Petition gegen neue Serie von Netflix

Mit Gewalt auf Linie gebracht

In „Insatiable“ wird ein dickes und gemobbtes Mädchen schlank und beliebt – und nimmt Rache. Eine Petition will die Ausstrahlung verhindern.

Ein Mädchen sitzt vor einem Laden und isst Schokoriegel

Patty vor ihrer gewaltsamen Verwandlung Foto: Netflix

Bis zum 10. August hat Florence Given noch Zeit. Dann soll die Serie bei Netflix erscheinen, deren Ausstrahlung sie mit einer Petition verhindern will – und die in sechs Tagen über 160.000 Personen unterschrieben haben. „Insatiable“ heißt die Serie, auf Deutsch „unersättlich“.

Grund für die Petition ist der Trailer. Demzufolge geht die Geschichte der Serie so: „Fatty“ Patty ist an der Highschool und unbeliebt. Denn sie ist dick. Während andere Leute rumlaufen und ihre Jungfräulichkeit verlieren, schaufelt sie Eiscreme in sich hinein. Dann wird ihr so hart auf den Kiefer geschlagen, dass sie kaum noch essen kann. Sie nimmt ab.

Nach den Sommerferien legt sie an der Highschool einen großen Auftritt hin: schlank, in figurbetontem rosa Spitzenkleid, die Haare toll gelockt und im Gesicht ein Make-Up, zu dem es sicherlich bald YouTube-Tutorials geben wird. Jetzt gilt Patty bei ihren Mitschüler_innen als „hot“. Ihren neuen Status nutzt die Protagonistin dazu, auf die Leute einzuschlagen, die sie gehänselt haben.

Der Plot der „Coming of Rage“-Serie erinnert nicht nur an längst überholte Filme aus den späten 90ern und frühen 2000ern. Auch die bodypositive Entwicklung und der von Fat-Aktivistinnen vorangetriebene Diskurs zur Akzeptanz dicker Körper der letzten Jahre scheint an den Macher:innen vorbeigegangen zu sein.

Immer wieder alte Narrative

Der Trailer von „Insatiable“ transportiert das Narrativ, Menschen seien erst liebens- und begehrenswert, wenn ihr Körper einer gesellschaftlichen Norm entspreche, sie also schlank sind. Er reproduziert, dass vor allem Frauen durch Schönheitsideale großem Druck ausgesetzt sind. Dass ihre Körper bewertet und sie selbst zu Objekten gemacht werden. Und er reproduziert Fatshaming, die Praxis, Menschen aufgrund ihres vermeintlichen Übergewichts abzuwerten.

Für Florence Given sind die Folgen klar, die die Ausstrahlung hätte: „Diese Serie wird Essstörungen verursachen und die weitere Objektifizierung der Körper von Frauen bewirken. Der Trailer hat bereits Menschen mit Essstörung getriggert“, schreibt sie. Given, die als Künstlerin vor allem feministischen Illustrationen anfertigt und sich selbst als „Social Activist“ bezeichnet, fordert deswegen: „Diese Serie muss gestrichen werden.“

Florence Given, Petitions-Initiatorin

„Diese Serie muss gestrichen werden“

Netflix hat sich bisher auf Anfrage der taz noch nicht geäußert. Doch sowohl die Hauptdarstellerin Debby Ryan als auch die Autorin Lauren Gussis haben auf Social Media Portalen Stellung bezogen. So schreibt Ryan bei Instagram, die Show würde die Art, wie der Körper von Frauen in der Gesellschaft beschämt und politisiert wird, satirisch aufgreifen. Die Serie wolle zeigen, dass die Hauptfigur trotz der Gewichtsabnahme nicht glücklich ist und deswegen Rache nimmt.

Hoffnung auf andere Bedeutung

Gussis wiederum bezieht sich auf ihre eigenen Erfahrungen und schreibt bei Twitter: „Die Show ist eine warnende Erzählung darüber, wie schädlich es sein, wenn man Menschen nur über ihr Äußeres beurteilt.“ Und bittet: „Gebt der Show eine Chance“.

Die Wut und die Rachegedanken der Protagonistin – und auch der Autorin – sind aufgrund ihrer Diskriminierungserfahrungen verständlich. Aber so, wie die Geschichte im Trailer erzählt wird, bricht sie das diskriminierende System nicht auf. Immerhin muss die Protagonistin erst schlank werden, um Rache nehmen zu können. Ganz abgesehen davon, dass Gewalt als Lösung generell zweifelhaft ist.

Wer weiß: Vielleicht hat die Serie aber auch einen überraschenden Dreh, der den Diskurs der letzten Jahre aufgreift und eine empowernde Botschaft enthält. Das wird sich zeigen, sollte die Petition ihr Ziel verfehlen und die Serie im August ausgestrahlt wird.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben