Neuer Protestclip von Pussy Riot

„Ich liebe Russland, ich bin Patriot“

Von der Frauenband ist nur noch eine Musikerin übrig geblieben. Sie rappt jetzt gegen Vetternwirtschaft und Korruption eines russischen Clans.

Frauen in blauben Uniformen stehen nebeneinander. Vor ihnen sitzen drei Menschen mit Säcken über den Köpfen

Nadeschda Tolokonnikowa (Mitte hinten) im Video. Das Thema des Clips: Korruption in gigantischem Ausmaß.  Foto: ap

MOSKAU taz | „Sei demütig, mild und zahm/ ... / sei treu mein Sohn / der ewig gottgegebenen Macht / ich liebe Russland / ich bin Patriot /“ rappt Nadeschda Tolokonnikowa in einem neuen Videoclip. Diesmal geht es nicht um Zar und Kirche, sondern um Zar und Korruption. Und dies in gigantischem Ausmaß.

Tolokonnikowa ist besser bekannt als die Frontfigur der Frauenpunkband Pussy Riot, die mit ihrem Auftritt in der Christus Erlöser Kirche in Moskau 2012 für Furore sorgte. Damals protestierten die Frauen vor Altar und Ikonenwand gegen die Wiederwahl Wladimir Putins ins Präsidentenamt. Sie bezahlten dafür mit Gefängnis und Lagerhaft.

Nun kehrte Pussy Riot in anderer Zusammensetzung und Aufmachung wieder zurück. Das ursprüngliche Markenzeichen der Band, die Wollmasken mit Sehschlitz (Balaklawa) wurde gegen ein adrettes, durchgestyltes Äußeres eingetauscht. Tolokonnikowa schlüpft in die Uniform des russischen Generalstaatsanwalts Jurij Tschaika, trägt Netzstrumpf und rote Pumps. Verführerisch spielt sie mit Handschellen, peitscht Häftlinge, überwacht das Waterboarding und räkelt sich lasziv auf dem Schreibtisch vor einem Putin aus Öl. Der rote Mund verspricht noch viel. Er erzählt vor allem die selbst für Russland haarsträubende Erfolgsgeschichte einer Juristenfamilie, die es bis an die Staatsspitze schaffte – die Geschichte der Tschaikas aus Chabarowsk im Fernen Osten.

Anfang Dezember machte der Antikorruptionskämpfer und Oppositionelle Alexej Nawalny den Skandal publik. Sein Fonds „Kampf gegen Korruption“ stellte einen Dokumentarfilm ins Netz, der die Geschichte der kriminellen Bereicherung minutiös nachzeichnet. Von Erpressung bis Mord lauten die Anschuldigungen, von Russland über Griechenland bis in die Schweiz reicht das Tätigkeitsfeld. Vor allem Tschaikas Söhne, Artjom und Igor, sind die Begünstigten.

Luxushotel in Griechenland

Artjom riss sich eine Werft in Sibirien unter den Nagel. Der Vorbesitzer, der nicht verkaufen wollte, wurde später tot aufgefunden. Mord soll es gewesen sein. Artjom kaufte sich auch auf dem Berg Athos in Griechenland ein Luxushotel. Das sei jetzt ihr geistiges und geistliches Refugium, schwärmte die Familie im Film. Hier faste sie, lebe spartanisch und gebe sich der Kontemplation hin. Eine Mitbesitzerin ist die Ehefrau des ehemaligen stellvertretenden russischen Staatsanwalts. Sie hatte mit einer berüchtigten Mafiabande im Süden Russlands Geschäfte gemacht. Deren brutalen Morde wurden erst vor kurzem aufgeklärt.

Dass der jüngste Tschaika mit 27 Jahren schon Multimillionär ist, wirft auch Fragen auf. Vor allem danach, wer ihm die Staatsaufträge zuschanzt? „Mein seelischer Führer (Putin, d. Red.) hat mir gesagt/ Familienwerte gelten als heilig“/ rappt Tolokonnikowa. In Russland sei es /“schon besser als in der Schweiz/ ich bin es hier, der die Korruptionsbekämpfung verwaltet/ Ich liebe Russland/ Ich bin Patriot/ doch leben würd’ ich schon gern in der Schweiz“/.

Den Text schrieb Tolokonnikowa an einem Tag.

Auch die Idee zum Video stammt von Alexei Nawalny. Den Text schrieb Tolokonnikowa an einem Tag. An frühes Aufstehen hätte sie sich im Straflager gewöhnt, sagt sie im Interview. Mit Erotik und gefälligerer Machart soll ein breiteres Publikum erreicht werden, das mit den schrillen Songs der Punkband nur wenig anfangen konnte. Von der alten Bandbesetzung ist nur noch Tolokonnikowa übrig. Es sei auch nicht einfach gewesen, Schauspieler für den Clip zu finden. Russland habe Angst.

Der Clip erschien einen Tag nach dem abschlägigen Bescheid des russischen Ermittlungskomitees auf die Anfrage des letzten oppositionellen Duma-Abgeordneten Dmitrij Gudkow. Der hatte die Ermittlungsbehörde aufgefordert, den Anschuldigungen nachzugehen. Das Komitee verwies unterdessen auf die Zuständigkeit der Generalstaatsanwaltschaft – an Jurij Tschaika.

 

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