Pianistin Elena Bashkirova über Musik

„Wir alle lieben, was wir tun“

Der Vater ist ein berühmter Musiker, der Ehemann Daniel Barenboim. Doch Elena Bashkirova hat selbst ein funkelndes Talent.

Elena Bashkirova lehnt sich lächelnd auf ihren Flügel

Wollte eigentlich Theater-Regisseurin werden, doch das Klavier kam dazwischen: Elena Bashkirova Foto: Karsten Thielker

Der Aufzug ist ausgefallen, Elena Bashkirova kommt etwas aus der Puste und zugleich schön wie eine Pfingstrose im vierten Stock an. Die Tür fällt zu, was sie nicht soll – und, selbst ist die Dame, bückt sich und drückt einen Pflock in den Spalt. Elena Bashkirova leitet zwei Festivals, hat Mann, Kinder und Enkel und gibt Konzerte, die den Zuhörer in eine Märchenwelt heben. Piksende Fragen federt sie mit einem bezaubernd rollenden R und alles umarmenden Lächeln ab.

taz.am wochenende: Frau Bashkirova, haben Sie heute Morgen schon am Klavier gesessen?

Elena Bashkirova: Nein, aber gestern. Zweieinhalb Stunden habe ich Brahms geübt, für mein Konzert am Sonntag in Zürich.

Üben Sie jeden Tag?

Ich sollte! Ich gehöre leider zu den Leuten, die es teuer bezahlen, wenn sie eine Weile nicht spielen. Manchmal mache ich längere Pausen, und das tut mir nicht gut.

Dame: Geboren 1958 in Moskau, vom berühmten Vater Dmitri Bashkirov als Pianistin ausge­bildet.

Traum: Ein Tag mit 56 Stunden und endlich lernen, wie man ein Tablet bedient.

Brahms muss allein körperlich anstrengend sein.

Ja, die drei Klaviertrios sind nicht nur intellektuell und für die Finger eine Herausforderung, sondern auch für die Muskeln und die Konzentration. Wenn man die nicht trainiert, wird man im Konzert müde. Aber andererseits werde ich auch unruhig, wenn ich eine Woche nicht das Klavier berührt habe.

Ursprünglich wollten Sie ja gar keine Pianistin werden, sondern Schauspielerin.

Ja, ich wollte zum Theater. Regisseurin, das wäre mein großer Traum gewesen. Ich hätte alle Fäden in der Hand gehalten: das Werk, das Bühnenbild, die Umsetzung.

Was stand dem im Weg?

Im Grunde das Klavier. Ich war auf einer speziellen Musikschule, und man musste dort sehr viel üben, da blieb kaum Zeit für anderes. Aber einmal hat sich sogar eine Tür aufgetan: Meine Lehrerin ging in Pension, und mich wollte kein anderer Lehrer übernehmen. Ich war keine begehrte Schülerin, da ich nicht dafür brannte. Mich interessierten zu viele andere Dinge.

Das wäre die Gelegenheit gewesen. War Ihr Vater dagegen?

Nein, nicht direkt. Aber er hat mich dann als Schülerin akzeptiert.

Ihr Vater ist der berühmte Klavierpädagoge und Pianist Dmitri Bashkirov, Ihre Mutter ist Violinistin.

Ich konnte dieses Angebot nicht ausschlagen. Er ist ein fantastischer Lehrer.

Und Sie waren die brave Tochter?

Das sicher auch, aber ich kannte den Unterricht meines Vaters. Er sagte mir, gut, ich unterrichte dich ein Jahr auf Probe. Aber nur unter der Bedingung, dass du alles andere Zeug lässt. Das habe ich auch gemacht, erst mal.

Sie sollten sich auf eine Sache fokussieren. Wie würden Sie seine Methode beschreiben?

Ich habe von ihm viel über Klang und große Linien gelernt. Aber vor allem steckte er seine Schüler mit seiner Leidenschaft an. Ich konnte mit eigenen Augen und Ohren verfolgen, wie er in nur einer Stunde ein Stück Holz zum Brennen brachte. Es gelingt ihm auch heute noch. Und nach ein paar Monaten habe ich dann Blut geleckt. Ich wollte gut werden.

Haben Sie bereut, beim Klavier geblieben zu sein?

Nein, außerdem habe ich 1978 mit meinem ersten Mann Russland verlassen – meinen Akzent wäre ich nie losgeworden, was eine Schauspielkarriere ziemlich behindert. Musik dagegen gibt es losgelöst von der Sprache. Aber die pianistische Solokarriere allein, das wäre nichts für mich. Ich interessiere mich für zu viele Sachen. Ich habe auch gezeichnet, dieser Begabung wäre ich auch gerne gefolgt …

Ihre Konzerte muss man wie mit der Lupe suchen. Hat das damit zu tun, das Sie sich auch heute nicht festlegen wollen?

