Prozess gegen Taylor

Die Eleganz des Bösen

Zeugenaussagen über grausamste Verbrechen durch Sierra Leones Rebellen kontrastieren auf seltsame Weise mit der Vornehmheit, die der Angeklagte Taylor zur Schau stellt.

Opfer, wie es in Liberia Tausende gibt: Ein Amputierter bei der Arbeit. Bild: ap

DEN HAAG taz Das Wichtigste am Prozess gegen Charles Ghankay Taylor ist Charles Taylor selbst. Liberias Expräsident ist eher von mittlerer Größe. Er liebt das Angenehme, und dass er dies über lange Zeit gewohnt war, das erkennt man an der entspannten Art und Weise, mit der er sich vor Gericht in seinem Ledersessel niederläßt, bevor er seinen Anklägern zuhört.

Niemandem kann entgehen, dass dieser Mensch schicke Anzüge liebt, und dass er zudem wertvolle Steine mag, das läßt er nur allzu gerne sehen, wenn er während der Aussagen seinen Kopf mit eng gefalteten Händen umfasst hält, an deren Fingern zwei große glänzende Goldringe brillieren, während das linke Handgelenk eine ebenso goldene wie teure Armbanduhr trägt. Sein weißes Hemd endet in breiten, goldenen Manschettenknöpfen in den Umrissen Afrikas. Ganz gewiss betrachtet er sich morgens lange im Spiegel, nachdem er sich parfümiert hat, und er ist sorgfältig rasiert, mit kurzen, ergrauten, aber sehr gepflegten Haaren.

Doch dieser Blick wäre dann doch zu sehr geprägt vom Narziss selbst, der methodisch Notizen macht, einmal mit einem grünen Kugelschreiber, dann wieder mit einem roten. Er würde sich als Ästhet präsentieren, wenn es da nicht diese Zeugenaussagen gäbe, die dem Beobachter die Haare zu Berge stehen lassen und die Taylors Anzug mit Blut besudeln und seine Notizbücher voller Aufzeichnungen mit der langen Liste von Toten füllen müssten, so wie diese im Saal des Sonder-Tribunals zu Sierra Leone gegen ihn angeführt werden.

Alex Tamba ist ein zerbrechlicher Pastor, der in Sierra Leone zusehen musste, wie Kindersoldaten vor ihm defilierten, Mädchen gerade mal in der Pubertät, die in die Sklaverei gezwungen und vergewaltigt worden waren; der Kinder sah, denen Füße und Hände abgehackt wurden; der mitansehen musste, wie überall 'Kerzen angezündet', also ganze Dörfer in Brand gesteckt wurden, und der selbst einmal 50 Tote vor einer Moschee zählte. Und der es nur gerade schaffte, nicht selbst zum Kadaver zu werden, durch eine jener Ironien, von denen man nicht weiß, ob man darüber lachen oder weinen soll.

Nach 72 Stunden Fußmarsch wurde der Pastor zu Bobor Samai gebracht, alias Sam Bockarie, alias "Moskito", rechte Hand von Charles Taylor damals und einer der Kommandeure der sierraleonischen Rebellen der RUF (Revolutionary United Fron), um deren Steuerung durch Taylor es in diesem Prozess geht. "Moskito" entpuppte sich als ehemaliger Schüler des Pastors und forderte diesen auf, sich als Major der "Rebellenrevolution" anzuschließen. Schweigen des früheren Meisters, dem die Angst vor seinem früheren Schüler die Stimme raubt, und der - weil der Schüler insistiert - dann doch die folgende Antwort findet: "Ich weigere mich ja nicht, mich der Rebellion anzuschließen, aber als Mann Gottes ist der Rang eines Majors denn doch für mich zu niedrig." "Und welchen Rang hättest du denn gern?," fragt ihn der konsternierte Moskito. "Marschall," erwidert der Pastor. Lautes Lachen des Rebellenchefs. "Wie kann ich aus dir einen Marschall machen", fragt der ihn schließlich, "wo doch sowohl ich als auch mein Chef Charles Ghankay Taylor nicht einmal Fünfsternegeräle sind?"

Womit die Frage, ob Taylor die RUF-Rebellen unter "Moskito" kommandierte, zumindest in dieser Aussage eindeutig beantwortet zu sein scheint. Aber das nur nebenbei. Alex Tamba Teh verdankt sein Leben allein der Tatsache, dass die Rebellenchefs darüber abstimmten, ob sie ihn töten sollten oder nicht - und er gewann diese Abstimmung mit einer winzigen Mehrheit! Ironie der Demokratie, die uns daran erinnert, welches Heil sie doch bedeuten kann, selbst beim Leiden dieses Menschen, dem die Rebellen schlussendlich ein Stück Holz in den Mund steckten und ihm dann auf den Kopf hauten - und ihm so alle Zähne ausschlugen. Ironie der Demokratie, die uns an jene Abstimmung in den Eumeniden erinnert, die Orest das Leben rettete.

Der Preis der Eleganz eines Charles Taylor, ein Mensch von einer barbarischen Grausamkeit, die uns sprachlos macht, findet sich jedoch in einem Kommentar aus einer anderen Zeugenaussage im Prozess, der Aussage eines gewissen Varmuyan Sherif, der zum persönlichen Sicherheitsstab des Diktators gehörte und der Zeuge unendlich vieler Grausamkeiten war. Er wunderte sich über die standrechtliche Erschießung von fünf Personen durch Moskito vor seinen Augen, und er sagte sich: "Vielleicht wollte er uns beweisen, dass er ein starker Mann ist." Ein starker Mann, ein "strongman", das ist in Westafrika jemand, der aus der Machtposition heraus sein Land mit Blut besudelt. Und die Eleganz Taylors vor Gericht? Vielleicht will er uns beweisen, dass er eben doch ein Großer ist.

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