Die Shakespeare Company erobert ihr neues Theater am alten Standort mit Richard III. Und die Premiere ist wirklich am Freitag, verspricht Peter Lüchinger.Interview: Benno Schirrmeister

Eben noch unter einem Parkplatz in Leicester, bald auf einer Bremer: Richard III. Bild: dpa
taz: Herr Lüchinger, ist am Freitag wirklich Premiere?
Ist Ihnen dieser Artikel etwas wert?
Peter Lüchinger: Wir haben ja gar keine Alternative!
Das klingt leicht panisch?!
Nein, das nicht. Die Premiere wird stattfinden, und sie wird auch gut stattfinden. Interessant ist: Man baut ja nur ein Theater im Leben – die Bauleute wahrscheinlich auch. Dass es zur Kollision kommt, wenn die vormittags Kabel verlegen, und wir gleichzeitig proben müssen, daran hatten die nicht gedacht, und wir auch nicht. Jetzt bei den Endproben wird das schon eng.
Auf Kosten von… ?
Wir setzen uns durch. Es ist ja schließlich unser Theater.
Und – fühlt sich dort zu spielen mehr an wie eine Rückkehr – oder die Eroberung von etwas Neuem?
54, ist Mitglied der Geschäftsführung der Bremer shakespeare Company, deren Ensemble er als Schauspieler seit 1989 angehört. Zuvor hat er in Berlin freiberuflich, am Staatstheater Kassel und am Schauspielhaus Zürich gearbeitet.
Komischerweise beides. Ich selbst habe ja den ganzen Prozess sehr eng begleitet, ich bin auch alle zwei Wochen auf der Baustelle gewesen. Aber als das Ensemble zum ersten Mal da war, das war schon so ein Moment – also da standen alle da, und sagten: Boah! Das ist wirklich anders. Andererseits gibt es viele alte Spuren: Die Strukturen sind ähnlich geblieben. Das heißt, man erkennt was wieder – aber es ist doch alles frisch und neu. Und von der Bühne – da sind alle begeistert. Weil sie so groß ist.
Sie haben mehr Platz?
Es wirkt nur so. Die Fläche hat sich gar nicht geändert – nur der Eindruck. Weil sozusagen die Kiste leer ist…
Der Guckkasten?
Nein, kein Guckkasten – einfach eine leere Kiste, ohne Rohre oder Holzleisten, nur mit einem fahrbaren Portal. Es ist ein geiler Raum!
Klingt, als wären Sie stolz.
Oha! Ich sag dazu immer: Stolz sind wir später. Wenn der Olympiasieg da ist. Aber natürlich ist das ein Riesending für unsere Company: Das erste Mal, dass wir ein Theater bekommen sollten, das war 1998. Das sollte auf den Teerhof gebaut werden. Und auch der jetzige Bau hatte ja lange Vorlauf…
Und, dass er jetzt da steht… ?
Das ist für uns ein Einschnitt. Es ist gut für uns, aus diesem 20-jährigen Provisorium rauszukommen und zu wissen: Die nächsten zehn Jahre mindestens schauen wir so aus, vom Raum her. Wir sehen darin eine große Anerkennung der Stadt an uns: Das ist ja keine Selbstverständlichkeit, gerade in dieser Zeit. Und wir wollen unbedingt dieses Geschenk zurückgeben…
… erstmals am Freitag – mit der Premiere des einzigen Shakespeare-Dramas, das die Bremer Shakespeare Company bislang vermieden hat: Gab es ein Gelübde, den „Richard III.“ nicht zu machen, bevor sein Grab entdeckt ist?
Nein, das war eine Idee unserer Werbeabteilung. So funktioniert halt professionelles Marketing…
Aber ernsthaft: Dass Sie mit dem Drama bis zur Eröffnung des neuen Hauses gewartet haben, ist doch kein purer Zufall?
Also, der Richard ist schon ein extremes Stück: Bei dem hieß es alle paar Jahre immer mal wieder, wir sollten mal oder wir könnten mal – und dann hatte keiner eine konkrete Idee, was damit anzufangen wäre. Bis vor zwei oder drei Jahren. Da hatten wir ihn schon auf dem Spielplan…
… und?
Und dann hatte Ricarda Beilharz, die Regisseurin kurz vor Probenbeginn einen Unfall: Also haben wir stattdessen den Timon gemacht. Und sie jetzt davon überzeugt, den Richard mit uns nach dem Umbau zu machen, weil wir überzeugt waren von ihrem Ansatz. Und sie hat sich zum Glück drauf eingelassen.
Klingt nach Wagnis?
Das ist es auch. Schließlich konnten wir ja bis vor kurzem nicht im Theater arbeiten! Wir haben deshalb im vergangenen Herbst eine Rohfassung erarbeitet, und sie ruhen lassen, bis jetzt – um die letzten drei Woche im neuen Haus zu probieren.
Wo noch immer gewerkt wird!
Genau. Und erst hatte es ja geheißen: Mitte Dezember können wir rein. Dann: Anfang Januar ist alles fertig. Und jetzt ist bald März. Das verlangt schon ganz schön viel Flexibilität von allen.
Richard ist allerdings mit seinem negativen Selbstentwurf ein sehr ungewöhnliches Stück zur Hauseinweihung.
Ungewöhnlich vielleicht. Aber es ist eines der Shakespeare-Dramen, die immer nach neuen Sichtweisen verlangen, genau wie Hamlet oder Macbeth – weil es die Frage stellt: Was macht diesen Menschen so unausweichlich böse? Wo ist sein Motiv? Und zugleich ist es wahnsinnig sperrig, wegen der ganzen altenglischen Geschichte im Hintergrund und obendrein heißen alle irgendwie gleich.
O ja: Richard, Richard, zwei lebende sowie ein toter Edward und einige Henris…
Ja. Da müssen wir den Zuschauern helfen, damit sie den Überblick behalten. Aber das ist ja auch etwas Verstörendes, dass die Personen einander so unähnlich nicht sind, dass auch Richard selbst nicht der durchgeknallte Diktator ist – sondern seine Morde etwas ganz Alltägliches haben, fast beiläufig erscheinen. Da sind ein paar Menschen, die hängen politisch und familiär zusammen, ein König ist gestorben, es entsteht ein Machtvakuum, ein Bruder wird umgebracht, weil – ja warum eigentlich? Das bleibt total offen.
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