber der Ruhm kam erst nach de Costers Tod.

Und mit ihm die politische Vereinnahmung. Vom Kampf der Flamen gegen die Spanier – nordischer Menschen gegen südliche – war es nicht weit zu den Ideen der rechtskonservativen „Niederdeutschen Bewegung“ der 1920er-Jahre, die sich zunächst kulturell, später auch politisch verstand und ein „Germanentum“ postulierte, das alle Völker von Belgien bis zum Baltikum eine. Deren „Befreiungskampf“ ergänzten die Nazis später um den deutschen Führungsanspruch – der Link war perfekt. Und so stark, dass sich der Rechtsaußen-Flügel der „Niederdeutschen“, die Fehrs-Gilde, 1933 freiwillig dem NS-Ideologen Alfred Rosenberg unterstellte.

„Erich Klahn. Ulenspiegel“: bis 19. 4., Behnhaus, Lübeck.

In der Fehrs-Gilde verkehrte auch der Lübecker Maler Erich Klahn, der zwischen 1935 und 1978 de Costers Ulenspiegel illustrierte. 1312 Aquarelle hat er geschaffen, von denen das Lübecker Behnhaus Drägerhaus jetzt 300 zeigt – aber in problematischer Form. Denn über Klahns Nähe zum Nationalsozialismus – 1921 war er der NSDAP beigetreten, ohne aber je Mitgliedsbeiträge zu zahlen – geht die Schau ebenso hinweg wie darüber, dass sich Klahn Hitler-freundlich äußerte und einen Teppich schuf, der 1943 im „Gästehaus der Reichsführung der NS-Frauenschaft“ hing.

Stattdessen vermerkt der Saaltext lapidar, Klahn sei im Nationalsozialismus nicht verfemt gewesen. „Er musste nicht ins Exil, um seine Kunst hervorbringen zu können“ steht da. Das Wort „Niederdeutsch“ fehlt. Im Katalog, sagt Museumschef Alexander Bastek, sei alles erklärt.

Das stimmt nur zum Teil: Der zentrale Aufsatz von Diana Maria Friz behandelt vor allem Klahns Frauengeschichten und erwähnt nur knapp, dass er „noch lange glaubte, dass ,Hitler geeignet sei, Deutschland wieder zu alter Größe zu führen‘“.

Da hatte der Katalog zur Wolfenbütteler Klahn-Schau von 1986 – von dort stammen viele Leihgaben – stärkere Worte gefunden. Sehr klar wird darin Klahns völkische Gesinnung benannt. Aber Lübecks Museumschef fand diese Texte „zu alt“, um sie in seinen Katalog aufzunehmen.

Und zentral ist die Frage nach Klahns Ideologie in der Tat, begründet sie doch einen seit Mai 2014 schwelenden Rechtsstreit zwischen der hannoverschen Klosterkammer, die den von der Witwe Barbara Bosse-Klahn geschenkten Nachlass nicht mehr mit Staatsgeld pflegen und zeigen will, und den Klahn-Erben. Strittig ist, ob es sich um einen kündbaren Treuhandvertrag oder eine unkündbare Schenkung unter Auflage handelt.

„Karriere hat er nie gemacht“

Das Landgericht Hannover hat die Vertragskündigung durch die Kammer am 27. März für ungültig erklärt, aber die will Berufung einlegen. Klosterkammer-Direktor Andreas Hesse argumentiert dabei mit einem Gutachten des Kunsthistorikers Henning Repetzky, der zu dem Schluss kommt, Klahns ideologische Nähe zum NS-Regime sei evident.

Aber auch das lässt der Lübecker Museumschef nicht gelten. Man müsse zwar kritisch mit Klahns Frühwerk ins Gericht gehen, könne das aber nicht auf das Gesamtwerk übertragen; Näheres werde bald ein zweites Klahn-Gutachten zeigen. Das hat die Klosterkammer beim Historiker Thomas Vogtherr in Auftrag gegeben, der auch neuere Archivalien sichten soll. In der Tat, sagt Vogtherr, sei Klahn nationalkonservativ gesinnt gewesen. Trotzdem sei seine Haltung ambivalent. „Er grenzt sich in Briefen einerseits gegen den prügelnden, proletarischen NS-Pöbel ab, teilt dessen ideologische Positionen aber ausdrücklich.“

Klahn reproduziere auch antisemitische Klischees, hetze aber nicht gegen Juden. Und ob Klahn gewusst habe, wie linientreu der Lübecker Geibelpreis war, den der 1943 annahm, sei unklar. Zudem habe der Preis Klahns Geldnot zwar gemildert, „aber Karriere hat er nie gemacht“.

Das mit der Geldnot spiegelt auch die Lübecker Schau, denn Klahns Ulenspiegel-Aquarelle waren letztlich ein Stipendium: Die Celler Ärztin Gertrud Lamprecht, eine Geliebte Klahns, zahlte ihm pro Bild einen festen Betrag. Und das Thema kam Klahn gelegen: „Das Völkische, das die Niederdeutschen und die Nazis in Costers Ulenspiegel hineindeuteten, kam ihm sicher entgegen“, sagt Gutachter Vogtherr.

Umgesetzt hat er es handwerklich gekonnt: Wie eine Comic-Serie lesen sich die effektvoll arrangierten Blätter, deren Stil zwischen Altmeisterlichem des 17. Jahrhunderts und Expressionistischem changiert. Mal sind da häusliche Szenen der Ulenspiegel-Geburt zu sehen, mal Soldaten im Krieg, mal Ulenspiegel, wie er im Fass sitzend näht. Es gibt Gefolterte und nackte Kriegsgefangene im Schnee. Und „Bilder, auf denen er deutsche Soldaten als Angsthasen darstellt, waren im Dritten Reich durchaus selbstgefährdend“, sagt Museumschef Bastek.

Das waren die Aquarelle der hakennasigen, fratzenhaft feixenden Juden sicher nicht. Trotzdem habe man sie nicht herausgelassen, „um uns nicht dem Vorwurf des Verschweigens auszusetzen“, sagt Bastek. Doch auch hier fehlt jede Beschriftung. Der unbedarfte Betrachter kann also den Eindruck gewinnen, dass die Darstellung antisemitischer Stereotype salonfähig sei.

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