Professoren-Streik in Großbritannien

Stillstand an den Unis

Lehrende an Hochschulen und Unis streiken landesweit gegen eine geplante Rentenreform. Manche Studierende sehen das aber kritisch.

Vor der University of London haben sich Streikende mit Fahnen und Schildern aufgestellt

Streik statt Seminar an der University of London Foto: Daniel Zylbersztajn

LONDON taz | Gut eingehüllt gegen die Kältefront stehen sie vor den Eingängen ihrer Universitäten. Sie schauen etwas ungläubig drein, es mag nicht das sein, was man von ihnen als Akademikern gewohnt ist, und doch erscheint hier und da ein triumphierendes Lächeln, wenn es einem gelingt, irgendjemandem eines der knallgelben Flugblätter in die Hand zu drücken. „Verteidigt unsere Bildung, rettet unsere Renten“, steht da drauf. Bunte Gewerkschaftsbanner wehen, aus manchen Ecken dröhnt HipHop oder Salsa, jemand bringt Tee zum Aufwärmen.

Der Grund des fünftägigen Streiks an derzeit 61 Universitäten Großbritanniens – bald sollen es sogar 64 sein – ist eine geplante Reform des universitären Rentensystems. Bisher war eine garantierte spätere Rente integraler Bestandteil des Arbeitsvertrags; in Zukunft werden die eingezahlten Beiträge an der Börse eingesetzt – bei britischen Betriebsrenten ist das schon lange gängige Praxis. Dies, so die Akademikergewerkschaft UCU (University and College Union), könnte zu Nettoverlusten von bis zu 10.000 Pfund (11.200 Euro) im Jahr pro Person führen. Der Universitätsverband UUK rechnet aber mit Gewinnen und nennt als Grund für die Reform ein angebliches Defizit von 6,9 Milliarden Euro in seiner Rentenkasse.

All das sei überhaupt nicht nötig, behauptet Geografiedozent James Kneale, der im neonfarbenen Gewerkschaftskittel vor seiner Fakultät am University College London steht. „Zur Rechtfertigung der Maßnahmen hat die UUK den schlimmsten denkbaren Fall vorausgesetzt, nämlich den Kollaps aller Unis.“ In Wirklichkeit gebe es kein Loch in der Rentenkasse.

Doch nun beginnt deswegen der größte Streik in der akademischen Geschichte Großbritanniens. In den meisten Unis fallen Vorlesungen, Seminare und Forschungsprojekte aus. Am 28. Februar wollen die Streikenden vor dem Parlament protestieren. Kommt keine Einigung zustande, könnte es sogar bis zu 14 Tage Lehrausfall geben.

Derweil beklagen in Onlinepetitionen 80.000 Studierende den streikbedingten Verlust von Unterrichtsstunden, für die sie hohe Studiengebühren bezahlt haben, und fordern Geld zurück. An der Universität Manchester verlangen sie 300 Pfund (340 Euro) Entschädigung.

Kritik an Kommerzialisierung

„Wir, die Studenten, sind Opfer des Streiks“, behauptet Antoni Krowicki, Chinesischstudent an der renommierten Londoner „School od Oriental and African Studies“ (SOAS). „Ich unterstütze die Ziele des Streiks, aber wenn ich nicht in die Bi­blio­thek kann, dann werde ich für etwas bestraft, mit dem ich wenig zu tun habe.“

Dozenten und Studierende kritisieren die zunehmende Kommerzialisierung akademischer Institutionen. „Ich bin seit 23 Jahren Akademiker“, erklärt Dozent Kneale. „Unser Gehalt hat sich lange nicht erhöht, wir müssen mehr und länger arbeiten, mit einer höheren Studentenzahl auskommen, während die Universitäten selber gut verdienen. Dass ich einmal eine gute Rente bekomme, war immer ein Grund, all dies in Kauf zu nehmen.“

Für Kritik sorgen bei den Dozenten auch Affären wie die um die Rektorin der Universität von Bath, Christina Slade, die beim Eintritt in die Rente im vergangenen Jahr zusätzlich zu ihrem Jahresgehalt von 250.000 Pfund ein Abschiedsgeld von 429.000 Pfund kassierte, plus 200.000 Pfund für andere Dienstleistungen, insgesamt also umgerechnet über 1 Million Euro. Solche Direktoren tragen als Mitglieder des Universitätsverbands UUK die Verantwortung für die geplante Rentenreform.

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