Neues Album von Anderson .Paak

Donald und der Blowjob

Dem kalifornischen Vorzeigerapper ist mit „Oxnard“ ein zeitgemäßes HipHop-Album gelungen. Jedoch hat es einen sexistischen Schönheitsfehler.

Ein Mann mit Sonnenbrlle, oranger Mütze und weißem Shirt steht auf einer menschenleeren Straße und streckt die Arme aus.

Anderson .Paak (32) zeigt in seinen Songs, wozu die menschliche Stimme beim Singen imstande ist Foto: 2018 Anderson .Paak

Trump, Trump, immer nur Trump. Abgehakt, vorerst. Trotzdem muss es in dieser Kritik über „Oxnard“, das neue Album des kalifornischen Rappers Anderson .Paak, auch um Donald Trump gehen. Dazu später mehr. Der 32-jährige Anderson .Paak gilt neben Kendrick Lamar als einer jener Vorzeigekünstler von der US-Westküste, deren Stimme nicht nur für Teenager mit portablen Bluetooth-Boxen, sondern auch für mittelalte Frühaufsteher mit Jazzalben im Regal bedeutsam ist.

Und zwar in dreifacher Hinsicht. Zum einen braucht Anderson .Paak keine Effekte, um mit seiner Stimme interessant zu klingen. Oder traurig oder wütend oder wie ein betrunkenes Alien. Ein Röhren wird bei ihm im Handumdrehen zu einem Krächzen, zu einem Gurgeln, wird schließlich zu einem zärtlichen Säuseln. Zum anderen sind seine Songs insgesamt stets eine beeindruckende Vorführung dessen, zu was die menschliche Stimme beim Singen im Stande ist.

Außerdem ist .Paaks Stimme im übertragenen Sinne relevant, er hat etwas zu sagen, das weiß er auch ganz genau und äußert sich deshalb öffentlich zu Themen wie Rassismus und Waffengewalt in den USA. Nicht umsonst wurde er 2017 für zwei Grammys nominiert und nicht umsonst posierte Barack Obama vor Kurzem auf einem Instagrambild mit dem Cover der Single von .Paaks Song „Tints“.

Plumper Sexismus

Normalerweise müsste jetzt also eine Darlegung dessen folgen, was Anderson .Paak auf seinem dritten Album „Oxnard“ an sinnvoller Gesellschaftskritik aus minoritärer Position leistet. Doch gleich zum Auftakt zeigt der Ausnahmekünstler, dass es auch Ausnahmen gibt vom Ausnahmekünstlerdasein. Der zweite Song heißt „Headlow“. Leider reproduziert der Künstler darin Sexismus auf plumpe Art. Anderson .Paak heizt darin nämlich mit seinem Auto über einen Highway und bekommt einen Blow­job. Am Ende des Songs gibt es einen Unfall, aber die Frau soll weiter machen („Keep doin’that“). Im Hintergrund: Würgegeräusche.

Was er sich dabei gedacht hat, bleibt .Paaks Geheimnis. Mag sein, dass in jedem zweiten 90er-R&B-Song ähnlich über Sex gesungen wurde und dass Anderson .Paak sich heute sound­ästhetisch an solchen alten Vorstellungswelten orientiert. Doch seine Ausführung ist kaum künstlerisch, sondern bleibt einfach nur hohl pubertär. Denn es klingt wie das in Songform komprimierte Gepose eines Teenagers auf dem Schulhof, der keinerlei Respekt vor Frauen kennt, weil ihm wichtiger ist, wie er mit Sexprotzereien die Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann. Dass „Headlow“ einen gleich zu Beginn packt und im negativen Sinne nicht mehr loslässt, ist schade. Denn Anderson .Paak hat Protzereien eigentlich gar nicht nötig. Zu hören ist das in jedem anderen Moment auf „Oxnard“.

Was .Paak sich bei „Headlow“ gedacht hat, bleibt sein Geheimnis. Protzereien hat er doch gar nicht nötig

Der Kalifornier bringt dort nicht nur seine Stimme zum Lead-Instrument des Albums. Er hat es außerdem geschafft, die passenden Toningenieure zu finden, die ihm das perfekte Soundbild um ebenjenes Lead-Instrument spinnen. „Oxnard“ wird durch die Mitarbeit von Produzenten-Titan Dr. Dre im besten Sinne zu einem Flickenteppich aus den wichtigen Spielarten afroamerikanischer Musiktradition. Disco-Joints wechseln sich mit Soul-, Jazz, R&B-Zwischenspielen ab. Irre klöppelnde Percussions rutschen zwischen funky Streicherarrangements. Zwischendurch kommen Conscious-Rapper zu Wort: J. Cole zum Beispiel, Q-Tip von A Tribe Called Quest und sein Kumpel Kendrick ­Lamar.

Über Nacht berühmt

Auf „Tints“, dem gemeinsamen Song mit Lamar, rappen sie beide darüber, was es mit ihnen macht, plötzlich im Rampenlicht zu stehen und sich in der Öffentlichkeit zu äußern. Im Leben von .Paak kam diese Aufmerksamkeit über Nacht, nachdem sich lange Zeit niemand für ihn interessierte. Seine Eltern saßen beide im Gefängnis, als er ein Kind war. .Paak lebte auf der Straße, veröffentlichte seine Musik bis vor wenigen Jahren noch beim kleinen Berliner Label Jakarta. Erst mit dem Album „Venice“ (2014) kam der Durchbruch. Da war .Paak 28 Jahre alt.

Die Freude über den Aufstieg von ganz unten zu einem der relevantesten zeitgenössischen Popstars der USA hört man .Paak auf „Oxnard“ an. Es ist ein positives Album geworden. Und die Songs suggerieren einem, dass in dem Moment, in dem .Paak singt, alles in Ordnung ist, obwohl gar nichts in Ordnung ist. Manchmal wird „Oxnard“ zur watteweichen Wohlfühlkur. Doch dann kommt „6 Summers“, und damit kehrt die Realität ein und mit ihr Donald Trump.

Anderson .Paak: „Oxnard“ (Warner)

„Wait a minute“ schreit eine unbekannte Stimme ganz am Anfang. Dann rappt .Paak „Take chains off, take rings off“, erinnert an Jugendliche, die im Kugelhagel gestorben sind und ­fordert eine Verschärfung der Waffengesetze. „Reform, reform shoulda came sooner“, singt er. In der Hookline erinnert er daran, dass Trump sechs Sommer nach dem Erscheinen dieses Songs womöglich in seiner zweiten Amtszeit steckt. „Oxnard“ könnte eine Idee davon sein, wie wohlig es sich anfühlt, wenn dem nicht so ist. Gleichzeitig ist es durch Songs wie „6 Summer“ eine Drohung. Wenn sich nichts ändert, fühlt man sich zwar wohl mit „Oxnard“ im Ohr, aber sobald der Blick aus dem Fenster wandert, holt einen die Realität ein.

.

Jeden Monat die beste Playlist der Welt! Ausgewählt von der taz-Musikredaktion

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben