Rechter Theologe beim WDR

David Berger macht WDÄrger

Der WDR lädt den rechten Theologen und Schwulenaktivist zum Interview ein. Dabei wird keine einzige kritische Frage gestellt.

David Berger: Ein Mann mit kurzen, dunklen Haaren

Konservativer, Katholik, Schwulenaktivist und Islamfeind – David Berger Foto: dpa

Es kommt nicht oft vor, dass Beiträgen im Radio ein Gebrauchshinweis vorangestellt wird. Am Mittwochabend war das so bei WDR5, dem Informationskanal des Westdeutschen Rundfunks. Es ging dabei um ein knapp einstündiges Gespräch mit dem rechten Theologen David Berger.

„Bereits die Ankündigung der Sendung hat zu Kritik geführt“, hieß es von der Ansagerin, bevor der Beitrag aus der Reihe „Tischgespräch“ um 20 Uhr losging. Gesprächsgast Berger veröffentliche nämlich auf seinem Blog „zum Teil rechtsradikale und menschenverachtende Beiträge“. Dann folgten 48 Minuten bekömmlicher Plausch mit einer Person, die man journalistisch auf viele Arten behandeln kann und sollte. Nicht jedoch in einem bekömmlichen Plausch.

Das „Tischgespräch“ ist ein unpolitisches Format, in dem es um das Leben und den Werdegang des Gastes geht. Die Folge mit David Berger, Rechtspopulist und Gerne-Enfant-Terrible der Schwulenszene, hat WDR5 schon Ende November aufgezeichnet. Von da bis zum Sendetermin am Mittwoch scheint in der Redaktion niemand bemerkt zu haben, dass man hier die falsche Person ins falsche Format eingeladen hatte. Erst als die Ankündigung der Sendung für empörte Zuschriften sorgte, versuchte der Sender, die Sache noch irgendwie zu reparieren.

David Berger ist für den Journalismus unwiderstehlich. Konservativer, Katholik, Schwulenaktivist. Der Theologe arbeitete in den 2000ern als Wissenschaftler für den Vatikan, wurde dort aber laut eigenen Angaben wegen seines Schwulseins unter Druck gesetzt. 2010 veröffentlichte er „Der heilige Schein“, eine Art Enthüllungsbuch über Machtspiele in der Kirche.

Er wurde Aktivist gegen die homophobe Plattform kreuz.net, in dieser Funktion interviewt ihn auch die taz. Schließlich wurde Berger Chefredakteur des schwulen Magazins Männer. Dort druckte er Ende 2014 das Titelthema „Wie gefährlich ist der Islam für Schwule?“, was viele Leser und vor allem Anzeigenkunden verärgerte.

Mittlerweile sammelt Berger auf einem persönlichen Blog Nachrichten über angeblichen Islam-Terror, erzählt extrem rechten Plattformen wie Epoch Times, dass der UN-Migrationspakt zu „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“ führe und gibt den italienischen Neofaschisten von „CasaPound“ Interviews . Berger liefert Content für eine Blogosphäre, die wahlweise „den Islam“ oder „die Zuwanderung“ als Bedrohung sehen möchte. Den Bereich, in dem man jemand noch mit niedlichen Begriffen wie „unbequem“ oder „debattierfreudig“ bezeichnen kann, hat er also verlassen.

Aber genau in dieser Tonart verläuft das Gespräch im WDR. Berger sei einer, der „munter aneckt“, sagt Interviewer Ulrich Horstmann irgendwann – zunächst aber plaudert er mit Berger über Sexualität und Religion. Wie man das eben macht in einem Talk mit einem Mann mit interessanter Biografie. Und wie man es gerne hätte machen können, mit den vielen anderen queeren Theolog*innen da draußen, die auch interessante Leben leben. Und die nicht nebenbei islamfeindlich hetzen. Pardon: Debatten anregen.

Erst kurz vor Ende kommt noch schnell Bergers Blog zu Sprache. Horstmann fragt, wie genau er recherchiere. „Soweit das bei einem Blog eben möglich ist“, sagt Berger und beteuert, dass er Fehler gleich korrigiere. Einmal habe er eine Geschichte von einem Mann verbreitet, der von Migranten mit Böllern beschossen worden sei. Die habe sich als falsch herausgestellt, also habe er das korrigiert.

Kontroverser Gast, kontroverse Fragen

Intelligente WDR-Hörer*innen müssen am Mittwochabend scharenweise versucht haben, in ihr Radio zu kriechen um die Nachfrage zu stellen, warum in aller Welt es Blogtexte darüber braucht, dass Leute andere Leute mit Böllern beschießen. Interviewer Horstmann ist diese Frage nicht eingefallen.

Dabei ist die Formel so einfach: Je kontroverser der Gast, desto kontroverser muss man journalistisch mit ihm umgehen. Vorbereitet sein, nachhaken, einordnen. Will man unbedingt Kandidaten vom rechten Rand eine Stunde lang Raum geben, dann so, nicht als Plausch. Deshalb war die Vorab-Empörung in den sozialen Medien berechtigt.

Zugutehalten muss man der WDR5-Redaktion, dass sie umgehend auf Hörerkritik reagiert hat. Senderchef Florian Quecke äußerte sich schon am Vormittag vor der Sendung on air und stellte das „Tischgespräch“ vorzeitig ins Netz, damit sich die Hörer*innen „ein eigenes Bild machen“ konnten.

Aber was sollen Hörer*innen damit anfangen, wenn sie erst eine Inhaltswarnung hören (Achtung, jetzt kommt ein umstrittener Rechtspopulist!) und dann folgen 50 Minuten sympathischer Ratsch, der kaum Anhaltspunkte bietet, um sich „ein eigenes Bild“ zu machen. Soll das Publikum des Nebenbei-Mediums Radio schnell selbst googeln, was denn jetzt nun mit dem Herrn Berger los ist?

Andererseits hätte der WDR die Sendung auch nicht so leicht kippen können. Die rechte Blogosphäre hätte das als sicheren Beweis für Zensur gesehen, und Berger vermutlich ein Buch über die einseitigen Medien vorgelegt. Also war Senden und Einordnen in dieser Situation wohl der bestmögliche Umgang – zumal der Talk tatsächlich keine explizite Hetze enthält. Nur ein bisschen mehr Normalisierung des plumpen islam- und zuwanderungsfeindlichen Personals.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, Berger habe zum 70. Jahrestag der Auschwitz-Befreiung einen Holocaust-relativierenden Text verbreitet. Er lässt uns wissen, dass er zu keinem Zeitpunkt jemals einen Holocaust-relativierenden Text verbreitet habe.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de

Ihren Kommentar hier eingeben