Prozess gegen „Pussy Riot“

Unverschämt vor Gericht

Der Prozess gegen die russische Band Pussy Riot beginnt – wegen eines Auftritts in einer Kathedrale. Staat und Kirche kämpfen vereint gegen die Freiheit der Kunst.

Zart besaitet: Punkrock in der Kathedrale hält der Kreml nicht aus.  Bild: dapd

MOSKAU taz | „Heilige Mutter, verjage den Putin!“, kreischten die Frauen und wandten sich im selben Atemzug noch mit einer Bitte an die Jungfrau Maria: „Mutter Gottes, werde Feministin.“ Ganz Russland vernahm die spontane Punkandacht der feministischen Frauenpunkband Pussy Riot. Mit Hilfe von YouTube ist inzwischen auch die kritische Öffentlichkeit weltweit alarmiert.

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Schon seit fünf Monaten sitzen die drei Protagonistinnen der russischen Performance-Gruppe in Untersuchungshaft. Ein Gericht verlängerte die U-Haft im Juli noch einmal. Bis Januar dürften die Punkerinnen mindestens noch einsitzen.

Am Montag beginnt der Prozess vor dem Moskauer Bezirksgericht. Das ist ein schlechtes Omen, denn dieses Gericht verurteilte schon den früheren Oligarchen und Eigentümer des Yukos-Konzerns Michail Chodorkowski zu mehreren Jahren Lagerhaft. Der Prozess sprach rechtsstaatlichen Verfahren Hohn.

Red Hot Chili Peppers, Faith No More, Franz Ferdinand, Sting - viele prominente Musiker solidarisieren sich mit den in Russland inhaftierten Punkrockerinnen.

In Berlin spielen die US-Band Anti-Flag und die Berliner Bands Radio Havanna und Smile And Burn am 31. Juli ein Benefizkonzert für die russischen Musikerinnen. Die Einnahmen sollen der Band direkt zugute kommen - für Anwaltskosten oder Protestaktionen. (dapd)

Die Aufmerksamkeit für die Causa Pussy Riot steht der Abrechnung Putins mit dem unbeugsamen Oligarchen schon jetzt in nichts nach. Nur die Zeiten haben sich geändert. Die „nationale Führungsfigur“ Wladimir Putin von einst ist durch Wahlmanipulationen und öffentliche Proteste angeschlagen. Das Volk folgt ihm nicht mehr blindlings. Die Aktion von Pussy Riot stieß in diese Schwachstelle, seither demontieren sich Staat und Kirche ohne Zutun „fremder Mächte“. Der Fall der Punkerinnen ist zum Politikum geworden.

Vorwurf: „Rowdytum“ und „konfessioneller Hass“

Die Staatsanwaltschaft will die Gruppe wegen „Rowdytums“ zur Verantwortung ziehen. Sieben Jahre Haft sieht das Gesetz dafür maximal vor. Dass die Kirche im Schulterschluss mit dem Staat an den demutslosen Frauen ein Exempel statuieren möchte, verbergen die Verantwortlichen nicht. Das „Rowdytum“ wird noch durch den Vorwurf des Schürens „konfessionellen Hasses“ verschärft.

Zur Erinnerung: Die Frauen waren im Februar – kurz vor den Präsidentschaftswahlen – in die Christi-Erlöser-Kathedrale, das wiedererrichtete Heiligtum der russisch-orthodoxen Kirche eingedrungen. Wenige Minuten dauerte der Auftritt.

Die Musikerinnen trugen schrillfarbene Netzstrümpfe und gehäkelte Wollmasken, die die Engländer im Krimkrieg vor 150 Jahren erstmals gegen die Kälte übergezogen hatten. Jener Krieg hatte den europäischen Mächten die Rückständigkeit Russlands erstmals deutlich vor Augen geführt.

Der Auftritt von Pussy Riot war – kaum hatte der Spuk begonnen – auch schon wieder vorbei. Wächter säuberten im Handumdrehen den Altarraum von den wild gestikulierenden Frontfrauen. „Schwarzer Priesterrock und goldene Schulterstücke, der Chef des KGB ist ihr wichtigster Heiliger“, konnten sie gerade noch ausrufen.

Der Patriarch diente einst dem KGB

Mit dem Chef des Geheimdienstes KGB war Wladimir Putin gemeint. Aber auch der Patriarch der Orthodoxen Kirche, Kyrill, hatte der Sowjetherrschaft als Agent gedient. Die geheimdienstlichen Codenamen der Kirchenväter sind im Internet einzusehen. „Wir wollten zeigen, dass das hier eine Heuchlerkathedrale ist. Unsere Aktion richtete sich gegen alle, die den wahren Glauben verzerren“, sagten die Frauen später. Mit religiösem Hass hätte die Performance nichts zu tun.

Ob sie mit einer so scharfen Reaktion von Kreml und Kirche gerechnet haben? Oder damit, dass Putin die Angelegenheit zur Chefsache erklärt und eigens einen Stab einrichtet, der die flüchtigen Künstlerinnen aufspüren sollte? Zumindest sind sie jetzt populär und in aller Munde.

Amnesty Internatonal erklärte Nadeschda Tolokonnikowa (22), Maria Aljochina (24) und Jekaterina Samuzewitsch (29) zu politischen Häftlingen. Politiker und Popgrößen setzen sich für sie ein, etwa die Red Hot Chili Peppers (siehe Kasten). Von Madonna wird erwartet, dass sie bei ihrem Konzert in Russland im August unmissverständliche Worte findet.

