Radfahrerinnen auf Frankreichrundfahrt

Tour des femmes

Weil es keine Tour de France der Frauen gibt, haben sie ihre eigene organisiert: 13 Radlerinnen fahren die Etappen einen Tag vor den Männern.

Zwei Radfahrerin legen sich die Hände auf die Schultern

Teilnehmerinnen von „Le projet Donnons des elles au vélo“ Foto: Mickael Gagne

Lore schiebt Greg die letzten Meter bis auf den Gipfel des Col du Portet. Der liegt, 2.215 Meter hoch, mitten in den französischen Pyrenäen, Spanien ist nah und ein paar Schippen Schnee hat es hier auch noch.

Am baumlosen Wegesrand muhen Kühe, Greg Cohen-Coudar sieht bleich aus. Es ist der erste Gipfel seines Lebens, den er mit dem Rad erklimmen will. Lore Le Pabic radelt verglichen mit Greg um einiges frischer daher. „Allez, Greg!“, „auf geht’s!“, ruft die 28-jährige Bretonin, und dann ist der Pariser über der Ziellinie. Greg ist am Ende. Für Lore ist es der 17. Tag einer Tour, die ein paar belgischen Herren beim zweiten Bier unten im Tal ein ungläubiges Kopfschütteln entlockt hat.

13 Frauen fahren die Strecke der Tour de France, die am Sonntag auf dem Champs-Elysées enden wird. 21 Etappen, jeweils einen Tag vor den Männern – für die wird die Strecke abgesperrt, für die Frauen nicht. Sie schlängeln sich durch den Verkehr. 3.351 Kilometer, 26 Gipfel in den französischen Alpen und den Pyrenäen.

Die Frauen haben vier Begleitfahrzeuge dabei, sehr viele Gummibärchen und Apfelsaft. Alle sind Amateurinnen, die Jüngste ist 28, die Älteste 44. Sie sind Chemieingenieurinnen, Lehrerinnen oder Unternehmensberaterinnen. Sie führen ein Restaurant, sie haben Kinder und Männer, und vor allem sind sie zäh. Sie wollen, dass es wieder, wie schon mal in den 1980er Jahren, eine ausgedehnte Tour für Frauen gibt, nicht nur einen Renntag wie derzeit. Sie wollen mehr Anerkennung im Radsport – den Männer lange Zeit, und besonders in Frankreich, ziemlich unter sich ausgemacht haben.

Sie heißen Anna, Aodez oder Marine, und sie strampeln sich ab für ihre internationalen Profikolleginnen, die Frauenrennen weltweit in der UCI Women’s World Tour bestreiten. Die Tour de France gehört nicht zu dieser Rennserie, Frauen kommen bei ihr eigentlich nur als Garnitur vor. Als wegweisende Hostessen in knappen Bleistiftröcken und mit schmuckem Halstuch, als Hostessen, die am Siegertreppchen hübsch lächeln, oder einfach als die sexy Begleitung von dem und dem.

Claire Floret, Organisatorin

„Ein kompletter, aber toller Wahnsinn, so an die eigenen Grenzen zu gehen, logistisch wie körperlich“

13 Frauen sind es, die gerade unterwegs sind und die keine Lust mehr haben auf Stereotype. Die keine Lust mehr haben auf die alte Machofrage, ob sie im Röckchen oder in Shorts in die Pedale treten. Ihren Protest nennen sie „Donnons des elles au vélo“, was so viel heißt wie „Rauf aufs Rad mit ihnen“, ein französisches Wortspiel: „Elles“ hört sich ähnlich an wie „ailes“, die Flügel.

Greg, der Gipfelerklimmer, begleitet die Gruppe als einer von drei Physiotherapeut*innen. Er wollte es mal am eigenen Körper spüren, „dieses Gefühl am Berg. Jetzt erst kapier ich erst, was die hier leisten.“ Dieses Gefühl am Berg – für Claire Floret, die Hauptorganisatorin der Frauentour, hat es erst mit Mitte 20 klick gemacht auf dem Rad. Als Sportlehrerin an einem Lycée beschäftigt, kletterte Claire begeistert. Dann brachte sie ihr Freund und heutiger Mitorganisator Mathieu Istil auf den Geschmack. So sehr, dass Claire einen offiziellen Radsportclub nur für Frauen gründete, den einzigen im Pariser Raum. Er steht hinter der Frauen-Tour-de-France, die es jetzt zum vierten Mal gibt.

