Nach der EM ist vor der EM

Jetzt hat Polen doch gewonnen

Bei dem Qualifikationsspiel für die Fußball-EM 2013 in Schweden schlagen die Polinnen das Team aus Mazedonien mit 4:0. Als letzter Gruppengegner wartet Russland.

Verkehrt rum: Die Mazedonierinnen schauten bei Hymne lieber ihre Fahne als die wenigen Zuschauer an.  Bild: Uli Räther

TORUN taz | Alte Fußballerweisheit: Nach dem Turnier ist vor der Quali für das nächste Turnier. In Polen war der Übergang diesmal besonders rasant. Kaum hatten sich die Mannen um Kuba und Lewy am Samstag mumm- und sieglos von der EM 2012 verabschiedet, konnten die Fans in und um Torun am Mittwoch darauf ihren POLSKA-Schal schon wieder aus dem Schrank holen. Die Qualifikation für die Frauen-Fußball-EM 2013 in Schweden stand an. Der unbarmherzige Fifa-Kalender nutzt sogar Ruhetage der Männer-EM zu Länderspielen der Frauen, selbst im Land des Turnierausrichters.

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Der Gegner hieß FYROM. Wie? Genau. Weil Griechenland Angst hat, seine nördliche Provinz Makedonien könnte abtrünnig werden und sich dem gleichnamigen Nachbarn anschließen, darf Mazedonien offiziell nicht Mazedonien heißen. Es firmiert daher auch im Frauenfußball unter „Former Yugoslav Republic of Macedonia“, kurz: FYROM. Und das Los wollte es, dass auch die Griechinnen in dieser brisanten Qualifikationsgruppe 1 unterwegs sind.

FYROM liegt nach acht Spieltagen mit zwei Pünktchen abgeschlagen am Tabellenende. Die Polinnen hingegen können sich noch für Schweden 2013 qualifizieren. Es wäre die erste Teilnahme an einem großen Turnier überhaupt. Hinter den die Gruppe uneinholbar anführenden Italienerinnen kämpft Polen um den Relegationsplatz zwei. Ärgster Konkurrent dabei ist die Mannschaft aus Russland. Denn leisten sich beide Teams keinen Ausrutscher mehr, kommt es am letzten Spieltag zum Showdown zwischen diesen fast gleichauf liegenden Teams.

250 Zuschauer

Das städtische Stadion im beschaulichen Torun bot einen familiären Rahmen für das Spiel. Ein harter Kern von etwa 250 Zuschauern wurde zeitweise verstärkt von Schülergruppen, Vereinsabteilungen und Soldatentrupps in Ausgehuniform. Kurz nach Anpfiff formierte sich sogar eine zwanzigköpfige Ultra-Horde mit allen Insignien wie Trommeln, Fahnen, Schals, Tröten und aufblasbaren Klatschehänden. Man merkte ihnen an, dass sie nach dem Coitus interruptus des polnischen Männerteams noch richtig geil aufs Lärmmachen sind. Mit Inbrunst und ohne jeden Bezug zum Spielgeschehen wurde der ganze Kanon nationalen Fußballliedguts geschmettert.

Während sich die Ultras noch formierten, hatte Linksverteidigerin Donata Lesnik die Polinnen in der 5. Minute mit einem fulminanten 23-Meter-Schuss in Führung gebracht. „Dieses Tor hat uns etwas aus dem Konzept gebracht“, sagte Mazedonien-Trainer Gorazd Mihailov bei der anschließenden Pressekonferenz vor drei Journalisten.

Angriff Polen: Von Beginn an ging es aufs mazedonische Tor.  Bild: Uli Räther

Ob das Spiel ohne die frühe Führung der Gastgeberinnen wirklich anders gelaufen wäre, ist zu bezweifeln. Denn die Frauen vom Balkan spielten enorm ballgewandt und ballverliebt, waren aber lauffaul im Spiel ohne Ball und unentschlossen in Tornähe.

Das von Roman Jaszczak trainierte polnische Team war sowohl athletisch als auch spieltaktisch weit überlegen und tauchte durch Ballstafetten immer wieder gefährlich vor dem mazedonischen Tor auf. Ein Doppelschlag von der glänzend aufgelegten Sandra Salata (35. und 51.) entschied das Spiel. Den Schlusspunkt setzte die in dieser Qualifikation erfolgreichste polnische Torschützin, Anna Zelazko, per Kopfballtreffer in der 67. Minute.

Verdienter Sieg in fairem Spiel

In der Schlussphase erlaubten die Polinnen durch Abspielfehler im Mittelfeld den Gästen noch zwei Riesenkontermöglichkeiten, doch beide Male vergab Gentjana Roki frei vor der geschickt den Winkel verkürzenden polnischen Torhüterin Katarzyna Kiedrzynek. Ein 4:1 hätte dem Spielverlauf also eher entsprochen als dieses 4:0, doch am verdienten Sieg der Polinnen gab es nichts zu rütteln. Bei nasskalter Witterung und rutschigem Rasen war es ein faires Spiel, mit dem das israelische Schiedsrichterinnengespann um Lilach Asulin keine Mühe hatte.

Polens Frauenfußball träumt also weiter von Schweden, aber kaum einer im Lande träumt mit. Denn das Medieninteresse war so gering, wie es in Deutschland beim kleinsten Freundschaftskick von Lira Bajramaj & Co. nicht vorstellbar wäre. Auf die Frage, ob der Termin für das Spiel während der EM 2012 glücklich gewählt war, sagte Agnieszka Olejkowska, Pressesprecherin des polnischen Fußballverbandes: „Organisatorisch war es eine Extrapackung für uns, die wir stemmen mussten. Aber es herrschte eine gute Atmosphäre heute, weil zurzeit noch so viel Fußball in der Luft ist.“

 

Exklusiv auf taz.de: Lesen, was Sie verpasst haben - verstehen, was Sie gesehen haben: Alle Spielberichte kurz nach Abpfiff auf taz.de/em.

21. 06. 2012

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