Reisebericht Georgien 2010

Zerrissenes Paradies am Schwarzen Meer

Reisebericht von Christian Wahnschaffe über die taz-Reise nach Georgien im September 2010.

Das alte Hammam in Tiflis Bild: Markus Denzer

Tiflis

Nachdem wir von einem Kirchplatz aus einen Überblick über die gesamte Stadt mit dem Fluss, mit alten Schön- und neuen Scheußlichkeiten (z.B.die Glasbrücke zum Amtssitz des Präsidenten) gewonnen haben, sind wirschon mehrmals aus der glühenden Mittagshitze in verschiedene unterirdisch gelegene Räume gestiegen. Da war der Keller einer Bäckerei, in der wir beim Backen der frischen Fladenbrote zusehen konnten. Da waren die Schwefelbäder, die der Stadt ihren Namen gegeben haben und die für vergleichsweise wenig Geld eine Heilbehandlung einschließlich einer von kräftigen Händen verabfolgten Massage bieten.

Jetzt leitet uns die kundige Stadtführerin aus einer Gasse in die äußerlich unscheinbare Synagoge. Welche Überraschung! Nachdem sich die fünf männlichen Teilnehmer der aus insgesamt sieben Personen, zuzüglich Reiseleiterin, bestehenden Gruppe mit einer bereitgehaltenen Kopfbedeckung (Kippa) versehen haben, werden wir von einem Kustos ins Innere des Sakralbaues geführt. In gutem, etwas altertümlich klingenden Deutsch erzählt uns der vielleicht 60Jährige, dass es in Tiflis seit einigen Jahren wieder eine aus etwa 250 Personen bestehende jüdische Gemeinde gibt, und dass die zehn für das traditionelle Tagesgebet, den Minjan, nötigen Männer eigentlich immer zusammen zu bekommen sind. An die Zeit vor der Auflösung der Sowjetunion will er sich nicht erinnern können. Er sei auch nicht von hier. Bevor er uns wieder in den sonnigen Nachmittag entlässt, zeigt er und noch den Gebetsraum der Frauen und eine historische Ausgabe des Pentateuch.

Topografie des Terrors, das kennen wir schon aus Berlin. Dass auch in Tiflis eine solche historische Stadttour für Jugendliche in Vorbereitung ist, zeigen uns Lascha und zwei junge Mitarbeiter am nächsten Morgen. Lascha, Germanist und engagierter Geschichtsforscher führt uns zu großzügigen Stadthäusern, die zur Stalinzeit beschlagnahmt und entweder zu Quartieren bevorzugter Parteikader oder zu Folterkellern (z.T. beides in einem) umfunktioniert wurden. Eines dieser Häuser – heute wieder bewohnt – betritt Lascha selbst nicht, aus Scham oder aus Furcht vor den grausigen Geistern der Vergangenheit.

Markt in Tiflis Bild: Markus Denzer

Später am Vormittag erfahren wir vom Leid der Flüchtlinge, die nach dem Krieg vor zwei Jahren aus Südossetien vertrieben wurden und jetzt in kümmerlichen Häuschen in engen Siedlungen kampieren. Später, in der Nähe von Gori, werden wir eine solche Siedlung sehen. Aber auch die Flüchtlinge aus der Loslösung Abchasiens, Anfang der neunziger Jahre, gibt es noch. Sie sind inzwischen, da im Gegensatz zu denen aus Südossetien eher städtisch orientiert, zwar weitgehend integriert, leiden aber immer noch unter der Trennung von ihrer Heimat.

Das kaukasische Haus ist eine überregionale Bildungseinrichtung. Es residiert in Tiflis in einer geräumigen, von einer holländischen Stiftung renovierten und komfortabel ausgestatteten Villa, auf die inzwischen der Staat sein neidvolles Auge geworfen hat, so dass es nicht sicher ist, ob die Einrichtung diesen Dienstsitz behalten kann. Ausgestattet mit Arbeitsräumen für zahlreiche Mitarbeiter und u.a. einem eigenen Filmstudio kann es rein äußerlich mit vergleichbaren Kulturinstituten in Westeuropa mithalten.

