Neues Album der Band Tame Impala

Überstunden für die Sinne

Auf ihrem neuen Album präsentiert die australische Rockband Tame Impala barocke Psychedelik. Ein aufwendig ausgetüftelter Klang-Overkill.

Tame Impala aus Perth machen barocke Psychedelia.  Bild: Modular Recordings

Neulich schrieb jemand über Tame Impala die übliche Einfluss-Akkumulations-Rezension, ziemlich präzise, von den Beatles der „Revolver“-Zeit bis zu Spacemen 3 und Spiritualized, und ich möchte Todd Rundgren in seiner Glam-Phase und, ja, Supertramp hinzufügen. Trotzdem haben wir beide Unrecht.

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Was vor allem der als Soundtüftler bereits ziemlich herumgereichte junge Australier Kevin Parker für dieses zweite lange Produkt seiner Band zusammengebraut hat, ist kein freundliches psychedelisches Album der siebten Generation, sondern verhält sich zu seinen Traditionen wie ein großer, schwarzer, mordlüsterner SUV zu Herbie, dem Hippie-Käfer.

Was hier passiert, ist definitiv ein Umschlag von Quantität in Qualität: so viel blubbernde, pfeifende, säuselnde, zischende, zwitschernde Klangideen, so viel breiteste Soundmauern und so viel in Op-Art-Linien vor dem Trommelfell vibrierende Vokalharmonien kann man nicht einfach nur zum Zwecke der Steigerung anhäufen. Irgendwann klappt es um und wird ein anderes Genre. Stadion-Psychedelia? Stereolab als bis an die Zähne bewaffnete Miliz?

Tame Impala, „Lonerism“ (Modular Recordings/Rough Trade). Live, 14. Oktober Köln, 17. Oktober Hamburg, 23. Oktober Berlin.

Beginnen wir mit den Drogen! Was nimmt man, wenn man das hier hört, welches Turbo-LSD? Ketamin? DMZ? Rohopium? Fußpilze? Nichts von alledem! Zum psychotrop aktivierten Selbstträumen ist „Lonerism“ nicht gedacht. Die vielen luxuriösen Psych-Soundspuren sind viel zu definiert und determiniert. Hier wird die Seele schön bei der Hand genommen und mit Klangtüftel-Overkill bepütschert, in fuzzy Wellness-Gewittern durchgewalkt und von klebrig-köstlichen Keyboard Kaskaden geknetet. Nichts bleibt dem Zufall überlassen.

Die Unklarheit der Bedeutungen von den erhabenen Flächen, piepsenden Pfeifchen und schaumig brummenden Bässen kommt gar nicht erst an die Oberfläche, weil immer gleich drei weitere Spuren hinzukommen und die Aufmerksamkeit belegen. Jede neue Klangidee wird so zur Bedeutung ihrer Vorgängerin, eines verweist auf das nächste im Ringtausch. Im Hintergrund kann man auch erkennen, dass jemand daran gedacht hat, Songs zu schreiben – aber das ist nicht entscheidend.

Bekannte Sounds ganz unbemerkt

Ein merkwürdiges Phänomen ist auch die Bekanntheit der Sounds, und wie die nicht zu einem durchdringt. Man muss sich zwingen, das eigentlich Offenkundige wahrzunehmen, dass dies hier ein Terry-Riley-Keyboard (Anno 71) ist und dieses komisch aufdringliche Shuffle-Riff dort allen Ernstes zuletzt bei The Sweet gehört wurde und dieser Bass hier Doom-Metal an Drastik übertrifft und das dort, sage und schreibe, die Psychedelic Furs sind – oder die Comsat Angels? Man denkt das nicht, es erscheint einem unwichtig, obwohl all diese Erinnerungen stramm durch den Mind Garden marschieren.

Die hier etablierte ästhetische Kommandoebene, von der aus das alles organisiert und kontrolliert wird, ist so makellos stimmig, dass andere Existenzweisen dieser Klänge oder andere Heimaten, in denen sie etwas bedeutet haben, niemals die Oberhand bekommen. Sie liegen Kevin Parker und seinen Leuten dermaßen sicher in der Hand, dass niemand auf die Idee kommen wird, sie hätten einen Vorbesitzer gehabt und irgendjemand mache sich die Mühe, auf diesen zu verweisen. Die Postmoderne ist schon lange vorbei.

Der Song-Titel „Apocalypse Dreams“ trifft es ganz gut, vorausgesetzt, dass man „Apokalypse“ hier nur als Steigerung von Traum begreift, ohne Eigenbedeutung: forcierte Träume, nicht von einem selbst geträumt, fremdgeführtes, dichtes Assoziationsmaterial – sich selbst als Medium erleben ohne eingreifen zu können. Andere Titel verfehlen den Charakter des Albums auf geradezu symptomatisch verräterische Weise: „Music To Walk Home By“ ist das zum Beispiel gerade nicht, sondern vielmehr eine Musik, in die man eintreten muss und sich anschnallen, ein sehr schöner Song, by the way.

„Feels Like We Only Go Backwards“ könnte der verstimmte Kulturkritiker dem achtundreißigsten Psychedelic-Revival vorhersehbarerweise entgegenschleudern, wär’ aber im Unrecht. Ist ja gerade was ganz Neues, dass man so mit dem Alten umgeht – allenfalls die Vollbedienung, das Rundumversorgte, das Passivierende hat was von Rückwärtsgehen, von ermattet irgendwo Einsinken, von Sofa-Werden. Die elaborierteste Beschreibung des absoluten Gegenteils dieses Albums aber ist der Titel des vorletzten Tracks: „Nothing That Has Happened So Far Has Been Anything We Could Control“.

Maximaler Grad an Kontrolle

Im Gegenteil, nichts, was bisher geschah, klingt nicht nach maximaler Kontrolliertheit eines eigentlich unkontrollierbaren Zustands, nach Zwangsreverie. Allenfalls könnte man sagen, gemessen an dem hier vorgeführten Grad von Kontrolle im zeitgenössischen Pop, gegen den selbst Air und die Decemberists einem vorkommen wie freie Improvisation um 1967, hat die Menschheit bisher nicht gewusst, was Kontrolle ist. Die entscheidende Frage ist natürlich, ob das nun geil oder gemeingefährlich ist. Ich kann mich nicht ganz entscheiden.

Zum einen landet der Hörer nur Millimeter neben einer totalen Übersättigungsdepression und auch nicht weit vom musikalischen Pendant zu „Infinite Jest“, wobei ich hier auch offen lassen will, ob „Infinite Jest“ als literarische Leistung oder als lebensbedrohlicher Seelenzustand. Auch „Leni Riefenstahl“ denkt man manchmal anlässlich der eisernen Pranke, mit der dieser Einfallsreichtum einem keine Wahl lässt, oder: „Euro-Disney“. Zum anderen wäre man wohl selber schon tot, wenn man über so einen reich gedeckten Tisch nicht erst einmal herfallen würde. Schwelgen und Baden in sämigen Rahmbonbonfäden ungewisser Herkunft, aber vermutlich von Monsanto genmanipuliert. Gut gemästet wegsacken, den Mund voller Pralinen.

Dass die Sinne Überstunden machen, war für eine ältere neopsychedelische Gruppe, XTC, noch eine Verheißung. Hier passiert’s und es wäre eine langweilige Reaktion, wie Kinderfernsehmacher nach mehr Raum für die Rezeption und das mitdenkende mündige Hirn zu rufen. Wahrscheinlich muss man sich diesem Barock erst einmal einfach hingeben. Am Morgen danach kann man sich dann immer noch verkatert beschweren, dass das alles keine Erfahrung war, sondern sinnlicher Imperialismus. Oder zu süß.

 

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