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Neue Regelung beim SpringreitenBlutende Pferde nun Einzelfallentscheidungen

Beim Weltcup-Reitturnier in Leipzig gilt erstmals nicht mehr die „No Blood Rule“. Blutende Pferde führen nicht automatisch zur Disqualifikation.

Aus Leipzig

Jennifer Stange

Pennywise fliegt mit viel Luft unterm Bauch über das 1,35 Meter hohe Hindernis: gelassen, selbstsicher im Absprung, die Ohren immer interessiert nach vorn. Sieht so aus, als hätte der Grauschimmel Spaß. Jedenfalls wirkt es nicht so, als müsse seine Reiterin Sofia Westborg aus Schweden viel nachhelfen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, erst recht nicht in einer internationalen Jungpferdeprüfung wie an diesem Wochenende beim Weltcupturnier im Rahmen der „Partner Pferd“ in Leipzig.

Viele der Siebenjährigen sind sehr aufgeregt, tänzeln hitzig, während sie am Rand des Parcours auf das Startsignal warten; Reiterinnen und Reiter haben Schwierigkeiten, ihre Pferde zu halten.

Zügel, Sporen, Gerte – im Pferdesport heißen sie „Hilfsmittel“, und was man mit ihnen macht, nennt man „Hilfen geben“. Seit Jahrzehnten werden im internationalen Reitsport die Grenzen dieser Hilfen neu gezogen, neu verhandelt, neu festgeschrieben: Was gilt noch als sportliche Einwirkung – und was ist drüber? Wo beginnt Gewalt, wo endet Sport?

Blut war dabei lange die klare Grenze. Blut im Einwirkungsbereich des Reiters, also an Maul, Flanken, Gurtlage oder an der Sporenstelle war ein K.-o.-Kriterium: Pferd und Reiter flogen aus dem Wettbewerb. Eine Amateurreiterin auf den Besucherrängen erinnert sich an die Einführung der Regel in den 2010er Jahren. „Ich glaube, dass das Bewusstsein mit dieser No-Blood-Regel gesteigert worden ist, pro Pferd zu agieren“, sagt sie.

Künftig Einzelfallentscheidung

Im November 2025 wurde die Regel durch den Weltreiterverband FEI wieder geändert. Und Leipzig war das erste große internationale Turnier in Deutschland, bei dem die neue Vorgabe angewendet werden musste: Blut am Pferd führt nicht mehr automatisch zum Ausschluss – stattdessen entscheidet nun ein Gremium im Einzelfall.

Eine Zuschauerin, selbst Reiterin, hält die Idee einer Einzelfallprüfung für überfällig. „Es ist nämlich manchmal wirklich so, dass sich ein Pferd auf die Zunge beißt.“ Aber sobald Blut auf Schmerzen und zu grobe Einwirkung zurückgeht, endet für sie jede Diskussion. „Dann muss gestoppt werden.“ Doch genau da beginnt die Unschärfe der Neuregelung: Nicht mehr automatisch das Blut ist das Ausschlusskriterium – sondern die Frage, woher es kommt und wie das bewertet wird.

Die Neuregelung spaltet die Reiterwelt. Deutlich dagegen hat sich die Deutsche Reiterliche Vereinigung (FN) ausgesprochen. Dennis Peiler, Generalsekretär der FN, sagt: „Da sehen wir eine absolut klare Regelung erforderlich, die keine Interpretation zulässt.“ Aus Sicht der FN war die alte No-Blood-Regel nicht nur eindeutig, sondern auch praktikabel. Denn Fälle, in denen Blutspuren im Bereich von Sporen oder Maul festgestellt wurden, seien international selten. Peiler verweist auf FEI-Zahlen: In deutlich weniger als einem Prozent der Fälle wurden Pferd und Reiter ausgeschlossen.