Die Musik bestimmt mein Leben, auf sie habe ich mich festgelegt. Etwa 40 Konzerte im Jahr sind es schon …

Jedenfalls treten Sie nicht so viel auf wie andere Ihrer Kollegen.

Solistisch nicht, nein. Ich mochte diese Einsamkeit auf Konzertreisen nie. Davor habe ich mich gefürchtet. Das ist übrigens auch ein Grund, weshalb ich viel Kammermusik gespielt habe. Man ist mit den Kollegen zusammen, man teilt die Erfahrung, man ist auch während des Auftritts im ständigen Dialog. Auch wenn ich ein Werk mit Orchester spiele, spüre ich diese enorme Energie aus der Gemeinsamkeit.

Wie ist es, ganz allein auf der Bühne zu sein?

Ich finde ein Recital das Anspruchsvollste. Man muss zwei Stunden ganz allein eine Geschichte erzählen, sich konzentrieren, den Bogen halten. Man ist wie nackt und muss aus dem Innern schaffen. Man braucht viel Energie, dem Publikum zu zeigen: „Hier bin ich“! Diese künstlerische Präsenz.

Wie gehen Sie mit Lampenfieber um?

Der beste Umgang ist die maximale Vorbereitung. Wenn ich so konzentriert gearbeitet habe, dass ich jede Note in meinem Kopf herbeiholen kann, auf einer Reise zum Beispiel, kann ich ziemlich sicher sein, dass mir keine Ausrutscher passieren. Trotzdem gibt es Blackouts. Man weiß dann auf einmal nicht mehr, wo man ist, was man machen soll.

Trotzdem bekommt das Publikum selten einen solchen Aussetzer mit.

Es hilft, auf Autopilot zu schalten. Kurz die Augen schließen, hoffen, dass die Finger die Kontrolle übernehmen.

Der Pianist Rudolf Buchbinder hat gesagt, das Lampenfieber werde mit dem Alter immer heftiger.

Ja, man hat zahlreich erfahren, was alles schiefgehen kann.

Welche Situation war für Sie mal dramatisch?

Es gab da ein Konzert in Bilbao, es war das erste Konzert nach meiner Babypause, zwei Jahre nach der Geburt meines ersten Sohnes. Im Konzertsaal hingen Fotos von eigentlich allen berühmten Musikern, eine altehrwürdige Musikgesellschaft war im Publikum, und ich saß am Klavier und dachte, meine Seele habe den Körper verlassen. Ich sah mich von oben. Sah rote Flecken auf meinem Arm. Es war das Schlimmste, was ich mir vorstellen konnte. Im Publikum hat das keiner mitbekommen, glaube ich, aber ich wollte so etwas nie wieder erleben.

Sie sind trotzdem wieder aufgetreten.

Danach habe ich mit meinem Mann gesprochen. Er sagte mir ganz klar: So leid es mir tut, du musst dich entscheiden. Entweder du lässt die Karriere, oder du spielst regelmäßig. Sonst wirst du krank. Die Kinder waren noch klein, also habe ich langsam wieder angefangen. Aber ich bin nie so lange auf Tourneen gegangen wie viele meiner Kollegen: drei Wochen Asien, zwei Monate USA. Man müsste sich festlegen und darauf konzentrieren. Selbst das ist keine Garantie, dass es auch mit der Karriere klappt. Mir war das sowieso nicht wichtig genug. Ich wollte auch bei meinen Kindern sein, meiner Familie.

Sie sind mit Daniel Barenboim verheiratet, einem der großen Pianisten und Dirigenten unserer Zeit. Mit ihm haben Sie zwei erwachsene Söhne. Haben Sie damals darüber diskutiert, wer mehr auf Konzertreise gehen darf?

Nein, das war keine Frage: Daniel. Heute sehe ich viele junge Väter, die ganz selbstverständlich mit ihren Kindern umgehen, die sehr viel zu Hause machen. Das hatte ich so nicht.

Warum sind eigentlich so viele Musiker mit anderen Musikern verheiratet?

Ganz einfach: Man lernt einander bei Konzerten, in der Ausbildung, hinter der Bühne kennen Man hat das gleiche Verständnis für die Musik. Daniel hatte als Junge meinen Vater kennengelernt, 1955 war das, meine ich. Da war ich noch nicht einmal geboren.

Ihr Mann erinnert sich daran?

Natürlich. Sie haben einander dann immer wieder gesehen. Die Musikwelt ist nicht groß. Der erste Satz bei unserem ersten Treffen war dann auch: Ich kenne Ihren Vater.

