Neues Album von Iggy Pop

Das Tier kriecht aus der Höhle

Wer pisst da genüsslich auf die smarten Laptop-Poser von heute? Iggy Pop mit seiner Platte „Post Pop Depression“, einer Kooperation mit Josh Homme.

Wallendes Haar. Iggy Pop beim South And Southwest Festival 2016 Foto: ap

Könnte sein, dass bald Feierabend für Iggy Pop ist. In einem Interview mit Apple Music erklärte der 68-Jährige kürzlich, „Post Pop Depression“ wäre sein abschließendes Album. „Willst du wirklich gute Musik machen, musst du alles in sie reinpacken“, sagte er da mit dieser Stimme, der man alle Narben, Höhen und Tiefen des Lebens anhört.

„Meine Energie ist begrenzt. Neue Aufnahmen kosten viel Kraft.“ Deshalb, erklärte Iggy, beließen es alternde Rockstars, die sich nicht mehr ausstehen können, zumeist beim Alte-Hits-Spielen auf Tour.

„Post Pop Depression“ ist dagegen eine Kollaboration mit dem um 26 Jahre jüngeren Josh Homme, Mastermind der Band Queens Of The Stone Age (QOTSA). Homme war an den Kompositionen maßgeblich beteiligt und hat die neun Songs auch produziert.

Ein Mid-Tempo-Rockalbum mit Ausschweifungen in alle Richtungen – Americana, Stoner-Rock, Blues, Rockabilly, Gospel, Varieté, Klassik – ist es geworden. Auf „Post Pop Depression“ agieren vier perfekt harmonierende Musiker; neben Iggy und Josh Homme sind dies Dean Fertita, ebenfalls QOTSA, und Arctic Monkeys-Drummer Matt Helders.

Das Album: Iggy Pop, „Post Pop Depression“ (Caroline/Universal)

Die Gigs: 7. Mai, Tempodrom, Berlin, 8. Mai, Mehr! Theater am Großmarkt, Hamburg

Die Supertruppe

Dass man nun von einer „Supergroup“ spricht, ist nachvollziehbar: Mit den Stooges, die zwischen 1969 und 1973 drei epochale Alben veröffentlichten, dachte Iggy Pop Rockmusik radikaler und nihilistischer, als sie zuvor je war, und läutete damit Punk ein.

Homme war das Neunziger-Jahre-Pendant zu Iggy: Mit seinen Bands Kyuss und später QOTSA galt er ebenfalls als Erneuerer. Inzwischen spielt Homme auch Gitarre bei den Eagles of Death Metal (er war bei dem Konzert in Paris, auf das ein Anschlag verübt wurde, nicht dabei), weshalb der Titel „Post Pop Depression“ merkwürdig stimmig wirkt.

Die Initiative zur Zusammenarbeit kam übrigens von Iggy Pop, der Homme per SMS anfunkte. Im Januar 2015 begann das Quartett mit dem Komponieren, die Songs waren im Sommer fertiggestellt. Das ist erstaunlich, weil sich „Post Pop Depression“ auch als Hommage an Iggy Pops verstorbenen Künstlerfreund David Bowie lesen lässt.

In „German Days“ etwa blickt Iggy auf seine Berliner Tage zurück, in denen er seine tollen Solo-Alben (“Lust For Life“, „The Idiot“) gemeinsam mit dem Freund, Produzent, Mitbewohner und Inspirator Bowie aufnahm.

Ähnlich wie im Bowie-Song „Where are we now“ (2012) klingt auch „German Days“ wie ein Trip ins West-Berlin der Siebziger – Iggy spielt darin auf Orte an, die er in den Jahren 1976 bis 1978 in Berlin aufsuchte (etwa den Club „Big Eden“ und das Speakeasy „Lützower Lampe“). Wie bei Bowie kommt Iggys Song wenig verklärend rüber.

Auch bei der Singleauskopplung „Gardenia“ muss man unweigerlich an die britische Popikone denken, denn Iggys Gesang kommt darin dem von Bowie in den 1970er Jahren sehr nah. „Gardenia“ ist eine gut groovende, reduzierte Rocknummer, bei der die Gesangslinie im Vordergrund steht.

In gewisser Weise steht der Track pars pro toto für das Album: „Post Pop Depression“ ist detailreich komponiert, fein ausgearbeitet und klingt frisch – aber die ganz großen Überraschungen hält es nicht bereit. Da sind auf der einen Seite Hits wie „Sunday“ – ein Song, der das Erbe von Bands wie eben den Stooges und Velvet Underground pflegt und der am Ende in einen Walzer übergeht. Und da sind okaye Songs wie „American Valhalla“ und „In The Lobby“, bei denen nicht so viel hängenbleibt.

Abhängen mit den Losern

Man könnte also einfach von einem routinierten Rockalbum sprechen, wäre da nicht „Paraguay“, das Finale, das einen richtig packt. Was auch daran liegt, dass mittendrin plötzlich das alte Punktier Iggy aus der Höhle gekrochen kommt und sich auskotzt über die Zumutungen der Gegenwart.

Mit mehrstimmigem A-cappella-Gesang, der später in einen Kanon übergeht, setzt das Stück ein, und ist dann eigentlich zunächst ein Eskapismus-Song zu gängigen Rock-’n’-Roll-Akkorden: Iggy singt vom Abhängen mit den Verletzten und den Losern, träumt vom Leben unter Bäumen in Paraguay.

Den Laptopposern, von denen er umgeben ist, gibt er dabei einen mit: „There’s nothing awesome here / Not a damn thing / There’s nothing new / Just a bunch of people scared / Everybody’s fucking scared“, schimpft er da – inzwischen ist das Stück eine Art Rap – mehr sprechend als singend.

Ebenso pisst er genüsslich auf die smarten Benutzeroberflächen der Gegenwart (“You take your motherfucking laptop / And just shove it into your goddamn foul mouth“). Schön, dass er währenddessen keinen Tick verbittert oder gar fortschrittsfeindlich klingt, sondern schlicht einen realen Zustand benennt. Das letzte dahingekrächzte Wort ist dann: „Yeah“. Stark im Abgang.

Ganz im Klaren darüber, ob sich James Osterberg – so sein bürgerlicher Name – ins Private zurückzieht, ist sich das alte Stinktier aber noch nicht. So sagte er kürzlich gegenüber dem Zeit Magazin, es melde sich immer mal wieder Iggy, der es allen beweisen wolle: „Was wollt ihr Wichser? Ich zeig euch, wo’s langgeht, ihr verdammten Schwachköpfe! Ich mache noch ein gigantisches Knalleralbum, das ich euch in den Rachen rammen werde!“ In Ordnung, Iggy. Wir bleiben dran.

 

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