Mehrheit nationaler Verbände für neue Regelung

Doch bei der FEI-Generalversammlung im November 2025 in Hongkong stimmte die Mehrheit der nationalen Verbände für die Neuregelung. Sie geht auf eine Initiative der Interessenvertretung der Springreiter zurück, des International Jumping Riders Club – und gilt auch nur für internationale Springprüfungen. Einer der prominentesten Befürworter ist der deutsche Springreiter Ludger Beerbaum, Boardmember im Jumping Riders Club.

Es gehe darum, Ausschlüsse verhältnismäßiger zu gestalten, sagt Beerbaum – und Härtefälle wie bei Olympia 2021 in Tokio zu vermeiden. Weil es den „Spurmark“ gegeben habe, seien Reiter disqualifiziert und Medaillenträume zerstört gewesen.

Ein „Spurmark“ ist ein blutiger Sporenabdruck in der Flanke des Pferdes. Ob eine blutige Wunde zur Disqualifikation führt, entscheidet künftig ein Dreiergremium aus Steward, verantwortlichem Tierarzt und dem Chef der Ground Jury. Beerbaum ist überzeugt: „Es leidet kein einziges Pferd auf diesem Planeten mehr durch diese Regeländerung.“

Mehr Druck auf Tiermediziner durch Neuerung

Der leitende Turniertierarzt in Leipzig, Michael Köhler, sieht das anders. Köhler ist zugleich Vorsitzender des Ausschusses für Pferde der Bundestierärztekammer. Selbst wenn „die Auslegung der sportrechtlichen Sache das erlauben würde“, stünde dem der Tierschutz entgegen. Eine Haltung, die in Leipzig auch andere Verantwortliche vertreten.

Und Köhler verweist auf ein grundsätzliches Problem: Es gäbe mehr Verantwortung und mehr Druck auf die Tierärztinnen und Tierärzte im internationalen Betrieb, gerade wenn Preisgeld, Sponsoreninteressen und sportliche Erwartungen im Raum stehen.

Die FEI-Neuerung verschärft das Problem: Statt des alten Automatismus gibt es nun Verwarnungen – eine Art „gelbe Karte“. Wer innerhalb von zwölf Monaten erneut auffällig wird, dem droht eine Sperre. Ein Druckmittel, das es so vorher nicht gab. Die nicht öffentliche Liste derer, die bereits ihre erste „Jumping Recording Warning“ kassiert haben, sei jetzt schon lang, sagt einer der Verantwortlichen in Leipzig – nicht ganz ohne Häme. Vielleicht haben sich die Springreiter mit ihrer Regel am Ende keinen Gefallen getan.

Übrigens: Pennywise und Sofia Westborg liefern in Leipzig einen runden, fast schönen Ritt – für eine Platzierung reicht das nicht.

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4 Kommentare

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  • Es sind gewissenlose Schurken und Tierquäler, die versuchen diese alte Regelung aufzuweichen.



    Schlimm genug, dass es diesen Millionärssport noch gibt.



    Sollen sie doch selbst Hürdenlauf machen. Das wäre wenigstens lustig!

  • Diese "Sport"-Art ist die einer Bevölkerungsschicht, die sehr viel Geld zur Verfügung hat. Man muss sich so etwas leisten können und das macht man - Protzen macht selbstzufrieden. Wenn ein Pferd nicht weitere Gewinne einbringt, dann wird versucht, es mit Gewalt dazu zu zwingen. Tierärzte die sich damit befasst haben, wissen genau, was da vorgeht, Rücksichtnahme, Tierschutz - alles Pillepalle. Profit ist die dominierende Leitlinie- Die Gegner einer solchen "Sport"Art sind entweden linksgrüne Spinner, Neidhammel oder beides.

    • @Perkele:

      Die Sportart selbst wird auch von vielen Durchschnittsverdiener praktiziert.

      Manche verdienen sogar unterdurchschnittlich und nehmen Mühen auf sich, um sich ein Pferd zu finanzieren.

      Internationaler Profisport hat immer was mit Geld zu tun.

      • @rero:

        Genau deshalb ist die Bezeichnung "Sport" obsolet. Es geht um Knete, ob mit Öl, PKWs oder mit (nahezu) versklavten "Athleten". Mich widert das an.