taz-Anwalt Johannes "Johnny" Eisenberg über Siege, Niederlagen, Einschüchterungsversuche und die Mainstream-Orientierung der taz-Redakteure von heute.Interview: Friederike Gräff

Als die taz noch wild und gefährlich war: Eisenberg (mit Lederjacke) im Gespräch mit Geschäftsführer Kalle Ruch und Ronnie Golz. Bild: Archiv
taz: In der taz hamburg und taz Bremen der 80er Jahre findet man ziemlich viele Gegendarstellungen. War das eine Art Kinderkrankheit, Herr Eisenberg?
Ist Ihnen dieser Artikel etwas wert?
Johannes Eisenberg: An so viele Gegendarstellungen kann ich mich da gar nicht erinnern. Da war eher ein Problem mit Unterlassungsansprüchen und Schadensersatz.
Weshalb wurden die erhoben?
Da waren die Leute die taz noch nicht gewohnt, da war sie noch ein Fremdkörper, jetzt ist sie ja eher ein Mainstream-Medium. In Hamburg kommt noch hinzu: da gab es zweitklassige Politiker, die bei Kritik zivilgerichtlich reagiert haben. Herr Mirow ist mir dabei unehrenhaft in Erinnerung. Das ist unanständig und vielleicht auch neben dem Gesetz, aber mit den Hamburger Gerichten kann man als Politiker so was machen. Dazu gibt es eine hohe Dichte hungriger so genannter Presserechtsanwälte in Hamburg, die solche Ansprüche gerne vertreten. Das hat der taz immer viel Ärger gebracht.
Wurden die Unterlassungs-Klagen teuer?
Ja, das kostet richtig viel Geld. In Hamburg sind die Pfeffersäcke in den Gerichten auch gerne bereit, hohe, völlig außerhalb der wirtschaftlichen Bedeutung solcher Artikel liegende Streitwerte festzulegen, insbesondere wenn irgendwelche Unternehmen klagen.
Die NDP und andere rechtsextreme Organisationen stehen im Ruf, ganz gezielt Journalisten zu verklagen, um sie einzuschüchtern.
Das würde ich auch sagen. Eine Zeit lang hatten wir die Scientologen, jetzt sind es Rechtsradikale, die gezielt gegen bestimmte Meinungsträger Prozesse anfangen. Da gehört die taz dazu, unter anderem auch Andreas Speit und seine Umgebung. Die Rechtsradikalen sind aber außerordentlich erfolglos. Sie verlieren immer, weil sie ungeschickt vorgehen, schlechte Anwälte haben und schlecht angesehen sind - und weil die Gerichte die böse Absicht erkennen.
Wollten die Unternehmer und Politiker à la Mirow nicht auch einschüchtern?
Doch, doch. Das ist dann aber ein Einzelphänomen, da kann man nicht sagen, dass es eine Kampagne ist. Zum Teil ist plumpe Geldmacherei von den Abmahnanwälten das Motiv, zum Teil ist es das Interesse, eine kritische Berichterstattung einzuhegen.
Welche finanzielle Dimension muss man sich da vorstellen?
Da kann leicht mal ein einzelnes Verfahren 40.000 Euro kosten, wenn man den richtigen Gegner hat, der das richtig aufzieht.
Können Sie sich an den letzten richtigen erinnern?
Das können Sie nicht schreiben, den Prozess haben wir verloren.
Gibt es einen, über den wir schreiben könnten?
Wir hatten gerade eine Sache, die wir gewonnen haben, gegen einen rechtsradikalen Unternehmer in Bremen. Das war bemerkenswert, weil der so dreist gelogen hat. Dann haben es der kürzlich verblichene rechtsradikale Anwalt Jürgen Rieger und sein Anwalt versucht.
Aber erfolglos?
Die haben alle verloren, ja. Man muss überhaupt sagen, dass es nicht so einfach ist, gegen die taz Prozesse zu gewinnen.
Das ist jetzt als Selbstlob zu verstehen?
Da müssen Sie die taz-Kollegen fragen. Ich glaube, ich bin ein relativ harter Gegner als Anwalt.
Gab es eine Niederlage, die Sie als besonders bitter empfunden haben?
Viele. Die Hamburger Gerichte sind wirklich unerträglich in ihrer Rechtsprechung, die sind wirklich pressefeindlich. Aber mich persönlich berührt das nicht, ich bin ein alter Mann, ich habe in meinem Leben viele Tausend Prozesse geführt. Ein paar Prozesse haben wir dann ja in Berlin eingefangen, da ist die Rechtssprechungslage inzwischen ja fast pressefreundlich.
Sind diese Einschüchterungsprozesse ein Phänomen der letzten Jahre?
Nein, das war immer schon so. Ich habe eher das Gefühl, dass die taz auch durch ihre Mainstream-Entwicklung und durch das Selbstverständnis der Mitarbeiter, die ja überhaupt nicht mehr staatsfeindlich sind, weniger streitbefangen ist als früher. Abgesehen eben von jemandem wie Andreas Speit, der über Nazis in einem Nischenmilieu schreibt, dessen sich andere nicht annehmen.
Führen Sie den Prozess mit besonderem Elan, wenn auf der anderen Seite Scientology oder die NPD stehen?
Ich führe meine Prozesse ohnehin mit einer ungesunden Härte für die Gegner. Auch wenn Sie die taz-Leute fragen, die mich kennen, die leiden zum Teil auch unter meiner Unangenehmheit.
Sind Sie derzeit für uns tätig?
57, Rechtsanwalt, hat die taz mitbegründet und sie in zahlreichen Prozessen unter anderem gegen die Bild-Zeitung vertreten.
Die Rechtsradikalen übernehmen Landkreise in Mecklenburg-Vorpommern. Da führen wir einen Prozess praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Wir haben ihn weit gehend gewonnen, gegen diese Kindergarten-Tante, deren Mann eine rechte Hand des NPD-Vorsitzenden in Mecklenburg-Vorpommern ist. Die wird auch noch von einem linken Anwalt vertreten, was mich richtig ärgert.
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Die taz zeichnet ihr eigenwilliger Blick aus - ein besonders kritischer, wie wir für uns in Anspruch nehmen. Im Lokalen, wo Journalismus oft nur lokal-patriotische Selbstvergewisserung ist, steht man damit schnell als Miesepeter da. Wir selbst dagegen sehen Kritik als unsere Stärke, als Unterscheidungsmerkmal im Wohlfühl-Zeitungsmarkt.
Weil man aber auch einstecken können muss, haben wir ein Jubiläumsheft produziert, das kein Jubelheft geworden ist: Im Gegenteil, anlässlich von 25 Jahren taz bremen und 30 Jahren taz hamburg haben wir das scharfe Messer der Kritik an uns selbst gesetzt. Herausgekommen ist ein Paradoxon: eine selbstkritische Nabelschau, gewürzt mit nur einer kleinen Prise Lob.
Das Heft ist Teil der taz am 1. Oktober 2011 in der Nord-Ausgabe. Die Texte stellen wir nach und nach online - hier finden Sie alle im Überblick.
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Leserkommentare
24.03.2012 13:55 | Rolf Schälike
Sehr geehrter Herr Johannes Eisenberg, ...
05.12.2011 23:41 | Rolf Schälike
Sehr geehrter Herr Johannes Eisenberg, ...