Neuerscheinung zu van Gogh

Ceci n’est pas un van Gogh

Stefan Koldehoff macht sich in „Ich und van Gogh“ auf die Spurensuche der Bilder des niederländischen Meistermalers.

Bild von van Gogh

Vicent van Gogh: „Eisenbahnbrücke über die Avenue Montmajour in Arles“, 1888. Foto: Verlag Galiani, Berlin

Die Geschichte klingt filmreif. Luigi Grosso, einem unbekannten italienischen BBC-Journalisten, springt in einem Londoner Trödelladen das Gemälde eines Bauernhauses ins Auge, davor eine gebückte Bäuerin in leuchtend blauem Kleid. Irgendetwas an der Haltung dieser Frau sei ihm bekannt vorgekommen, wird Grosso später sagen. Er überredet den Händler, ihm das Bild für 40 Pfund zu überlassen.

Zwei Jahre später versteigert er es für mehr als das Tausendfache. Denn als Experten einen Blick auf den vermeintlichen Trödel warfen, erkannten sie, dass das Gemälde von einem Meister seines Fachs stammte. Am unteren Rand trug es sogar noch die Signatur: Vincent stand da, das Kürzel des niederländischen Malers Vincent van Gogh (1853 bis 1890), dessen Pinselstrich eine Epoche prägte.

„Es gibt sie also selbst beim weltberühmten van Gogh, die berühmten Flohmarkt- und Dachbodenfunde“, erzählt Stefan Koldehoff in der Villa Liebermann am Berliner Wannsee, wo er kürzlich sein neues Buch vorstellte. „Ich und van Gogh“ heißt der Erzählband, und der Titel ist Programm. Denn in Koldehoffs Buch geht es auch, aber nicht in erster Linie, um das exzentrische Malergenie mit dem abgeschnittenen Ohr. Vornehmlich interessieren ihn die Personen, die mit einem van Gogh in Berührung gekommen sind.

Die 43 kurzen Geschichten in „Ich und van Gogh“ handeln vom Sammeln und Horten, Entdecken und Verstecken, Verhandeln und Verschandeln der Gemälde. Von Glückspilzen wie Luigi Grosso und von Pechvögeln, die glaubten einen echten van Gogh in den Händen zu halten, während sie von Betrügern geprellt wurden. Denn nicht immer war, wo Vincent draufstand, auch Vincent drin.

Stefan Koldehoff: "Ich und van Gogh. Bilder, Sammler und ihre abenteuerlichen Geschichten". Verlag Galiani, Berlin 1015. 192 Seiten, 19,90 Euro.

Ein Zigarrenloch soll die Echtheit bezeugen

Kunstfälscher ließen sich haarsträubende Geschichten einfallen, um die Echtheit der vermeintlichen Kunstschätze zu beweisen, mal durch ein rotes Haar in der Farbe, mal durch ein eingebranntes Zigarrenloch in der Leinwand. Van Gogh rauchte mit Vorliebe Pfeife.

Nicht alle Löcher in der Leinwand sind aber Versuche eines Kunstbetrugs: Am besten weiß das ein Kasinobesitzer in Las Vegas, der seinen Armen etwas zu viel Freiraum ließ, als er auf einer Privatparty euphorisch den Verkauf seines teuren Gemäldes verkündete. Das Bild, das direkt hinter ihm hing, verlor wortwörtlich auf einen Schlag massiv an Wert. Andere Van-Gogh-Besitzer fassten ihre Schätze nur mit Samthandschuhen an.

Die amerikanische Filmdiva Elizabeth Taylor wachte darüber, dass ihr van Gogh unbeschadet an Bord kam, wenn sie in ihrer Privatjacht zu Dreharbeiten nach England schipperte. Mehr als ein halbes Jahr dauerte die Überfahrt auf dem Dampfschiff nach Tokio, die 1921 ein japanischer Baumwollunternehmer in Kauf nahm, um an seinen van Gogh zu gelangen.

Das Bild war in einem neobarocken Rahmen eingefasst statt in den von van Gogh vorgesehenen Holzleisten. Wegen dieses zentnerschweren Prunks konnte das Gemälde nicht rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden und wurde 1945 durch amerikanische Bomben zerstört.

Wirkliche abenteuerliche Geschichten

Die weidlich abenteuerlichen Geschichten basieren auf tatsächlichen Begebenheiten, recherchiert und zusammengetragen von einem Experten: Stefan Koldehoff, Kulturredakteur beim Kölner Deutschlandfunk, hat bereits ein Buch zum Geschäft mit NS-Raubkunst, das auch den Fall des Kunsthändlers Gurlitt beleuchtet, veröffentlicht (“Die Bilder sind unter uns“) sowie zum Fall des Kunstfälschers Beltracchi (“Falsche Bilder, echtes Geld“, mit Tobias Timm).

Sein aktuelles Buch schafft den Spagat zwischen fundierter Faktentreue und Unterhaltsamkeit. Koldehoff weiß pointiert und kurzweilig zu erzählen. Und der Autor weiß, wovon er spricht, wenn er fast beiläufig anhand der Geschichte der Bilder auch über die Eskapaden des Kunstmarkts, gefälschte Bilder und das dunkle Kapitel NS-Raubkunst schreibt.

Vor allem Letzterem räumt Koldehoff viel Platz ein. Sein Buch klingt mit der Geschichte des jüdischen Kunsthändlers Franz von Mendelssohn aus, der vor dem Zweiten Weltkrieg fast zwanzig van Goghs besaß, die teilweise bis heute nicht wieder aufgetaucht sind. Ein anderes Kapitel widmet sich den „Kunsttouren“ Herrmann Görings im besetzten Frankreich.

Dieses Thema verbindet Koldehoff mit Kulturstaatsministerin Monika Grütters, Vorsitzende des NS-Raubkunstzentrums in Magdeburg. In ihrer Ansprache bei der Buchpräsentation sagte sie, dass die Provenienz eines Kunstwerks immer auch mit dem Schicksal einer Person verbunden sei: „Dieses Schicksal aufzudecken ist noch wichtiger als die materielle Entschädigung der Opfer.“ In diese Richtung macht „Ich und van Gogh“ einen weiteren Schritt.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de