Pastor Wolfram Hädicke über Köthen

„Inne halten“

In Köthen stellt sich die St. Jacob Kirche gegen den Hass. In einer ihrer Einrichtungen wurden die möglichen Täter der tödlichen Auseinandersetzung betreut.

Engel, Blumen, Kerzen am Ort der Tat

Gedenken an den verstorbenen Markus B. in Köthen: „Du lebst in unseren Herzen“ Foto: dpa

Herr Hädicke, als Sie von dem tragischen Tod von Markus B. hörten, was waren ihre ersten Gedanken?

Wolfram Hädicke: Oh je, dachte ich. Meine Gedanken waren bei der Familie von Markus B., aber auch gleich war die Sorge da, was nun auf uns zu rollen könnte. Die Geschehnisse in Chemnitz waren mir mehr als eine Warnung.

Die mutmaßlichen Täter waren in einer Einrichtung in ihrer Trägerschaft?

In den vergangenen Jahren hatten wir sechs jugendliche Flüchtlinge aus Afghanistan bei uns im Kinder- und Jugendhilfezentrum „Arche“ aufgenommen. Das Jugendamt hatte sich an uns gewendet, um unbegleitete jugendliche Flüchtlinge aufzunehmen. Das Miteinander zwischen den Jugendlichen und den Mitarbeitern lief ohne große Reibungen, das waren fast Musterschüler, freundlich, lerninteressiert und zuvorkommend. Mit diesen positiven Erfahrungen nahmen wir auch gerne wieder Jugendliche aus Afghanistan auf, als das Jugendamt fragte. Zu dieser Gruppe gehörten die beiden jetzt Inhaftierten und der Geflüchtete. Und ich muss sagen, diese Gruppe war wesentlich schwieriger.

Was meinen Sie mit der Formulierung?

Im Miteinander traten schnell Probleme auf. Sie hielten sich an keine Regeln, zeigten insbesondere keinen Respekt vor den Mitarbeitern, es kam zu Gewalttätigkeiten. Später waren auch Drogen im Spiel. Polizeieinsätze waren die Folge. Im Raum stand zudem, dass einer ein Gefährder sein sollte.

Wolfram Hädicke war 2002-2010 Vizepräses der Thüringer Landessynode, der Föderationssynode und der EKM-Landessynode sowie zeitweilig Mitglied der Kirchenleitung. Seit 2010 ist er Pfarrer an St. Jakob in Köthen. Er engagiert sich in der Anti-Atom-Bewegung. 1988 gründete er den Kirchlichen Umweltkreises Ronneburg.

Wie reagierte Ihre Einrichtung?

Wir versuchten, an die einzelnen in dieser Gruppe besser heranzukommen. Wir überlegten, welche Traumatisierungen sich hier vielleicht auswirken, welche psychologische Problematik vorliegen könnte oder ob eine Steuerung von anderen Personen im Hintergrund dieses Verhalten hervorrief. Interne Fortbildungen zu Radikalisierungsprozessen fanden auch statt. Ich befürchte, dass wir sie trotz aller Mühe unserer hoch engagierten Mitarbeiter nicht erreichten. Im Nachhinein habe ich sie auch immer eher als Gruppe und weniger als einzelne wahrgenommen. Aber all diese Aspekte müssen auch nicht automatisch zu so einer Gewalt führen.

Seit Sonntag richten Sie in der St. Jacobs Kirche Friedensgebete aus. Wer kommt zu Ihnen?

Nicht bloß gläubige Menschen kommen. Die Kirche scheint für viele gerade jetzt ein Ort des Beisammenseins zu sein, um zu gedenken, inne zu halten und auch nachzudenken. Der Gottesdienst beginnt mit Orgelmusik und einem Psalm, dann kann wer mag nach vorne gehen und eine Kerze anzünden und dann folgt ein Gebet. Beim letzten Gebet dauerte das Kerzenanzünden eine halbe Stunde – so groß war der Zuspruch. Vielleicht darf man die Teilnehmer als Zivilgesellschaft von Köthen bezeichnen, die auch einen Ort zum Trauern suchen und hierfür nicht auf Aufmärsche gehen möchten.

Gestern Abend haben Sie eine „Erklärung“ abgegeben?

Wir wollten damit auch Gerüchten entgegenwirken, weil in der Öffentlichkeit bekannter wurde, dass einer der Täter bis vor vier Monaten bei uns war und der andere Täter bis vor einem Jahr. Ich habe da ganz offen die Probleme mit diesen Personen benannt, aber auch die positiven Erfahrungen mit den andere Geflüchteten.

Sie haben auch Geld für die Familie von B. gesammelt.

Ja, wir möchten auch für die Familie da sein. Das gesammelte Geld soll für die Bestattung sein.

Hat sich die Stimmung in der Stadt geändert?

Wenn ich durch die Stadt gehe, erlebe ich keine atmosphärische Veränderung. Doch wenn die Aufmärsche laufen, spürt man die Gewalt und den Hass. Viele Köthener haben da Angst. Die Mehrheit in der Stadt scheint aber eher unberührt.

Und in Ihrem direkten Umfeld?

Die Menschen, die sich in der Flüchtlingshilfe engagieren, sind stark betroffen. Bis zu jenem Abend lief die Integration von Flüchtlingen in Köthen dank dieses Engagement so gut, dass der Bundespräsident diese Arbeit von „Willkommen in Köthen – Weltoffen und bunt“ auszeichnete. Sie fürchten nun, dass der rassistische Resonanzboden in der Stadt mehr Zuspruch finden könnte. Diese Sorge haben auch die Flüchtlinge. Sie haben Angst, dass das auf sie zurückfällt und sie haben eine Wut auf die Täter.

Werden Sie angefeindet?

Die üblichen Wutbotschaften kamen. Der Jugendpfarrer wurde schon stärker angegangen.

Am Sonntag erfolgt ein weiterer Aufmarsch des rechten Spektrums …

… aus den Grund werden wir am Samstag den Marktplatz und die umliegenden Straßen mit Friedensbotschaften verzieren.

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