„Hey, wir wollen sie am besten alle aufs Rad kriegen“

Claires „Club Omnisports de Courcouronnes“ liegt in einer sozial gemischten und teilweise problematischen Banlieue, ein Ziel des Vereins ist die sportliche Förderung von benachteiligten Frauen und Mädchen. „Hey, wir wollen sie am besten alle aufs Rad kriegen“, sagt Claire mit ihrer kehlig fröhlichen Stimme oben auf dem zugigen Col du Portet, dem höchsten Gipfel der diesjährigen Tour. Sie nimmt ihren Helm ab, lässt Wasser über die dunkelblonden, leicht verwuschelten Haare tropfen. „Es ist egal, ob die Mädels sportlich sind oder wenig Ehrgeiz haben, ob sie dick oder dünn sind, ob sie sich als Amazone oder Dornröschen sehen. Es muss sich ja nicht jede so abmühen wie wir auf dieser Tour.“ Rund 50 Frauen treffen sich regelmäßig zum Trainieren, zum Spaß haben. Anerkannt ist der Club vom offiziellen französischen Radfahrerverband, bei dem nur 10 Prozent der Mitglieder Frauen sind.

Letztes Jahr war eine Mädchengruppe aus der Banlieue beim Start der Tour de France der Frauen in der Normandie dabei. 15 Kilometer sind die Mädels mitgeradelt. „Es war ein Mini-Anfang, aber einige waren gleich angefixt“, sagt Claire. Dann schnappt sie sich Chips und tätschelt kurz ihren anatomisch perfekten Rennsattel. Auf dem Pyrenäengipfel ist es frisch, nicht so schwül und gewittrig wie im Tal. Keine Spur vom großen Regen von heute Mittag, der den 13 bereits schlitterignasse, heikle Abfahrten bereitet hat.

Tetiana Kalachova

„Für mich war das Rad von Anfang an ein Schlüssel zur Unabhängigkeit“

In der Früh sind sie beklatscht und angefeuert worden, nicht von Menschenmassen wie bei der Männertour, aber von ein paar gutgelaunten Wohnwagenbesitzern. Die kampieren teils zu Dutzenden an der Strecke, viele Familien, Großfamilien auch. Da sind Omis, die den Daumen recken für die 13 – Omis aus Katalonien, die gerade noch Topflappen gehäkelt haben oder Omis aus Krefeld, die mit Liebfrauenmilch anstoßen. Und es gibt kleine Mädchen aus Marseille auf grell pinkfarbenen „Girl’s Bikes“, die johlen und winken, wenn das Peloton, der Tross, auftaucht.

Leere Straßen, keine Zuschauer, aber für die Männer ist schon alles dekoriert Foto: Mickael Gagne

Dessen Größe variiert täglich, jede und jeder kann für einen oder mehrere Tage auf eigene Kosten mitfahren. „Es geht uns um eine gute sozia­le Mischung“, sagt Claire. Aber ihr ist auch klar, dass Rennradfahren bis heute eben meistens ein Sport finanziell privilegierter Menschen ist. Bis zu 100 Leute sind manchmal auf der Strecke dabei, die Kommunikation läuft über soziale Netzwerke. Florence Payot aus Nantes hat sich temporär angeschlossen, zu Hause ist sie die einzige Frau in ihrem Radclub. „Es läuft schon manchmal zackig bei uns“, sagt die 54-Jährige, „ich muss mich richtig durchsetzen auf der Straße.“ Das bestätigt auch Julie Dubosc, die, fast 16 Jahre alt, auf dem Weg ist, Profirennradfahrerin zu werden. Sie bezeichnet sich selbst als ehrgeizig, „aber ich kann auch loslassen. Bei den Jungs geht es schon beim ganz normalen Training fast immer nur um den Wettbewerb, um das Stärkersein.“

Bei der ersten Tour 2015 startete „Donnons des elles au vélo“ nur mit zwei Radlerinnen. „Eine junge Belgierin stieß noch mittendrin dazu“, erinnert sich Claire, auf die jetzt, kurz vor der Abfahrt zum heutigen Schlafplatz, eine Herde Schafe zuläuft. „Donnons des elles au vélo“ hatte damals fast keine Sponsor*innen, es gab keine Massagen, keine acht Leute als Begleitteam wie dieses Jahr, keine Hotels. Es gab nur den Unterschlupf bei Freun­d*innen und Unterstützer*innen. „Es war ein kompletter, aber toller Wahnsinn, so an die eigenen Grenzen zu gehen, logistisch wie körperlich“, sagt Claire. Im letzten Jahr radelten bereits 10 Frauen die gesamte Runde mit – die Hälfte davon Wiederholerinnen. Eine Rollstuhlfahrerin war als Fan im Begleitbus dabei.

