Philosoph Yonah über israelische Proteste

"Der Zorn der Leute macht mir Mut"

Im Sommer campierten in Israel Aktivisten gegen die hohen Mieten. Der Philosoph Yossi Yonah wurde zum Sprecher der Bewegung. Was hat der Aufstand bewirkt?

Tausende von Israelis campierten auf dem Rothschild Boulevard in Tel Aviv.  Bild: dpa

Wer in Israel eine Wohnung mietet, ist oft nach einem Jahr wieder draußen. Nur für diesen Zeitraum nämlich werden Verträge ausgestellt, eine Mietpreisbindung gibt es nicht, die Bewohner sind der Willkür ihres Mieters ausgeliefert.

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Im Juli vergangenen Jahres formierte sich deshalb Protest, wohl der größte in der Geschichte des Landes – angeführt von einer Filmstudentin. Sie schlug ein Zelt auf einem Platz in der Innenstadt von Tel Aviv auf und postete einen wütenden Aufruf bei Facebook. Zu den folgenden Demonstrationen kamen in der Hoch-Zeit mehrere hunderttausend Menschen. Der Philosophieprofessor Yossi Yonah beriet die Aktivisten von Beginn an.

sonntaz: Herr Yonah, wie konnte diese Protestbewegung in Israel so groß werden?

Yossi Yonah: Es ist eine Grassroot-Bewegung, ein Protest von unten. Wäre er von oben gekommen, dann hätte es zuallererst eine klar definierte Agenda gegeben. Damit ziehst du dann los und versuchst, die Leute zu mobilisieren. Das ist der eine Weg für eine Revolution, und die Anführer wären vermutlich wir gewesen, die Experten. Wir haben das versucht in der Vergangenheit, und ich muss zugeben: Wir sind konsequent daran gescheitert, die Massen auf die Straße zu bringen. Und dann kamen diese jungen Leute und schafften es. Sie haben ihre Not herausgeschrien, ohne Lösungen parat zu halten. Sie wollten soziale Gerechtigkeit. Dann sind wir gekommen, um der Sache eine Form zu geben.

Wie sind Sie vorgegangen?

Diesen und andere spannende Texte lesen sie in der aktuellen sonntaz vom 24./25.3.2012. Am Kiosk, eKiosk oder gleich im Wochenendabo. Und für Fans und Freunde: facebook.com/sonntaz.

Wir haben mit der Zeltgruppe um die Initiatorin Dafni Lief angefangen und haben die Studenten angesprochen. Wir haben versucht, alle auf eine Linie zu bringen, gemeinsame Erklärungen zu formulieren. Damit waren wir nicht sehr erfolgreich. Die Leute hatten unterschiedliche Vorstellungen – und teilweise stand ihnen ihr Ego im Weg.

Was für Menschen machten den Protest aus?

Es ist ein Protest der Mittelklasse. 20- bis 30-Jährige, die ihren Armeedienst geleistet haben, arbeiten, Steuern zahlen und es doch nicht schaffen, über die Runden zu kommen.

 , 58, lehrt Philosophie an der Ben-Gurion-Universität und forscht zu Multikulturalismus und Erziehung.

Die Regierung wollte zunächst den Verteidigungshaushalt kürzen, um die geplanten Sozialreformen finanzieren zu können. Nun hat sie den Verteidigungsetat aufgestockt. Vertrauen Sie noch der Regierung?

Wir haben sofort gewusst, dass wir in dem Moment, wo die Reformen vom Verteidigungsministerium abhängen, die Sache vergessen können. Wir können uns nicht zu Geiseln des Verteidigungsbudgets machen. Da braucht es nur eine kleine Rakete, und schon ist die Sache aus, und das ganze Gerede über Kürzungen ist vorbei. Wer Reformen vom Verteidigungsbudget abhängig macht, der meint es nicht ernst.

Warum hat sich die Bewegung nicht auch zur Besetzung der Palästinensergebiete positioniert?

Das Problem ist zu groß. Leider. Die Bewegung wäre dann nicht in der Lage, irgendeine Veränderung in Sachen Besetzung herbeizuführen oder im sozialen Bereich. Ich selbst habe von Anfang an dazu geraten, die Sache auf die soziale Agenda zu begrenzen.

Warum haben Sie nicht wenigstens eine Verbindung hergestellt: zwischen all den Geldern, die in die Siedlungen gehen – und damit nicht in den sozialen Wohnungsbau in Israel fließen?

Das ist nicht das Thema. Es ist so viel Geld hier in Israel. Es ist unglaublich, wie viel Reichtum hier ist, das grenzt an Korruption. Wir fordern nicht mehr als eine Angleichung der staatlichen Ausgaben an den OECD-Durchschnitt, der bei rund 50 Prozent liegt. In Israel liegen die Staatsausgaben bei nur 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Wir wollen die Staatsausgaben erhöhen für Gesundheit, Erziehung, Wohnungsbau. Das muss nicht von heute auf morgen passieren. Schon der Richtungswechsel würde uns reichen. Aber die Regierung sagt Nein und verfolgt weiter den neoliberalen Ansatz. Sie treibt die Privatisierung voran und untergräbt die Gewerkschaften.

Was haben die Proteste überhaupt erreicht?

Ich messe Erfolg nicht kurzfristig. Wir hofften, dass wir sofort Veränderungen erreichen würden, haben dann aber sehr schnell feststellen müssen, dass das nicht passiert. Es ist klar geworden, dass wir systematischer und hartnäckiger daran arbeiten müssen, ein politisches Bewusstsein zu schaffen, das wir unserem Ziel dann zunutze machen können, wenn es später eine zweite und dritte Welle des Massenprotests geben wird.

Warum glauben Sie, dass diese Wellen kommen werden?

Ich bin seit 25 Jahren Aktivist. Erfolg? Kaum. Im Gegenteil: Je mehr Zeit vergeht, desto schwieriger wird es. Ich halte mich zwar nicht für so größenwahnsinnig, zu glauben, dass ich so große Macht habe, Dinge zu verbessern oder zu verschlechtern. Aber wir müssen es dennoch weiterhin versuchen. Das ist fast ein kategorischer Imperativ. Jeden Tag hoffst du, dass du etwas erreichst. Wenn ich morgens aufwache, bin ich optimistisch, ich gehe raus und rede mit den Leuten. Ich war fast in allen Zeltstädten in Israel, und bis heute halte ich im Durchschnitt vier Vorträge jede Woche. Aber wenn ich nach Hause komme und nachdenke über unsere Chancen, dann bin ich erschöpft und verzweifelt. Sie fragen mich, welche Chancen wir haben? Vielleicht haben wir gar keine. Aber dennoch: Ich bleibe ein Optimist.

Warum?

Wegen der Leute. Zu Anfang haben sie sich von der Regierung in die Irre führen lassen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu hat gesagt: Wir hören euch, wir suchen nach Lösungen und beauftragen ein Komitee, dessen Empfehlungen wir umsetzen. Und die Leute dachten: Was für ein wundervoller Ministerpräsident. Aber jetzt merken sie langsam, dass sie betrogen worden sind, dass die Empfehlungen der Kommission sehr begrenzt sind und selbst in ihrer Begrenztheit kaum zur Umsetzung kommen. Sie werden zornig. Der Zorn der Leute macht mir Mut.

 

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