Neues Album von Masha Qrella

Kleine musikalische Verbeugungen

Das Album „Analogies“ der Musikerin Masha Qrella ist eine Hommage an Künstler wie Neil Young oder Stereolab. „Klingt-wie“-Vergleiche beim Hören sind erwünscht.

Keine Rampensau: Masha Qrella. Bild: Videostill

BERLIN taz | Da ist zum Beispiel die Sache mit den Haaren. Der lange Seitenscheitel, der ihr immer wieder beharrlich ins Gesicht fällt. Fast möchte man meinen, dass sie sich schüchtern hinter diesem Vorhang verstecken will, wenn sie auf der Bühne steht.

Eine Rampensau ist Masha Qrella jedenfalls nicht, und in einer einigermaßen konsequenten Selbstdarstellung hat die Berliner Musikerin und Sängerin auf ihrem 2002 erschienenen Solodebütalbum „Luck“ halt gleich fürs Coverfoto den Kopf so hingehalten, dass auch wirklich nur ihre Haare zu sehen sind.

Insofern ist es doch bemerkenswert, dass auf dem aktuellen und wieder beim Berliner Label Morr Music erschienenen Album „Analogies“ erstmals überhaupt gleich auf der Vorderseite zu den Haaren auch das Gesicht von Masha Qrella abgebildet ist. Wenn auch ziemlich klein und bescheiden an den Rand gedrängt. Was man möglicherweise so betrachten muss, dass es ein wenig schon um sie und weiterhin viel mehr um die Musik geht.

Ihre Musik. Das sind geschmeidige Popsongs, die in einer eleganten Beiläufigkeit zwischen Folkstimmungen und etlichen Strategien des Indierock pendeln. Zu den vertrauensbildenden Maßnahmen auf „Analogies“ zählt, dass man sich die „Klingt wie“-Vergleiche beim Hören gar nicht erst verkneifen soll. Weil das durchaus beabsichtigt ist, wenn hier mal Yo La Tengo durch die Musik von Masha Qrella schimmert, die britische Band Stereolab, oder da und dort eine Prise Jonathan Richman. „Als würde man ein Mixtape hören“, meint Masha Qrella.

Sortierung ihrer musikalischen Wurzeln

Die Songs behutsam ausgewählt und mit Liebe zusammengestellt, so soll „Analogies“ funktionieren, und bei dieser Sortierung ihrer musikalischen Wurzeln hat sie auch ihre eigenen und recht markanten Beiträge zur Popgeschichte nicht vergessen, mit den Bands Mina und Contriva, die ab Mitte der Neunziger Jahre den Postrock aus der damaligen Berliner Nachwende-Aufbruchsperspektive heraus zwischen Wohnzimmerkonzerten und illegalen Bars für die Disco fit machten.

Und wenn man auf „Analogies“ beim Titel „Take Me Out“ meint, zwischendurch eine Neil-Young-Gitarre zu hören, dann ist das auch genau so als Neil-Young-Zitat gemeint. Es sind gerade auch diese kleinen musikalischen Verbeugungen, die das neue Album von Masha Qrella reich machen.

Gleich an den Anfang von „Analogies“ ist das Stück gestellt, vom Ausgehen und sich Verlieren in der Nacht ist die Rede in „Take Me Out“, und dann singt Masha Qrella zum Ende hin in diesem Song noch die Zeilen: „Give me back my youth / So I don’t have to face the truth“, dass man sich zuerst schon bang fragen möchte, ob hier eine Musikerin, jetzt doch schon mittig in den Dreißigern stehend und mit den Kindern daheim, einem ältlichen „Wie schön war es doch früher“-Blues frönt.

Aber mit so einer eng geführten biografischen Lesart manövriert man sich nur in eine Sackgasse. Tatsächlich hat Masha Qrella „Take Me Out“ für einen Dokumentarfilm geschrieben, der zwei Frauen porträtiert, die aus dem Gefängnis entlassen werden, ohne recht zu wissen, was nun mit der Freiheit anzufangen ist.

Oder „Fishing Buddies“. Ein beinhartes und den Schmerz scheinbar wegträllerndes Liebeslied, das Masha Qrella aus der Perspektive von Jack singt, einem der beiden Cowboys von „Brokeback Mountain“, und das Lied hat sie eben für eine Konzertlesung von dieser Kurzgeschichte von Annie Proulx geschrieben.

Patchwork-Album

Auch älteres Material von Mina und Contriva findet sich neu gefasst auf dem Album, das so ein Patchwork ist, in dem die unterschiedlichen Arbeitsansätze zusammenkommen. Musik für Filme, Theaterprojekte. Was man eben alles so machen muss, um vom Musikmachen leben zu können, was in Berlin schon leichter fällt als anderswo, weil es sich dort vergleichsweise noch billig leben lässt in der Stadt, die dazu eine Menge an Anknüpfungspunkten bietet. Zum Beispiel auch für das kleine Kellerstudio, das Masha Qrella gemeinsam mit Norman Nietzsche betreibt.

Dort hat sie auch fast im Alleingang, bis auf das Schlagzeug und mal eine einsame Trompete, das neue Album eingespielt, in einer zurückgenommenen Produktion, die den schlanken Songs guttut. Sie leuchten, nicht zu grell, eher milde. Sacht pulsierend und dabei unzweifelhaft Pop, sogar ziemlich groß geschrieben und manchmal derart schwelgerisch, dass das Masha Qrella und ihren Songs im Waschzettel zu „Analogies“ einen Vergleich mit Fleetwood Mac bescherte.

Das allerdings hätte einen in früheren Zeiten allemal gleich die gesamte Indie-Reputation gekostet, und wer es ein wenig stilvoller will, darf stattdessen gern mit 10cc und Steely Dan andere Meister des wirklich gehobenen Songwritings nennen, die dazu auch Understatement können.

Außerdem versteckt sich Masha Qrella gar nicht. Noch nicht einmal hinter den Haaren mit dem langen Seitenscheitel. „Das liegt nur an der Frisur“, sagt sie, und die hat sich eben bewährt. Ganz pragmatische Gründe also und nicht wirklich was von Bedeutung für die Musik.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben