„Printemps de septembre“ in Toulouse

„Das war für mich eine Revolution“

Seit 23 Jahren bringt der „Printemps de septembre“ den Kunstfrühling nach Frankreich. Diesmal ist die Geschichte Thema des Festivals, sagt Leiter Paul Ardenne.

McDermott & McGough, Late night #13: Elizabeth Taylor, 1967 (2008). Courtesy Gallery Jérôme de Noirmont (Ausschnitt).  Bild: Nicolas Brasseur/Le Printemps de Septembre

taz: Das Kulturfestival Printemps de septembre ist dafür bekannt, dass es jedes Jahr eine geballte Ladung zeitgenössischer Kunst nach Toulouse bringt. Sie sind zwar auch als Kurator, vor allem aber als Autor bekannt. Was hat Sie jetzt an der künstlerischen Leitung des Printemps gereizt?

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Paul Ardenne: Ja, ich verstehe mich vor allem als Autor, aber ich unterrichte auch Kunstgeschichte und Philosophie an der Universität von Amiens. Wenn ich gefragt werde, ob ich nicht eine Ausstellung machen möchte, geschieht das meist im Zusammenhang mit den Themen, zu denen ich schreibe. Zuletzt war das Kontextkunst und Kunst im öffentlichen Raum. Über Künstler, die auf ihr soziales Umfeld reagieren, etwa indem sie die Rolle des politischen Aktivisten übernehmen. Jetzt war es umgekehrt. Régis Durands, der Direktor des Printemps de septembre, bot mir an, die Frage, was eigentlich Geschichte ist, auf andere Weise zu untersuchen. Darüber habe ich nie veröffentlich, aber es beschäftigt mich schon lange.

Was bedeutet es, wenn Sie nun im Titel Ihrer Ausstellung behaupten „History is Mine!“?

Ich bin sozusagen ein Ziehsohn des frühen André Glucksman. Ich war zu jung zur Zeit des Mai 1968, um zu verstehen, was da geschah. Aber danach hat mich die Frage, auf welche Art und Weise wir uns in den Lauf der Geschichte einlassen, um so mehr interessiert. Gilles Deleuze, Felix Guattari und Michel Foucault, diese Philosophen waren dabei sehr wichtig für mich. Vom Blickpunkt des Historikers war zwar sehr vieles falsch an ihren historischen Erzählungen. Aber ihre Theorie war interessant. Hier fand man eine ganz andere Haltung als bei der Annales-Schule, der es ja um Strukturgeschichte ging, um gesellschaftliche Mentalitäten. Dagegen sagten meine Mentoren, Geschichte sei keine soziale, sondern eine individuelle Realität. Das war für mich eine Revolution. Schon weil ich mich lange Zeit als militanten Neomarxist verstanden habe.

Wie lässt sich diese Position ausstellen?

Ich habe zunächst einmal versucht einen Überblick über all die verschiedenen Weisen zu bekommen, in denen sich Künstler in den letzten zwanzig Jahren mit Geschichte auseinandergesetzt haben. Mir fiel auf, dass sie es tatsächlich auf eine sehr spezielle, persönliche Art und Weise taten, in der Geschichte nicht als die Summe der Fakten und Ereignissen erscheint, sondern eher als Spiegel der Situation des Künstlers in der Welt fungiert. Alle die Künstler, für die ich mich entschieden habe, präsentieren ihre Auseinandersetzung mit der Geschichte als Auseinandersetzung mit sich selbst. Geschichte ist für sie nicht die Summe der Ereignisse innerhalb einer bestimmten Zeit, sondern eine Möglichkeit, anderes Wissen zu gewinnen.

56, ist Professor für Geschichte an der Universität Amiens. In seiner Eigenschaft als Kunstkritiker und Kurator ist er der diesjährige Leiter des Printemps de septembre in Toulose.

Welche Rolle hatte dabei der Ausstellungsort Toulouse?

Was Toulouse betrifft, da hat mich Régis Durand gebeten, keine elitäre, sondern eine populäre Ausstellung zu machen. Was er nicht populistisch meinte. Er bat mich, über Kunstwerke nachzudenken, die dem Publikum erleichterten, sich auf das Konzept der Ausstellung einzulassen. Also habe ich Gerard Rancinan aufgenommen. Er war ursprünglich Fotojournalist. Jetzt inszeniert er in großen Fototableaus berühmte Gemälde der Kunstgeschichte nach, wobei er in „La Liberté Dévoilée“ nach Delacroix’s, „Die Freiheit führt das Volk“, aktueller Probleme wie die Debatte über den muslimischen Schleier aufgreift. Das ist natürlich ein bisschen einfach, aber ich wollte ganz generell, dass die Ausstellung gut lesbar und zu verstehen ist.

Der Printemps de septembre ist in Toulouse traditionellerweise über viele, ganz unterschiedliche Ausstellungsorte verstreut. Die Kunsthochschule macht mit, ein Wasserkraftwerk und das erste in Frankreich entstandene Fotomuseum, um nur einige Orte und Institutionen zu nennen. Ist diese Vielfalt dem Vorhaben dienlich?

Das ist schwer zu sagen. Wenn man sich entscheidet, den Printemps de septembre zu machen, dann hat man keine Wahl. Es handelt sich ja um ein privat finanziertes Festival, auch wenn es mit öffentlichen Geldern bezuschusst wird. Der Erfinderin des Printemps, Marie-Thérèse Perrin, und Régis Durand ist es wichtig, mit den lokalen Kunsträumen und –initiativen zusammenzuarbeiten. Der Printemps will wirklich eine öffentliche Veranstaltung sein.

Was diese öffentlich geförderten Kunsträume angeht: Hat es Auswirkungen, dass Aurélie Filippetti, die neue Kulturministerin im Kabinett von Francois Hollande angekündigt hat, den Kulturetat im Staatshaushalt nicht zu erhöhen, sondern im Gegenteil eine Milliarde einsparen zu wollen?

Bislang nicht. Und im Fall des Printemps kommt ein großer Teil des Budgets von privaten Sponsoren wie Airbus oder Électricité de France. Dazu ist das Budget auch nicht besonders groß.

Es beteiligt sich nur eine einzige private Galerie am Printemps? Gibt es dafür einen besonderen Grund?

Der Grund ist ein trauriger: Die Galerien mit zeitgenössischer Kunst in Toulouse haben dicht gemacht. Es gibt keinen Markt. Sollertis, wo Brice Fauché die Installation „Guerre et Hostoire“ von Alain Josseau zeigt, ist die letzte Galerie, die übrig geblieben ist.

Dem ziemlich exzentrischen Künstlerduos David McDermott und Peter McGough haben Sie im alten Wasserkraftwerk an der Garonne gleich eine kleine Retrospektive gegeben?

McDermott und McGough zählen zu den wichtigsten Künstlern der Ausstellung. Ich betrachte es als unabdingbar, sie in der Ausstellung zu haben. Schließlich experimentieren sie damit, wie man aus der Zeit herauskommen kann. Sie suchen sich immer eine bestimmte Epoche, in der sie dann künstlerisch arbeiten. Das kann der englische Viktorianismus sein, das können die 70er oder auch die 20er Jahre in den USA sein, etwa bei den „Conspiracy Paintings“. Sie arbeiten dann ausschließlich mit Material, Maschinen und Dingen aus dieser Zeit, und sie leben auch in Räumen aus dieser Zeit und tragen die Kleider aus dieser Zeit. Sie zeigen uns, auch wenn wir in der Realität die Zeit nicht stillstellen können, in der Kunst können wir es sehr wohl.

Daniela Comani, eine Künstlerin aus Berlin, passt mit ihrem Tagebuch 1900 bis 1999 natürlich sehr gut in das Konzept Ihrer Ausstellung?

in dem Moment, in dem wir die Ausstellung „History is Mine!“ genannt haben, war es absolut notwendig, ihre Arbeit „It Was Me. Diary 1900-1999“ zu zeigen. Nach dem Schema des Kalenderblatts listet Comani wichtige Ereignisse des 20. Jahrhunderts auf, allerdings als Einträge in der ersten Person, als ihre persönlichen Handlungen und Erfahrungen. Das ist extrem komisch und irritierend. Ich bin das erste Mal 2007 in Dortmund auf sie gestoßen, in einer wichtigen Ausstellung „History Will Repeat Itself. Strategies of Reenactment“. Ich glaube, aus der französischen Kunstszene war ich der einzige, der die Ausstellung besucht hat.

Warum gehört die Installation „Fragments de prison“ von Jean-Michel Pincin, der vor seiner Karriere als Künstler ein bekannter Skater war, in „History is Mine!“?

Seine Arbeit stellt die Frage, was Geschichte bedeutet, wenn du hinter Stacheldraht sitzt und die Ereignisse draußen nicht wirklich mitbekommst. Die Wandmalereien, die er aus dem St. Anne Gefängnis in Avignon geborgen hat, legen den Verdacht nahe, dass Geschichte im Gefängnis nur persönliche Erfahrungen meint. Pincin lebt in Paris und Avignon, wo er zufällig einen Typen kennenlernte, der 20 Jahre in St. Anne einsaß. Der zeigte ihm die Wandmalereien, die Pincin dann mit Hilfe eines bekannten Spezialisten für Fresco-Malerei von der Wand gehoben hat. – Und die Socken im Stacheldraht: Die Angehörigen warfen sie über die Mauer, angefüllt mit Nachrichten, Drogen, was auch immer. Viele blieben im Stacheldraht hängen.

Und zu guter Letzt: Ist nicht Ashton Ramsey die lebende These Ihres Titels?

Ja, das ist eine tolle Geschichte. Ich bin vor zwei Jahren in New York auf ihn gestoßen, in einem Zeitungsartikel über eine Ausstellung mit Outsider Art in New Orleans. Ein Foto zeigte einen sehr alten Mann, in einem über und über mit Zeitungsbildern und -schlagzeilen versehenen Anzug. Das war Ashton Ramsey. Er trug die Lokalgeschichte wirklich maßgeschneidert am Leib! Ich hob das Foto auf. Im vergangenen Jahr kaufte ich mir dann ein Flugticket nach New Orleans. Ich ging in die Bourbon Street und zeigte dort in den Bars sein Foto herum und fragte die Leute, ob sie ihn kennen.

Wie ein Detektiv?

Ja, irgendwie schon. Denn er hatte ja keine Galerie, er hatte keine Website oder Emailadresse und kein Telefon. Wie sich herausstellte, ist er, weit über 80 Jahre alt, inzwischen taub und hat es abmeldet. Die Leute in den Bars sagten, ja, den kennen wir und so bekam ich Kontakt zu seiner Familie und fand ihn schließlich. Er hat eine ganze Reihe dieser Anzüge hergestellt, immer zu einen Thema, „Freedom“ oder „Black N White“ und „Gambler“. „Haïti“ entstand nach dem Erdbeben 2010 und will seine Solidarität ausdrücken. Leider hat ihn sein Alter daran gehindert, zur Eröffnung nach Toulouse zu kommen.

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