Auch 2018 ist aus 35 Bewerberinnen so ausgewählt worden, dass die Chemie, so Claire, „für eine derartige Tour de Force möglichst stimmt“. Der Gruppenmix scheint zu passen, und „an den Renntagen ist jede so unter Strom, da bleibt sowieso keine Zeit für Hickhack“. Nur die wenigen Ruhetage rissen raus aus dem Adrenalinkick, „da gerät man dann schon mal aneinander“. Aber letztlich gäbe es immer eine große Solidarität – auch im Schmerz scheinen die 13 vereint. In den vier Jahren passierte glücklicherweise nur ein schwerer Sturz. 35 Meter Tapeband haben sie auf der aktuellen Tour für wehe Gelenke gebraucht.

Keine Zeitfahrten und keine Sprints

Dieser Text stammt aus der taz am wochenende. Immer ab Samstag am Kiosk, im eKiosk oder gleich im praktischen Wochenendabo. Und rund um die Uhr bei Facebook und Twitter.

Die größten Hürden so weit? Claire überlegt kurz. „2016 hat uns ein Paar aus dem Begleitteam einfach mittendrin verlassen. Sie kamen nicht damit klar, dass sie immer nur im Hintergrund für uns da waren und wir Mädels die Show hatten.“ Letztes Jahr gab der Mechaniker der Gruppe kurz vor dem Start den Laufpass. Jetzt macht Alex aus Kiew den Job.

Die Gruppe will auch in Zukunft Männer im Team dabei haben. „Das macht uns als Ganzes lockerer“, sagt Tetiana Kalachova ein paar Stunden später beim Abendessen. Das findet in Puydarrieux statt, lauschig unter einem großen Baum am langen Holztisch. Im Garten sind die Massagebänke verteilt, eine Katze hat es sich auf einer schon mal gemütlich gemacht. Die Gruppe schläft jeden Abend woanders – dieses Mal ist sie in einer Art Jugendherberge untergekommen, aus der Kantine kommt beste französische Küche.

Tetiana stammt wie Alex aus der Ukraine. Sie hat in Paris ihren Master in Biologie gemacht, forscht jetzt an einem Prager Institut. „Für mich war das Rad von Anfang an, auch in meiner Heimat, ein Schlüssel zur Unabhängigkeit“, sagt die 30-Jährige. Sie ist kräftig und groß, hat einen ex­trem wachen Blick und ist der schönste Beweis dafür, dass man keine Gazelle sein muss, um sich an der Grenze zum Extremsport zu tummeln. Die meisten von Tetianas Verwandten in Kiew finden es „ziemlich seltsam“, was sie in Frankreich gerade veranstaltet. „Radeln hat in der Ukraine keine Tradition, und bin ich mal zu Hause, werde ich eher gefragt, warum ich denn noch keine Kinder habe.“

Vermisst sie was während der Tour? Sie schüttelt schmunzelnd den Kopf. „Du vergisst einfach, dass es so was wie Zeithaben oder Ausschlafen gibt. Du bist voll im Modus.“ Dieser Modus hat nichts mit Wettbewerb zu tun. Die derzeitige Tour de France der Frauen kennt kein Zeitfahren und keine Sprints. Durchschnittlich sind sie mit 25 Stundenkilometern unterwegs. Bergwärts zieht jede ihren eigenen Rhythmus durch. „Im Flachland aber“, sagt Tetiana, „versuchen wir als rasanter Pulk zusammenzubleiben.“ Sie ist das erste Mal dabei. Fast ein Jahr lang hat sie mindestens fünfmal pro Woche für diesen Juli ihres Lebens trainiert. „Ich glaube, meine Verwandtschaft wird weiter viel Freude an mir haben“, sagt sie augenzwinkernd, bevor sich die Osteopathin der Gruppe ihr im warmen Abendlicht widmet.

