Nach Trauerfeier um Neonazi

Chemnitzer FC zieht die Notbremse

Erst trauert der Fußballclub bei einem Ligaspiel um einen verstorbenen Neonazi. Nun rudert der Verein zurück – und stellt sich als Opfer dar.

Ein Spieler des FC Chemnitz hält ein Hooligan-Tshirt in die Höhe

Nähe von Spielern und Szene: Ein Spieler des FC ehrt den verstorbenen Neonazi Foto: imago/Harry Haertel

Die Kehrtwende am Montagmorgen wirkte sehr brüsk. Der Chemnitzer FC erklärte in einer Pressemitteilung, Strafanzeige gegen unbekannt zu stellen „wegen aller in Betracht kommenden Delikte“.

Sinngemäß sagte Klaus Siemon, der Insolvenzverwalter des Vereins, im Vergleich zu den sonstigen Regionalligaspielen sei alles so anders gelaufen an diesem Samstag, dass man nun klären müsste, wie das passieren konnte. Zuständige Mitarbeiter im Verein hätten von Drohungen durch die eigenen Fans gesprochen. Es liege der Anfangsverdacht einer „schwerwiegenden Nötigung“ vor.

Einem verstorbenen Neonazi wird in der Tat nicht jeden Spieltag im Chemnitzer Stadion an der Gellertstraße mit Hilfe der Vereinsverantwortlichen gehuldigt. Dieser Vorgang ist einmalig in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland. Vor der Partie gegen den VSG Altglienicke gedachte man beim Chemnitzer FC des kurz zuvor verstorbenen Thomas Haller, der in den 90-er Jahren die Vereinigung „Hoonara“ (Hooligans Nazis Rassisten) mit begründete, bis er 2007 mit seiner Sicherheitsfirma den Ordnungsdienst beim Chemnitzer FC organisierte und bis zuletzt als leidenschaftlicher Fan des Vereins galt.

Für die Trauer um Haller hatte der Chemnitzer FC den Fans eine Choreografie genehmigt. Ein schwarzes Transparent mit einem weißen Kreuz wurde präsentiert, begleitet von einer Pyro-Show. Auf der Videowand wurde ein Foto von Haller eingeblendet, in einer Rede gedachte man seiner Verdienste. Und in der ersten Stellungnahme des Vereins am Sonntag war noch nichts zu hören von möglichen Nötigungen durch die Chemnitzer Fanszene. Im Gegenteil, der Klub verteidigte das Geschehene und sprach von einem „Gebot der Mitmenschlichkeit“, den Fans und Hinterbliebenen „die gemeinsame Trauer zu ermöglichen“.

Es drohen massive Sanktionen

Nun betrachtet der Verein sich also als Opfer. In der Pressemitteilung von Montag hieß es, es lägen Erkenntnisse vor, „dass einschlägig bekannte Personen aus der rechtsextremen Szene“ außerhalb von Chemnitz angereist seien. Die vom Juristen Siemon eingeleitete Kehrtwende macht natürlich Sinn. Der Chemnitzer FC fürchtet um seine Existenz. Finanziell hat sich der Klub unter Insolvenzverwalter Siemon gerade mühselig konsolidiert und ist als unangefochtener Tabellenführer auf dem Weg in die Dritte Liga.

Nach den Ereignissen von Samstag hat der Nordostdeutsche Fußballverband (NOFV) Ermittlungen angekündigt. Es drohen massive Sanktionen. Geschäftsführer Holger Fuchs sagte zwar am Montag der taz, er wolle keine Bewertungen vornehmen und die Ermittlungen abwarten, beim Deutschen Fußball-Bund ist man indes deutlicher. Vizepräsident Rainer Koch sagte: „Wir distanzieren uns in aller Deutlichkeit von den Vorkommnissen.“

Man vertraue darauf, dass der NOFV die richtigen Maßnahmen einleiten werde. Die Sparkasse Chemnitz, der Brustsponsor des Vereins, kündigte eine Prüfung an, ob man seine Leistungen mit sofortiger Wirkung einstellen werde. Der Ausstieg war bereits vorher beschlossen.

Die Opfererzählung der Vereinsführung stehen jedoch einige Fakten entgegen. Die Polizei Chemnitz erklärte, in Sicherheitsbesprechungen vor der Durchführung des Traueraktes gewarnt zu haben. Wenn dieser tatsächlich wegen massiver Gewaltandrohungen aus der Fanszene dennoch abgehalten wurde, stellt sich die Frage, warum die Partie nicht abgesagt wurde.

Persönliche Nähe zur rechten Szene

Und die vom Chemnitzer FC ausgesprochenen Kündigungen des Pressesprecher Maximilian Glös, des Stadionsprechers Olaf Kadner und der Fanbeauftragten Peggy Schellenberger müssen als Eingeständnis eigener Fehlleistungen gelesen werden. Mit seinem Rücktritt hatte zudem der kaufmännische Geschäftsführer Thomas Uhlig bereits Verantwortung für die Vorkommnisse im Stadion übernommen.

Insbesondere die Personalie Peggy Schellenberger weist auf ein Grundproblem beim Chemnitzer FC hin. Die persönliche Nähe vieler Verantwortungsträger im Verein zur rechtsextremen Fanszene ist zu groß. Via Facebook hatte Schellenberger, die für die SPD im Stadtrat von Chemnitz sitzt, dem Neonazi Thomas Haller schon am Samstagmorgen nachgerufen: „Wir waren immer fair, straight, unpolitisch und herzlich zueinander.“ Mittlerweile wurde der Post gelöscht. Der große Einfluss der rechtsextremen Szene beim Chemnitzer FC hat mit der Überzeugung vieler Klubmitarbeiter zu tun, man könne Politik und Sport so einfach trennen.

Am Samstag demonstrierte etwa der Spieler Daniel Frahn bei seinem Torjubel seine Nähe zum verstorbenen Thomas Haller. Der Präsident des Vereins, Andreas Georgi, der schon im Dezember seinen baldigen Rückzug ankündigte, stand jahrelang bei den Ultras auf der Südtribüne. Als Anwalt hat er einige Anhänger auch „wegen Ordnungswidrigkeiten“, wie er einst gegenüber der taz einräumte, vertreten.

Die Ankündigung des Insolvenzverwalters Siemon, den Chemnitzer FC zum Bollwerk gegen Rechtsradikalismus zu machen, klangen bereits September reichlich realitätsfern. Dies war damals eine Reaktion auf eine rechtsextreme Demonstration in Chemnitz, zu der die verbotene Fangruppierung Kaotic Chemnitz wegen eines Mordes auf einem Stadtfest aufgerufen hatte. Dabei wurden Ausländer durch die Straßen gejagt.

Nachfragen in der Südtribüne unerwünscht

Beim ersten Heimspiel danach warb der Verein damals plakativ für Toleranz und Demokratie. Der Versuch der taz, mit Zuschauern vor der Südtribüne ins Gespräch zu kommen, wurde mit einem Platzverweis sofort unterbunden. Ein Fan hatte mit dem Pressesprecher und einem szenekundigen Polizeibeamten im Schlepptau ein Gespräch mit bereitwilligen Anhängern unterbunden. Die beidem Amtsträger verhielten sich wie seine Lakaien.

Übrigens kam es auch in Cottbus zu einer Würdigung des Neonazis Haller. Beim Drittligaspiel am Samstag gegen Preußen Münster hing im Innenraum ein Banner mit der Aufschrift „Ruhe in Frieden Tommy“. Der Pressesprecher des Vereins, Stefan Scharfenberg-Hecht, sagte: „Den Verantwortlichen war zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt, um welche Person es sich hierbei handelte.“

Auch in Cottbus dominieren Rechtsextreme die Fanszene. Die verbotene Gruppierung Inferno unterhält seit vielen Jahren beste Beziehungen nach Chemnitz.

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