Machen Sie und Daniel Barenboim zusammen Musik?

Nein, es mag zwar mal eine Ausnahme geben, aber grundsätzlich nicht.

Warum nicht?

Es ist besser für unser Privatleben. Ich kenne einige Musikerpaare, die gemeinsam auftreten, aber immer ist einer stärker als der andere. Obwohl es so aussieht, als wäre es leichter – letztlich kann es die Karriere des Schwächeren zerstören statt sie zu fördern. Hätte ich mit meinem Mann spielen wollen, hätte ich besser sein müssen als Martha Argerich, Radu Lupu, András Schiff oder Claudio Arrau. Die Großen unserer Zeit! Ich bin nicht so verrückt, das zu glauben.

Wie unterscheiden Sie und Ihr Mann sich musikalisch?

Das ist ganz einfach, und das sage ich nicht nur als seine Ehefrau: Er ist ein Genie. Er hat eine Art GPS im Kopf. Nicht wie die meisten anderen, auch wunderbare Musiker, die an einer Stelle losfahren und dann sehen, wann sie abbiegen müssen. Er sieht ein ganzes musikalisches Werk von oben, er überblickt es. Das ist eine einmalige Begabung.

Sie haben mal gesagt, manchmal würden sich Leute an Sie wenden und meinen eigentlich Ihren Mann.

Das hat mich früher sehr gestört. Heute aber gehe ich gelassen damit um. Ich kann sie auch verstehen.

Wie behält man neben einem solchen Partner die eigene künstlerische Identität?

Es war mir nie bewusst, dass es schwierig sein könnte, ich war ja schon aus meinem Elternhaus gewohnt, dass jeder seine eigenen Dinge verfolgt. Heute glaube ich auch, dass es der Familie guttut, wenn jeder versucht, seinen Garten zu pflegen.

Sie beide sind aktive Musiker, Ihr Mann ist vielleicht der umtriebigste Musiker überhaupt. Wann sehen Sie einander eigentlich?

Gestern Abend, heute früh. Öfter, als Sie glauben! Und viel mehr als früher. Er ist ja zum Glück viel in Berlin. Er hat die Staatsoper und beschäftigt sich sehr mit der „Barenboim-Said-Akademie“ in Berlin, einer neuen Musikhochschule für Studenten aus dem Nahen Osten.

Und wie ist es dann, wenn Sie einander sehen: Vermeiden Sie es, über Musik zu reden?

Nein, die Musik umgibt uns wie die Luft. Wir tauschen uns aus. Er hilft mir oft in meinen Programmen. Wir sprechen auch viel über Politik, über das West-Eastern Divan Orchestra, über mein Festival in Jerusalem.

Seit 20 Jahren leiten Sie das ­Jerusalem Chamber Music Festival. Ist das im Schatten von West-Eastern Divan entstanden?

Nein. Ich habe es nie geplant, es kam so über mich. Ich hatte ein Konzert mit dem Israel Philharmonic Orchestra, in der Pause sprach ich mit Journalisten und Musikologen. Jerusalem, sagten sie, würde immer mehr kulturell austrocknen, immer mehr Künstler und Musiker zieht es nach Tel Aviv. Und vor allem aus dem Land. Obwohl Tel Aviv weniger als eine Stunde entfernt liegt, ist es wie ein anderer Planet. Aber Jerusalem ist die Basis aller Kultur! Ich wurde gefragt, ob ich es machen will.

Welche Beziehung haben Sie zu Jerusalem?

Keine bestimmte. Aber die Leute meinten, sie brauchen jemanden von außen. Damit fing es an. Der Gedanke zog immer weitere Kreise in mir. Schließlich habe ich mit einem Musiker nach dem anderen telefoniert: Wollt ihr Jerusalem unterstützen, aber Geld gibt es keines … Sie waren begeistert und kommen bis heute. Sehr gute Leute!

Sie sagen, es geht Ihnen nicht um Politik, sondern um Musik. Aber es ist allein politisch, ein Festival mit abendländischer Musiktradition in Jerusalem zu organisieren. Übernehmen Musiker heutzutage immer mehr politische Aufgaben?

Ja, sie können nicht mit Scheuklappen durch die Welt gehen. Aber vor allem dort ist es unsere Aufgabe, den Leuten dabei zu helfen, ihre alltäglichen Probleme für zwei Stunden zu vergessen. Sie erfrischen sich im Konzert. Wissen Sie, sie leben in Angst. Die Musik bringt sie auf eine schöne Wolke.

Wer kommt zu den Konzerten? Das alteingesessene Bildungsbürgertum?

