Ralf Wohlleben nach Haftentlassung

Mitten im rechtsextremen Milieu

Die Urteile im NSU-Prozess sind gesprochen. Neben André Eminger ist auch Mithelfer Ralf Wohlleben entlassen. Jetzt wurden Details bekannt.

Ein Mann guckt ernst

NSU-Helfer Ralf Wohlleben Foto: dpa

HAMBURG taz | Von der über sechsjährigen Untersuchungshaft zurück in die harte rechtsextreme Szene: Den verurteilten NSU-Helfer Ralf Wohlleben aus Jena soll nun der Leiter der völkisch-heidnischen „Artgemeinschaft – Germanische Glaubens-Gemeinschaft“, Jens Bauer, bei sich aufgenommen haben.

Wohlleben, im NSU-Prozess zu einer Freiheitsstrafe von zehn Jahren verurteilt, wurde am vergangenen Mittwoch aus dem Gefängnis entlassen. Schon in der NSU-Hauptverhandlung vor dem Oberlandesgericht München hatte er gezeigt, dass er trotz Haft und anstehender Urteilsverkündung die „nationale Sache“ nicht verraten würde. Im Saal A101 vertraten ihn während der 438 Verhandlungstage bekannte Anwälte der Szene, zu der er weiterhin Kontakt hielt.

Solidarität erfuhr er von der „nationalen Bewegung“. „Freiheit für Wolle“ wurde auf einem Facebook-Post in Anlehnung an seinen Spitznamen gefordert, Gelder für „die Familie“ gesammelt und im Gerichtssaal erschienen immer wieder Kameraden, um Wohlleben beizustehen. Des Öfteren kam auch Bauer aus dem Burgenlandkreis in Sachsen-Anhalt.

Bauer lebt in der Gemeinde Elsteraue, Ortsteil Bornitz. Seit Juni 2015 ist er Vorsitzender der „Artgemeinschaft“. Die völkisch-heidnische Gruppe richtet in der kleinen thüringischen Gemeinde Ilfeld regelmäßig Brauchtumsfeiern in der Wanderherberge „Zum Hufhaus“ aus – zuletzt zur Sonnenwendfeier am 22. Juni. Im Programm waren: „Thing“-Versammlung, Runenlehre über Questenbaum aufrichten und Germanischen Sechskampf bis Volkstanz und Feuerstoß anzünden.

Nach der Übernahme des Vorsitzes gelang es Bauer, das Netzwerk zu erweitern. Anhänger von in Deutschland verbotenen Organisationen wie der „Heimattreuen Deutschen Jugend“ oder „Blood & Honour“ wirken mit. Nicht jeder Rechte ist aber in diesem Kreis erwünscht, dessen Ziele eine „artgemäße“ Lebensführung, der Erhalt „unserer Menschenart“ und die „reine Weitergabe unseres Erbes“ sind. In einer Selbstdarstellung erklärt er, „kein ‚Schönwetterverein‘“, sondern vielmehr „ein Kampfbund“ zu sein.

In der rechten Hochburg

In der vierteljährlich erscheinenden Nordischen Zeitung, die von der „Artgemeinschaft“ herausgegeben wird, heißt es, es gehe der Gruppe darum, eine „politische Befreiung des Landes“ zu erreichen. Von der „Befreiung des Geistes“ ist dort die Rede und einem „aufgezwungenen Orientalismus“. Schließlich hätten das Juden- und Christentum den arischen Menschen von seinen Göttern und seiner Lebensweise entfremdet.

Ihr Sittengesetz gebietet ihnen indes eine „gleichgeartete Gattenwahl“ als „die Gewähr für gleichgeartete Kinder“. In dem ausgewählten Kreis bewegte sich mit André Eminger ein weiterer NSU-Helfer – der im NSU-Prozess zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde und bereits unmittelbar nach der Urteilsverkündung frei kam.

Bauer betreibt in der sachsen-anhaltischen Provinz das Versandhaus und die Stickerei Artam. Im Angebot sind Utensilien für die „artgerechte“ Lebensweise, inklusive „Germanischer Jahresweiser für die Sippe“. Das Motto der Firma lautet „Hüter der Scholle“. Bei diesen Hütern dürfte sich Wohlleben, der bei der NPD Funktionär war und einst Rechtsrockevents veranstaltete, politisch wohlfühlen. Und auch die Umgebung könnte passen: Der Burgenlandkreis gilt als rechte Hochburg.

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Die NSU-Mordserie, Angriffe auf Flüchtlinge, selbsternannte "Bürgerwehren" – über Rechtsterrorismus in Deutschland.

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