Seine Leiterin, Naira G. empfängt uns mit einer weiteren, wie sie selbst hervorragend deutsch sprechenden Kollegin. Von ihr erfahren wir auch einiges über die Begrenzungen, denen eine solche Einrichtung und ihre Arbeit ausgesetzt ist. So zeigt sie uns ein für tschetschenische Kinder erarbeitetes Märchenbuch, das seine Adressaten unter den gegenwärtigen politischen Verhältnissen (starke Spannungen zwischen Georgien und der ehemaligen Kolonialmacht Russland) bis auf Weiteres wohl nicht erreichen wird. Was hingegen den Absatz der hervorragend aufgemachten Übersetzungen von Rainer Maria Rilke zum Beispiel ins Georgische betrifft, so haben wir nicht näher nachgefragt. Immerhin scheint die städtische Bevölkerung sehr bildungshungrig zu sein. Über einen anderen Aufgabenbereich des kaukasischen Hauses, im Prospekt schlicht mit „education of young people“ und „rural non-farm activities“ bezeichnet, sollen wir später sehr Anschauliches erfahren.

Nach einem meist recht anstrengenden, aber sehr informativen Tagesprogramm winkt jeden Abend eine köstliche Mahlzeit. Unsere treusorgende Begleiterin, ein wenig ironisierend manchmal Santa Barbara genannt, hat schön gelegene, mit guter Küche versehene Lokale ausgesucht. An den ersten beiden Abenden versucht sie, das umfangreiche Angebot vor allem an einheimischen Vorspeisen (z.B. mit Koriander gewürzten sehr groben Spinat und Auberginensalat, aber auch in Fett schmurgelnde Pilze), mit Käse je nach Herkunftsregion gefüllte oder überbackene Brotfladen (Chachapuri), köstlichen Rot- und Weißweinen (es soll in Georgien 500 Rebsorten geben), aber auch einmaligem schwefelhaltigem Mineralwasser (Borjomi), durch geistigen Input zu ergänzen, in dem sie Referentinnen, für die tagsüber nicht genügend Zeit einzuplanen war, zu Tisch bittet.

Dieses Unterfangen erleidet spätestens am zweiten Abend traurigen Schiffbruch. Konnten schon am ersten Abend nur die in unmittelbarer Nachbarschaft des Gastes Sitzenden von dessen Berichten profitieren, stört am zweiten Abend eine kleine, aber lautsprecherverstärkte Musikgruppe immer wieder den Vortrag. Dennoch profitieren die Teilnehmer bei ungeheucheltem Interesse doch einiges von den immer wieder durch Fragen unterbrochenen Vorträgen.

Gori – Kutaissi – Batumi

Auf dem Ausflug in den Westen des Landes und ans Meer begleitet uns Tamuna G, eine sehr herzliche, vielfältig gebildete junge Frau, die für die Soros-Stiftung arbeitet. Sie hat längere Zeit in Deutschland gelebt und beherrscht die Sprache so gut, dass sie auch aus dem Georgischen ins Deutsche übersetzen kann und umgekehrt. Mischa, der Fahrer des klimatisierten Kleinbusses (ca. 15 Plätze) sorgt für eine angenehme, störungsfreie Fahrt und verstaut jeden Morgen das Gepäck. Er wird für die weitere Reise zu einem Garanten für Zuverlässigkeit, Hilfsbereitschaft und Ausdauer.

Nach einer Unterbrechung in Sweti Zchoweli, einer Wehrkirchenanlage, ursprünglich aus dem 5.Jahrhundert, später nach verschiedenen Zerstörungen immer wieder aufgebaut, auf einem Hügel mit herrlicher Rundumsicht gelegen, erreichen wir die mittelgeorgische Stadt Gori, eine Zeitlang auch die Hauptstadt des Landes, nur wenige Kilometer von der seit zwei Jahren geschlossenen Grenze zu Südossetien.

In Gori besuchen wir ein ganz besonderes „Heiligtum“: das Stalin-Museum. Vor einigen Wochen ist das letzte große Stalin-Denkmal von seinem Sockel geholt worden. Jetzt gibt es Überlegungen, es beim Museum wieder zu errichten. Allerdings würde es dann das gleich nebenan stehende Geburtshaus des aus Georgien stammenden Diktators verdecken. Im pompös klassizistisch ausgestatteten Museum bemüht sich die Museumsführerin, uns ein distanziertes Bild von Leben und Wirken ihres „Arbeitgebers“ zu vermitteln.- Außerhalb des Museums Stalins Luxusreisebahnwagen, den er vor allem auch deshalb benutzte, weil er Angst hatte, beim Fliegen einem Attentat zum Opfer zu fallen.