Die auch, aber sie sterben langsam aus. Es wächst ein neues Publikum nach, deren Kinder, deren Enkel.

Sitzen im Publikum Menschen aus den Gebieten der Palästinenser?

Aus Ostjerusalem oder Ramallah kommen sie schon, dort haben wir auch Freunde.

Allein der Grenzübertritt ist nicht unkompliziert.

Ja. Es ist traurig, dass es selbst zwischen Ost- und Westjerusalem eine unsichtbare Mauer gibt.

Vor drei Jahren verstummten wenige Tage vor Beginn des Festivals die Luftschutzsirenen, zuvor drohten Kriege mit Iran und Syrien. Die Musiker reisten trotzdem an. Wie gehen Sie mit Angst um?

Ich habe keine Angst. Ich denke, es kann immer und überall etwas passieren. In Berlin, Paris, St. Petersburg. Aber einige der Musiker sorgen sich schon.

Welche Sicherheitsvorkehrungen gibt es?

Die üblichen, wie sonst auch in Israel: Man zeigt den Inhalt seiner Taschen beim Einlass.

Wie ist die Stimmung während eines Konzerts?

Sie ist wirklich einzigartig. Ich glaube, deshalb kommen die Musiker auch so gerne, obwohl es kein Honorar gibt. Das Publikum ist kulturell ausgehungert. Die Leute bereiten sich sogar auf die Konzerte inhaltlich vor, das ist unglaublich. Wir haben immer eine Uraufführung, und spielen auch Komponisten, die manche als etwas schwierig empfinden. Das Publikum liebt es, und das spüren die Musiker.

Anders als in Berlin mit einem riesigen Angebot an Musik. Trotzdem haben Sie hier ein Schwesterfestival zum Jerusalemer Festival ins Leben gerufen: Intonations. Was gab Ihnen das Selbstvertrauen dazu?

Es gab einen Anruf vom Jüdischen Museum. Ich hab mich anfangs schon gefragt, ob überhaupt jemand kommt und wer, eben weil das Angebot an Konzerten in Berlin so groß ist. Aber diese Situation im Museum ermöglicht eine besondere Nähe zwischen Musikern und Publikum. Sie begegnen einander in einem anderen Kontext, irgendwie auf Augenhöhe. Und es funktioniert.

Das Motto des diesjährigen Festivals sind Gegensatzpaare, Antipoden der Musikgeschichte.

Ja, Schostakowitsch und Prokofjew, Chopin und Liszt, Schumann und Brahms. Sofort gehen bei den Namen Schubladen im Kopf auf. Schostakowitsch, der Emotionale. Prokofjew, der Kühle. Es ist komisch, aber wer den einen mag, schließt den anderen für sich aus, und das entfacht die Diskussion.

Auf welcher Seite stehen Sie?

Ich mag viele Komponisten, ich will mich da nicht festlegen. Es wandelt sich auch im Laufe der Jahrzehnte.

Bei Ihren beiden Festivals sind Ihr Mann und Ihr Sohn Michael aufgetreten, er spielt Geige. Auch Ihr älterer Sohn David ist Musiker. Eine reine Musikerfamilie, seit drei Generationen. Hätten Ihre Söhne denn eine Wahl gehabt?

Sie sind mit Musik aufgewachsen, diese Welt hat sie umgeben. Aber es war ihre Entscheidung.

David hat sich für eine andere Musikwelt entschieden: Er ist Rapper und Musikproduzent.

Manchmal glaube ich, es ist unsere Schuld. Er hatte eine Überdosis Klassik, als er klein war. Wir haben ihn überall hin mitgenommen. Mit fünf Jahren saß er in Bayreuth bei den Proben zum Ring, und er fand es toll. Zehn Jahre später wollte er von dieser Musik nichts mehr wissen.

Besuchen Sie seine Konzerte?

Er tritt nicht mehr so oft live auf, er produziert mehr, aber wenn er eines gibt, gehe ich gern hin. Oft höre ich bei seinen Stücken auch die Grundlage der Musik heraus, mit der er aufgewachsen ist. Er hat eine eigene Art, damit umzugehen.

Kürzlich sah ich ihn bei einem Ihrer Klavierabende im Publikum.

Ich spiele ja nicht so häufig, und wenn ich spiele, dann kommt er, um Mama zu unterstützen. Ich glaube, er macht es gern.

Welcher Ihrer Söhne kommt mehr nach Ihnen?

David, ganz bestimmt. Wir haben beide nicht diesen Fokus auf eine Sache und diesen klaren Plan, den mein Mann und Michael haben. Wir sind immer irgendwie auf der Suche. Aber wir alle lieben, was wir tun, und das ist das Wichtigste.

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