Verglichen mit der millionenschweren Tour de France kommt „Donnons des elles au vélo“ mit einem Minibudget von rund 75.000 Euro aus. Die Gruppe zahlt nicht mehr drauf, hat Sponsoren gefunden, für ihre Räder und die Begleitautos – und für alles, was man eben so braucht, wenn man sich zu dreizehnt mit dem Rad aufmacht. Auch für die Trikots, auf denen die Silhouette einer Frau mit Flügeln prangt. Soll das sexy sein? Claire, die Organisatorin, hat sich eigentlich für dieses Jahr ein neutraleres Logo gewünscht, „aber das war halt von Anfang an unser Markenzeichen“. Jetzt sehen sie es gelassen, „sollen die Leute doch denken, was sie wollen“. Froh ist sie allerdings, mitverhindert zu haben, dass die Farbe Pink noch stärker auf dem Trikot auftaucht. „Es reicht schon“, echauffiert sie sich belustigt, „dass das große italienische Frauenrennen Giro Rosa heißt!“

Ein Sponsor würde gern groß einsteigen

Warum ziehen die Veranstalter der Tour de France der Männer nicht mit bei einer großangelegten weiblichen Rundfahrt? Es ist die fami­lien­geführte französische Amaury-Gruppe, die unter dem Namen ASO die höchst lukrativen Rechte an der Tour hält. Mehr als 200 Millionen Euro setzt sie jährlich beim drittgrößten Sportereignis der Welt um, das in mehr als 200 Länder übertragen wird. ASO glaubt, logistisch und sponsorentechnisch nicht zwei Touren gleichzeitig erfolgreich ausrichten zu können. Weitere Äußerungen dazu – Fehlanzeige. Dabei würde einer der Hauptsponsoren von Claire und ihrer Equipe, die nationale Lotteriegesellschaft FDJ, gern im großen Stil einsteigen. Sie finanziert auch „La Course“, den eintägigen Renntag der Profifrauen.

Stéphane Pallez, Chefin von FDJ, findet, die Zeit sei mehr als reif für eine Wiederauflage. Damit wäre ein großes Ziel von „Donnons des elles au vélo“ erreicht: Sie setzen sich für ein Format von sieben bis zehn Tagen ein, „das entspricht aus unserer Sicht weiblichen Radprofis am besten“, sagt Claire. Wenn es wieder eine längere Tour de France der Profidamen gäbe, hätte sich ihre Idee dann nicht selbst überflüssig gemacht? Claire giggelt, genehmigt sich an diesem lauen Abend noch ein großes Eis und sagt: „Nein, Radeln ist nie überflüssig. Wir machen dann hoffentlich weiter eine landesweite Tour für Amateurinnen.“

Am nächsten Morgen hat es die Sonne gerade über den Marktplatz von Trie-sur-Baïse geschafft, einem mittelalterlich geprägten Örtchen mit rund 1.000 EinwohnerInnen in den saftigen Ausläufern der Pyrenäen. Trie-sur-Baïse hat es hingekriegt, dass die Tour der Herren das erste Mal in ihrer 115-jährigen Geschichte hier eine Abfahrt macht. Dafür hat die Kommune rund 70.000 Euro an ASO gezahlt, worüber in der traditionsreichen Bar des Sports unter der Markise kontrovers diskutiert wird. Vor der Bar ist der Treffpunkt für die Tour der Frauen, mehr als 50 Mitradler*innen schließen sich den 13 an diesem Tag an.

Barbesitzer Jean-Claude schenkt zu diesem Anlass ein paar Kaffees aus, und Annie Mailho vom regionalen Radclub „Cyclo Roue Libre“ stöckelt mit ihren Rennradschuhen freudig hin und her. Ja, auch auf solchen Schuhen können Frauen stöckeln, „das ist vielleicht zu viel für manche Männer“, witzelt sie und läuft weiter. Die Schuhe klackern. Annie ist 64, ihr Club hat bereits mehr als 30 Prozent weibliche Mitglieder. „Wir sind eine Ausnahme in dieser Ecke“, sagt die drahtige Jung­rentnerin und steigt auf ihr Gefährt, dann dreht sie sich noch mal um: „Wir haben das Jahr 2018, und wir Frauen müssen weiter am Rad drehen. Die Männer tun’s nicht für uns.“

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Wenn Sie Ihren Kommentar nicht finden, klicken Sie bitte hier.

Ihren Kommentar hier eingeben