Popmusik

Die Szene tanzt

Die Hamburger Band Bitte Lächeln besteht aus behinderten und nichtbehinderten Musikern und hat einigen Erfolg. Nichtbehinderte Zuschauer zu den Konzerten zu bekommen, bleibt schwierig.von Birk Grüling

Eingängige Songs, mitreißende Bühnenpräsenz: die Band Bitte Lächeln im Hamburger Thalia Theater.  Bild:  Jörg-Martin Schulze

Auf dem Parkplatz vor der Spielstätte in der Hamburger Gaußstraße stehen an diesem Abend ein paar Wagen, auf manchen ist das Logo der Lebenshilfe zu sehen. Drinnen setzt das Saxophon ein und füllt die Nacht mit angenehmen Klängen, nur gedämpft durch die Wände der Industriehalle. Hinter einer dicken Stahltür erwartet den Gast ein Konzert der Hamburger Band Bitte Lächeln.

Rund 100 Gäste sind für den Auftritt an diesem Februarabend in die Thalia Theater-Zweigstelle gekommen. Es herrscht normaler Konzertalltag, auf den Tischen steht Trendlimonade und als die Klänge auf der Bühne jazziger werden, fängt das Publikum an zu schnipsen. Ein Reggaesong über Fruchteis geht über in eine melancholische Nummer namens "Winterdepression", in die sich gut einfühlen kann, wer zu dem Konzert durch das abendlich-eisige Altona gekommen ist. Doch was macht dieses kleine Konzert einer Hamburger Band so berichtenswert?

Die Antwort findet sich in "Mirkos Musikatelier", gelegen im Souterrain mitten in Altona. Für den Besucher gibt es nur ein kurzes Hallo, denn hier wird hart gearbeitet. An der Wand des Proberaums hinter dem Schlagzeug kleben unzählige vergilbte Notenblätter, die acht Musiker haben sich hinter ihre Instrumente verzogen und diskutieren über den richtigen Einsatz eines Schlagzeugsolos für das Konzert. Kurzum: ganz normaler Bandalltag. Der Unterschied fällt erst beim zweiten Hinschauen auf: Sänger Lukas sitzt im Rollstuhl, Florian am Schlagzeug ist blind und Dominik, der junge Mann an der afrikanischen Trommel, hat das Down-Syndrom.

Nur zwei der Bandmitglieder haben keine Behinderung, einer von ihnen ist der 45-jährige Mirko Frank. Der Musiker und Komponist ist einer der Initiatoren des Projekts Bitte Lächeln. Seit vier Jahren macht man schon gemeinsam Musik und hat sich in dieser Zeit einen guten Ruf weit über die Stadtgrenzen hinaus erspielt. Bei Deutschlands größtem integrativen Musikwettbewerb "Guildo sucht die Superband" schaffte es die Band gerade auf Platz zwei.

Entstanden ist die Idee aus integrativen Theaterprojekten am Thalia-Theater. Im Laufe der Proben zu "Sommernachtstraum" traf Frank auf den heutigen Sänger Lukas, der die Hauptrolle in der Shakespeare-Inszenierung spielte. Kurzerhand wurde in Zusammenarbeit mit Leben mit Behinderung Hamburg und dem Thalia Theater ein Casting organisiert. "Es war schon wichtig, dass jeder ein gewisses musikalisches Talent mitbringt und die Band als seine Herzensangelegenheit sieht", sagt Frank. "Bei uns steht ja nicht die Integration im Vordergrund, sondern die Songs. Es soll ja auch für Außenstehende vernünftig klingen."

Unzählige Proben später kann sich das Resultat sehen und hören lassen. Die Songs sind eingängige Popnummern, die Stimme von Lukas hat einen hohen Wiedererkennungswert und die Bühnenpräsenz ist mitreißend.

Mirko Frank arbeitet neben den gemeinsamen Proben zusätzlich mit jedem einzelnen Musiker. Mit Ergebnissen, die selbst ihn immer wieder überraschen. "Unser Keyboarder Dennis kommt regelmäßig mit unglaublichen Eigenkompositionen an. Ganz ohne Notenkenntnis, einfach nur aus dem Gehör." Gerade hat die Band ihre zweite CD "Studiosessions" in Eigenregie aufgenommen.

Die Band mischt Pop, Reggae, Blues und Disco zu klar strukturierten Songs. Dazu gibt es deutsche Texte, die im Stil der 1980er-Jahre politisches Engagement und Akzeptanz fordern oder in ihrer Komik mitunter an die Neue Deutsche Welle erinnern: "Hier kommt der Sommer, die Sonne brennt. Ich kauf mir Eiscrème, für 90 Cent. Da kommt ein Mädchen und klaut mein Eis. Ich denk mir ,schade', denn mir ist heiß." Beim Konzert im Thalia-Theater braucht die Band 15 Minuten, dann tanzt das Publikum.

Dass der Status als Band mit Behinderung auch die eine oder andere Tür öffnet, bestreitet dabei keiner. "Klar kommen viele Leute, weil wir besonders sind", sagt Sänger Lukas. Doch dieses Szenepublikum, wie es die Band nennt, ist eigentlich gar nicht die Zielgruppe. "Am Ende von Konzerten kommen häufiger Sonderpädagogen zu mir und wollen mit mir über meine methodischen Ansätze reden. Denen kann ich nur immer wieder sagen, ich bin Musiker und für mich zählt nicht, welche Behinderung meine Bandmitglieder haben", sagt Frank. Darum freut sich die Band umso mehr über Auftritte jenseits der Szene.

Damit kann der Abend im Thalia nur bedingt dienen: Die meisten Gäste sind Menschen mit einer Behinderung und ihre Betreuer. Ihr Nebenziel kann die Band so nicht erreichen: "Wir sehen uns schon in der Pflicht, so etwas wie Berührungsängste abzubauen", sagt Frank. "Behinderte und nicht behinderte Menschen leben oft in Parallelgesellschaften mit nur wenigen Berührungspunkten. Weil wir uns genau in so einem Spannungsfeld dazwischen befinden, könnte man uns vielleicht als ein integratives Modellprojekt bezeichnen."

Sonst bevorzugt man eher den Begriff "Band". Projekt, Konzept oder Modell - alle diese Begriffe sind ein wenig hochtrabend für das eigentlich simple Vorhaben, gemeinsam Musik zu machen.

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