Was für ein Kontrast! Eben haben wir noch in einem lauschigen Gartenlokal ausgiebig zu Mittag gegessen (die alte Frau, die in einem Nebengebäude über offenen Holzfeuer Fladenbrot gebacken hat, könnte direkt aus einem bekannten Märchen der Brüder Grimm entlehnt sein), da finden wir uns in dem winzigen Redaktionszimmer einer der wenigen regimeunabhängigen Zeitungen außerhalb der Hauptstadt wieder.

Der Chefredakteur des auf eine Auflage von tausend verkauften Exemplaren kommenden Blattes (Ministerien und Regierungsorganisationen dürfen die Zeitung ebenso wenig abonnieren wie Schulen und andere Bildungsträger) erläutert uns die extrem schwierige Lage seiner Zeitung und eines unabhängigen Journalismus in Georgien überhaupt. Er selbst war schon verhaftet. Dennoch machen er und seine MitarbeiterInnen weiter, meistens ohne Honorar, weil dafür auch die geringe aus dem Ausland kommende Unterstützung und der Verkaufserlös nicht reichen. Hier gäbe es eine hervorragende Möglichkeit für taz-LeserInnen, die etwas Geld übrig haben, sich zu engagieren! Als Abschiedsgeschenk gibt er uns eine Tüte grüner und blauer Trauben aus der Region.

Kutaisi Bild: Archiv

Kutaissi, die zweitgrößte Stadt Georgiens, erreichen wir erst nach Einbruch der Dunkelheit. Vorher haben wir uns – teilweise im Schneckentempo – auf der einzigen vom gesamten Fernverkehr zwischen Georgien, Aserbeidschan und der Türkei benutzten Fernstraßenverbindung vorwärts bewegt. Auf der kurvenreichen Passtraße über das adscharo-imeretische Gebirge, das zugleich die Wasserscheide zwischen Kaspischem und Schwarzen Meer bildet, ging es merkwürdigerweise flotter. In der Nähe der Passhöhe werden zu beiden Seiten der Straße Ton- und Korbwaren und andere Touristenartikel angeboten. An einem dieser Verkaufsplätze war der Chronist gezwungen, zum Preise von 20 Tetri (ca. 10 Cent) die Toilette zu benutzen, eine interessante Erfahrung, die er allerdings nicht unbedingt wiederholen möchte.

Die Nacht in Kutaissi verbringen wir in einer Familienpension hoch über der Stadt mit herrlicher Aussicht (unsere österreichische Teilnehmerin kann sogar den Blick auf ein an den Wie ner Prater erinnerndes Riesenrad genießen!). Nach dem Abendessen führt die neunjährige Enkelin der Pensionsbetreiberin gekonnt und mit schon fast professionellem Charme vor, was sie im Balletunterricht gelernt hat. Auch die Großmutter ist stolz auf den Beifall, den das Mädchen erntet.

Für einige Reiseteilnehmer wird diese Nacht lang: Vom Vater der Tänzerin erfahren wir, dass er, um die Einnahmen der Familie aufzubessern und weitere Renovierungen an der Pension vornehmen zu können, regelmäßig für mehrere Monate nach Portugal zum Arbeiten fährt, Frau und Tochter also oft über längere Zeit allein bzw. bei den Großeltern lassen muss. Im weiteren Verlauf der Nacht übersetzt die offensichtlich recht trinkfeste taz-Redakteurin unermüdlich ein Gespräch, in dem es u.a. um die Fragen geht, ob wir uns vorstellen können, in Georgien zu leben, auf welche persönlichen oder verwandtschaftlichen Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus und dem Kommunismus wir uns besinnen können. Unentschieden bleibt der Dissens darüber, ob Hitler und Stalin, wenn auch schreckliche, aber auf ihre Art auch Genies waren.

Straßenszene in Tiflis Bild: Markus Denzer

Der folgende Vormittag bringt eine Stadtführung durch einen Journalisten, der zwischendurch immer wieder auf einem der beiden Handys, die er in Händen hat, angerufen wird. Immerhin gibt er uns einen kurzen Überblick über Geschichte und Gegenwart der Stadt und zeigt uns zum Schluss das Gymnasium (mit eindrucksvoller Aula), auf das nicht nur er selbst gegangen ist sondern auch der bedeutende russische Dichter (später auch Satiriker) Wladimir Majakowskij, Nach einer Verschnaufpause setzen wir unsere Reise in Richtung Batumi fort.

