Politik und Fußball-WM

Seid umschlungen!

Ägyptens Spieler Mo Salah verhilft Tschetscheniens Herrscher Kadyrow zu zwei Propagandaauftritten. Jetzt fühlt er sich instrumentalisiert.

Gemeinsamer Auftritt von Ramsan Kadyrow und Mohammed Salah vor zwei Wochen in Grosny

Gemeinsamer Auftritt von Ramsan Kadyrow (l.) und Mohammed Salah vor zwei Wochen in Grosny Foto: dpa

SAMARA taz | Einmal noch muss Mo Salah bei dieser WM antreten. Seine Ägypter spielen beim Platzierungsspiel der Gescheiterten in Gruppe A gegen Saudi Arabien. Ein fußballerischer Leckerbissen wird das Spiel in Wolgograd gewiss nicht. Und doch sind viele Augen auf das ägyptische Team gerichtet.

Es geht, wie beinahe immer wenn von Ägypten die Rede ist bei dieser WM um Mo Salah. Der Stürmer, der beim FC Liverpool eine derart herausragende Saison abgeliefert hat, dass er als einer der besten seines Fachs gilt, ist vor allem deshalb Thema, weil er dem Präsidenten der autonomen, russischen Republik Tschetschenien zu zwei großen Propagandaauftritten verholfen hat.

Die Ägypter hatten ihr Teamquartier während der WM in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny aufgeschlagen. Ein öffentliches Training stand zu Beginn des Aufenthalts der Ägypter an.

Der 8.000 Zuschauern im Stadion und der Weltpresse ist dabei vor allem das Bild in Erinnerung geblieben, auf dem der tschetschenische Gewaltherrscher Ramsan Kadyrow Mo Salah herzt. Das letzte Bild der Ägypter aus Grosny zeigt wieder Salah und Kadyrow. Der hatte dem Fußballer gerade einen Orden angesteckt und eine Ehrenbürgerurkunde überreicht.

Ratlos steht die Sportwelt vor diesem Bildern. Man mag nicht glauben, wie sich einer der besten Kicker der Welt für die Propaganda eines Diktators einspannen lässt. Und so wird zu beiden Bildern eine Geschichte mitgeliefert, die suggerieren soll, dass Salah mehr oder weniger unverschuldet auf die Propagandaseiten der tschetschenischen Presse geraten sei.

Gestörter Mittagsschlaf

Er habe gerade Mittagsschlaf gehalten, als man ihn für das Foto beim Trainingsauftakt in Grosny gerufen habe. So schnell habe er gar nicht schauen können, hieß es, da sei er schon mit Kadyrow fotografiert worden. Nun ist das Gerücht in der Welt, Salah wolle seine Karriere in der ägyptischen Nationalmannschaft beenden, weil er sich nicht länger zu Propagandazwecken benutzen lassen wolle.

Was es in beiden Fällen nicht gibt, ist eine Stellungnahme des Stürmers selbst. Wer nun die Bilder des Banketts in Kadyrovs Residenz gesehen hat, der kann nicht glauben, dass Salah da nicht wusste, was er tat, dass er gegen seinen Willen Teil einer Propagandashow geworden ist. Er lächelt freundlich, ist dem Diktator zugewandt.

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Er muss auch mitbekommen haben, wo er sich da befindet. Kadyrovs Residenz liegt in einem eigenen Stadtteil von Grosny, den man getrost als verbotene Stadt bezeichnen kann. Niemand darf sich den Mauern nähern, hinter denen Kadyrovs Machtzentrale untergebracht ist. Die verbotene Stadt ist von Sicherheitskräften im finstersten Bürgerkriegslook regelrecht umstellt. Übersehen kann man das nicht.

Gut möglich, dass Salah innerlich zerrissen ist zwischen der Solidarität mit dem ägyptischen Verband, dem er sich verpflichtet fühlt, und den Erwartungen seiner zahlreichen Fans in Europa, von denen es etliche geben mag, denen die Bilder mit Kadyrow so gar nicht passen.

Gut möglich, dass er nie erfahren wird, wie es dazu kam, dass das ägyptische Teamquartier ausgerechnet in Grosny aufgeschlagen wurde. An die islamische Folklore, die als Grund immer wieder angeführt wird, mag er vielleicht nicht glauben. Fasten und beten kann man auch an anderen Orten Russlands.

Vorwurf an die Fifa

Dass die Fifa, obwohl sie sich für ihre Verhältnisse beinahe mitfühlend zur Menschenrechtsfrage in Tschetschenien geäußert und die Inhaftierung des Menschenrechtlers Ojub Titijew verurteilt hat, nicht verhinderte, dass Grosny auf der offiziellen Liste der möglichen Teamquartiere für die WM gelandet ist, muss man dem Weltverband zum Vorwurf machen.

Und wenn die Fifa keine Wahl hatte, weil die WM auf irgendeine Art auch nach Grosny zu bringen Teil der tödlichen Sicherheitspartnerschaft zwischen Kadyrow und dem russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin war, dann hätte die Fifa das transparent machen können.

Warum der Präsident des ägyptischen Fußballverbands Hany Abo Rida das Angebot, nach Grosny zu gehen, angenommen hat, auch das ist eine Frage, die noch nicht im Detail beantwortet ist. Zuzutrauen ist dem Mann jedenfalls viel. Er gehörte schon zum Führungszirkel der Fifa, als da noch ein gewisser Joseph “Sepp“ Blatter das Sagen hatte.

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64 Spiele, ein Weltmeister. 12 Stadien, ein Putin. Vier Wochen Fußball und mehr. Alles zur WM in Russland.

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