Personenführung #123: Reinfried Musch

Eigenbrötler mit Kollektivsinn

Reinfried Musch ist der taz-Controller, der lieber steuert, als zu kontrollieren. Im Juli 2017 wird er 70 Jahre alt. Wir gratulieren!

Bild: taz

von Jan Feddersen

2003 sah er eine Zeitungsannonce für einen interessanten Job: Reinfried Musch, 1947 in Tschöppichen, Sachsen, geboren, hatte schon viel in seinem Leben gemacht. Eine Biografie, die zu erfahren man als aus der alten Bundesrepublik kommender Mensch nur begierig sein kann. Gelernt hat er, der immer noch sehr schmale, drahtige, stets zu einer gewissen Heiterkeit neigenden Mann, in der DDR den Beruf des Baumaschinisten, wurde Diplom-Wirtschaftler und Doktor der Ökonomie. Der "erste Westtitel", so sagt er stolz, war der des Diplom-Controllers.

So bewarb er sich aber auf Grundlage der Stellenanzeige – auf den Posten des Ressortleiters Inlands. Irre genug, denn als Journalist hatte Musch, von 1968 bis 1990 Mitglied der SED (und letztens PDS) und einige Jahre im VEB Schnellflechter in Berlin-Weissensee stellvertretender Parteisekretär, noch nie gearbeitet. Die taz aber ließ sich von dieser – im bürgerlichen Sinne - abwegigen Bewerbung nicht verwirren: Lud stattdessen den Ökonomen zum Gespräch und hatte ihn auf der Stelle als Controller angeheuert. Musch ist seither in den taz-Kosmos hineingewachsen. Controller, das heißt Prüfung der Zahlen, Checks zur akkuraten Einhaltung der finanziellen Gegebenheiten – aus seiner Sicht sagt er: "Ein Controller kontrolliert nicht, er steuert vielmehr."

Sagenumwobene Vergangenheit

Über sein Leben in der DDR gibt es Gerüchte, die meisten freundlich. War er mal Privatsekretär von Lotte Ulbricht? Hat er einst Heiner Müller in ästhetischen Fragen beraten? War er mit Markus Wolf per Du? – Was auch immer: Alle Fantasien besagen, dass in ihm Glamour erkannt wird, der sich nicht in der Vorstellung von bunten Textilien erschöpft.

Sagt Musch, er steuere lieber als dass er kontrolliere, spricht daraus ein gewisses Einflussbedürfnis, und dies wird auch hübscherweise deshalb genährt, weil man gern mit ihm im Gespräch ist. Ein interessanter Mann, der Karl Marx, Rudi Dutschke und Ralf Dahrendorf als seine wichtigsten geistigen Inspiratoren angibt. Richtig: der Liberale Dahrendorf, für Linke ja gern ein intellektueller No-Go-Man, weil er keine großen Erzählungen zur gesamtuniversalen Globalwelterklärung zu bieten hatte, ist für Reinfried Musch ein Stichwortgeber, weil der taz-Controller ein, wenn man so will, marxianischer Liberaler ist – ein freundlicher Mensch, den die Eigenheiten seiner Freunde, Nachbarn und Zufallsbekanntschaften lieber sind als jeder Mainstream, und sei es ein alternativer.

Er kann herzhaft lachen. Und fotografieren, dass es nur staunen macht. Der Vater dreier Söhne ("alle zwölf Jahre einen") hat glühendes Interesse an Religion und der Frage, warum Menschen glauben; schreibt für taz in Blogs und pflegt keine verzickten Feindschaften. Einer, der alt genug ist, um das Gerechte vom Richtigen unterscheiden zu können - und insofern seinen Sinn verfeinert hat, Fehler und Misslichkeiten als Markierungen späteren Geglücktseins zu erkennen. Am 13. Juli 2017 wird er 70 Jahre alt. Wüsste man dies nicht, hat jede*r die Freiheit, in ihm einen Eigenbrötler mit starkem Kollektivsinn zu erkennen – und höchstens 31 Jahre jung.