Welche Chance hat die Orthodoxe Kirche gegen ein derartiges Aufgebot globaler säkularer Prominenz? In der Kritik an den Künstlerinnen führen sich beide selbst vor, gestehen Schwäche ein. Erfolgreicher hätte es für Pussy Riot nicht laufen können.

Beziehungen zwischen sakralem und säkularem Raum

Die Künstlerinnen wollten die Gesellschaft aufmerksam machen auf die „komplizierten Beziehungen zwischen sakralem und säkularem Raum, zwischen Kunst und Religion, Kunst und Recht“. Dieser Raum sei jetzt in Russland zum ersten Mal ausgeleuchtet worden, meint der bekannteste russische Kunstkritiker Boris Groys. Die Rage, mit der Staat und Kirche reagieren, scheint das zu bestätigen.

Bei vorangegangen Aktionen wurden die Punkerinnen zwar festgenommen, aber bald wieder auf freien Fuß gesetzt, selbst bei einer Performance auf dem Roten Platz. „Aufstand in Russland – Putin hat sich in die Hose gepisst“, boten sie im Januar vor den Kremlmauern dar. Die Sicherheitskräfte ließen sie gewähren. Putin schaute weg.

Auch dem Auftritt in der Moskauer Metro vor den Dumawahlen folgten keine Konsequenzen. Die Musikerinnen dichteten: „Ägyptische Luft ist gut für die Lungen/ Mach den Tahrir auf dem Roten Platz/ Verbring einen wilden Tag mit starken Frauen/ Such auf dem Balkon nach einer Brechstange, befreie den Pflasterstein.“ Es gebe keine Kunst, alles sei politisch, so die Aktivistinnen.

Nadeschda Tolokonnikowa ist der intellektuelle Kopf von Pussy Riot, sie stammt aus dem Umfeld der Art-Performance-Gruppe Woina (Krieg), die schon oft mit spektakulären Aktionen auffiel. 2011 malten sie vor dem Petersburger Geheimdienstgebäude einen Penis auf die Hubbrücke. Öffnete sie sich, schauten die Geheimdienstler auf ein Riesengemächt. Das Kulturministerium zeichnete das Projekt „Dick captured by KGB“ sogar mit dem Innovationspreis aus.

Aufregende Lektüre nicht gleich verstanden

Die Rigorosität ohne Zwischentöne erinnert an die 70er Jahre. Russlands Avantgarde holt Diskurs und Lesekanon des revoltierenden Westens gerade nach – von Althussers repressiven Staatsapparaten über Foucault bis zu den Schriften amerikanischer Feministinnen. Aufregende Lektüre, die verschlungen, aber nicht immer gleich verstanden wird. Vieles, was die Gruppe von sich gibt, erinnert an die eigene Jugend. An jenes Gemisch aus Erlesenem, intellektueller Überheblichkeit und unreflektiertem Selbstbewusstsein.

Der Auftritt in der Kathedrale hätte ein Akt bleiben können, an dem nur die Szene Geschmack findet. Die Verknüpfung von Putin und Orthodoxer Kirche stellte jedoch eine Grenzüberschreitung dar. Staat und Kirche sind unter Putin zu einem korporatistischen Unternehmen verwachsen.

Der Klerus versorgt den Kremlchef mit Legitimität, Putin wiederum erhebt die Kirchenoberen zu Repräsentanten einer Quasi-Staatskirche. In einem Rechtsstaat wäre der Auftritt schlimmstenfalls als Ordnungswidrigkeit geahndet worden. Moskau macht ihn zu einer Frage von Loyalität, Verrat und Unterwerfung.

Statt Gnade und Nachsicht zu üben, verlangte der offizielle Kirchensprecher, Wsewolod Tschaplin, strafrechtliche Konsequenzen: „Wir können und werden nicht in einem Staat leben, der solche Unverschämtheiten zulässt.“ Gotteslästerung wirft die Kirche den Inhaftierten vor, obwohl die seit der antiklerikalen Revolution 1917 keinen Straftatbestand mehr darstellt.

Die Wucht des Hasses

Die liberale Öffentlichkeit war entsetzt über die Wucht des Hasses und die Unversöhnlichkeit, mit der die Kirche nach Strafe verlangte. Auch moderatere Stimmen im Umkreis der Kirche kritisierten die Unverhältnismäßigkeit der langen U-Haft. Appelle an den Patriarchen, Milde zu zeigen, bewirkten das Gegenteil.

Als die Presse daraufhin das luxuriöse Leben des Patriarchen unter die Lupe nahm und nach seinem Askesegelübde als Mönch fragte, schlugen die Synodalen um sich.

Braucht ein ergebener Diener Gottes so viele kostbare Uhren, Immobilien und Luxuskarossen? Zuletzt ließ der Patriarch Gläubige aus der Provinz nach Moskau karren. 60.000 Statisten wohnten dem Schauspiel bei, als Kyrill die angeblich „geschändete“ Kathedrale von Neuem weihte. Schon einmal hatte die Orthodoxe Kirche bestellte Demonstranten in die Schlacht gegen moderne Kunst geschickt – gegen die Ausstellung „Achtung! Religion“, die in 2003 zerstört wurde.

Der Fall Pussy Riot unterhöhlt die Autorität der Kirche, fast ohne Zutun der Frauen. Immer mehr Menschen lehnen eine harte Bestrafung der Delinquentinnen ab. Ein Prozess ist in Gang geraten, der das Verhältnis der Gesellschaft zur Kirche als höchste moralische Instanz infrage stellt. Mit aufgeklärten Bürgern kann die Orthodoxie auch nicht mehr anfangen als der Kreml. Schon ist abzusehen: Am Ende steht der Inquisitor selbst am Pranger.

 

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