Batumi ist eine freundliche Hafenstadt am Schwarzen Meer, in der sowohl Schiffe für den Personenverkehr, vor allem aber Frachter an- und ablegen, die das über die Landstraße oder auf dem Schienenweg angelieferte Öl und andere Produkte weiter befördern. Bis zum Ende der Sowjetunion verlief wenige Kilometer weiter südlich die nur schwer – allenfalls auf Schleichwegen durchs Gebirge zu überwindende – Grenze zwischen den damals noch vorhandenen Blöcken. Heute ist diese Grenze nach Norden verschoben, besteht doch zwischen dem Anfang der neunziger Jahre abgetrennten, unter russischem Einfluss stehenden Landesteil Abchasien und den Rest von Georgien so gut wie keine Verbindung mehr.

Kachetien

Wenige Kilometer vor Telawi, der Hauptstadt der Weinbauprovinz Kachetien (leider waren wir für die dort im Herbst stattfindenden Weinfeste ein paar Wochen zu früh dran) gibt es ein in einer gepflegten Parklandschaft gelegenes Schloss. Der Eintritt gestaltete sich wegen Überforderung der Kassiererin etwas schwierig. Wir mussten, um das Schloss besichtigen zu können, schließlich Eintrittskarten mit einem Gutschein für ein Glas Wein nehmen. Der Schlossführerin, die uns durch einen kleinen Teil des im Biedermeierstil eingerichteten Hauses führte, machte unsere Reisebegleiterin Naira G. (Leiterin des kaukasischen Hauses in Tiflis) Konkurrenz, in dem sie mit eigenen Beiträgen in die Führung eingriff. Eine prächtige, in recht gutem Zustand befindliche Anlage, zu der auch ein gewaltiger Weinkeller gehört, dessen Weine allerdings wegen Überalterung untrinkbar sein dürften. An dem Park, der immer noch sehenswert ist, hat leider der vorbeifließende Fluss gefressen, der sich bei unserem Besuch als harmloses Rinnsal ausgab.

Später, nach dem nunmehr schon zur Gewohnheit gewordenen reichlichen Abendessen sprechen uns in der Bar unseres Hotels zwei junge Frauen an, die in Deutschland als Au pair gearbeitet hatten und sich freuten, wieder einmal Deutsch zu hören und zu sprechen. Sie berichteten von der Schwierigkeit, in Georgien, außerhalb des wohnungsmäßig teuren Tiflis, einen Arbeitsplatz zu finden, von ihrer Lebenssituation in Ehe und Familie und einer gewissen Perspektivlosigkeit, was die individuelle Zukunft betrifft. Der Ehemann einer der beiden Frauen arbeitet außerhalb in der landwirtschaftlichen Produktion und kann seine bei den Schwiegereltern lebende Frau und Tochter nur am Wochenende sehen.

Tiflis Bild: Markus Denzer

Am letzten Vormittag unserer Reise ist der Himmel bedeckt, später wird es regnen. Unbekümmert um die in ihrem Heimatdorf seit Stunden auf uns wartenden, extra aus den Ferien gekommenen Schüler zeigt uns Naira ein touristisch aufgepäppeltes historisches Städtchen mit Wallanlage, tollem Ausblick und einem Museum sowie die Geburtskapelle einer einheimischen Heiligen. Schließlich, gegen Mittag, kommen wir in Nairas Dorf an, wo uns die Mädchen und Jungen, die inzwischen schon mal die warmen Kostüme wieder ausgezogen hatten, ihre feurigen und wilden, aber auch ihre sanften und zarten Tänze und Lieder vorführen. Mir ist es ein wenig peinlich, dass wir als deutsche Delegation begrüßt werden. Die Arbeit der Schule und des Dorfes stellt zweifellos einen bedeutenden kulturellen und Erziehungseinsatz dar. Ein Mittagessen mit einigen Lehrern in Nairas Garten bildet den Abschluss unseres Besuches, bevor wir wieder nach Tiflis fahren.

Ich bedanke mich bei allen Mitreisenden für das gute, doch recht harmonische Zusammensein und natürlich besonders bei Barbara für ihre engagierte und fürsorgliche Reiseleitung, ebenso bei allen georgischen Helfern und GesprächspartnerInnen, welche diese zu einem großen Erlebnis haben werden lassen.

Christian Wahnschaffe, Teilnehmer der taz-Reise nach Georgien im September 2010

Hinweis: der Ablauf dieser taz-Reise wurde ab 2011 umgestellt: die Fahrt nach Batumi entfällt, dafür geht es drei Tage nach Armenien, der Rückflug erfolgt von Jerevan aus.