Reisebericht Georgien-Armenien 2013

Kirchen, Wein und gutes Essen

Klaus Thiele war im August 2013 Teilnehmer der taz-Reise nach Georgien und Armenien.

Panorama von Tbilissi Bild: Christian Meier

Steckbrief Georgien und Armenien:

● Beide Länder liegen südlich vom Großen Kaukasus, der sie vor den kalten russischen Nordwinden schützt;

● beide haben Ärger mit ihren Nachbarn:  die Georgier mit den Russen wegen des Streites um Südossetien, die Armenier mit den Türken wegen des Genozids von 1915 und mit den Aseris (Aserbeidschanern) wegen der Besetzung von Berg Karabach - die entsprechenden Grenzen sind nicht geöffnet;

Graffiti in Georgien Bild: Ruth Aping

● beide haben ein politisches System, in dem der Präsident mehr Macht hat als Parlament und Regierung zusammen;

● in beiden Ländern können menschliche Besiedlungen bis in die Altsteinzeit nachgewiesen werden;

● beide Länder haben seit mehr als 1500 Jahren eine christliche Kultur, die alle Eroberungen durch Mongolen, Iraner, Osmanen und Russen ausgehalten hat - sie haben damit die dauerhafteste christliche Tradition weltweit;

Kirche in Georgien Bild: Christian Meier

● beide Länder haben sich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion für eigenständig erklärt;

● die Menschen in beiden Ländern sehen sich als Kaukasier, die einer eigenen Sprach- und Kulturgemeinschaft angehören - aber es gibt über 20 verschiedene Sprachgemeinschaften allein Georgien;

● durch beide Länder führte einst eine Route der Seidenstraße zwischen dem Schwarzen und dem Kaspischen Meer.

● Beide Länder haben eine eigene Sprache und eine eigene Schrift - aber die Menschen in beiden Ländern wollen am Weltgeschehen teilhaben und daher kommt man mit Englisch ganz gut zurecht.

Unsere Reise im August 2013- erste Eindrücke

In der Nacht vom 24. auf den 25. August 2013 hat in Georgien ein Gewitter unter uns den Wolkenteppich immer wieder hell erleuchtet. Trotzdem sind wir gut in Tbilissi (Tiflis) gelandet. 

Erste Überraschung für mich: die Stadt war hell erleuchtet in freundlich gelben Licht.

Rathaus in Tbilissi - nachts erleuchtet Bild: Christian Meier

Die zweite Überraschung: Tbilissi ist eine moderne Millionenstadt mit einem baulichen Flair, das sich aus alt und modern mischt, so mein Eindruck schon bei der Fahrt vom Flughafen zum Hotel.

Die dritte Überraschung war das Hotel im Zentrum der Altstadt: ein moderner, großzügiger Marmorbau, als Appartementhotel ausgestattet: mit Küchenzeile, inklusive Spülmaschine und Mikrowelle. Den Frühstücksraum erreicht man über eine breite Treppe im Souterrain. Das Frühstück - in Georgien wie in Armenien - ist sehr reichhaltig: frisches Obst, Tomaten, Gurken, Paprika usw., Wurst, Käse, Rührei mit Würstchen, verschiedene weiße Brotsorten usw. Es war immer eine Freude zu frühstücken.

Die vierte Überraschung war: es gibt in Tbilissi viele neue, sehr teure PKW, die überwiegend aus West-Europa stammen. In Armenien werden eher Autos aus Russland gefahren: Wolga, Schiguli und Lada - und nicht nur die neuesten Modelle. Die Fahrweise in beiden Ländern ist zügig, das gilt für alle Fahrzeuge und die Hupe ist wichtiger als der Blinker. Aber Unfälle haben wir nur einen gesehen - und das Opfer war eine Kuh, die eine Landstraße unvorsichtig überquert hat. In Armenien hat unser Busfahrer in der Abenddämmerung einmal scharf gebremst, um einem Schwein die Überquerung zu ermöglichen. Als Fußgänger wird man respektiert - allerdings wird an Zebrastreifen nicht unbedingt angehalten.

Da es im August nachts recht warm ist, pulsiert das Leben - in beiden Ländern - auf Gehwegen, Plätzen, vor Lokalen und in offenen Innenhöfen ab. Die Stimmung ist mediterran.

In der Altstadt von Tbilissi Bild: Ruth Aping

Tbilissi/Tiflis

Eine Wanderung durch die Altstadt von Tbilissi ist ein Genuss für die Augen: es sind die dekorativen Balkone und Plastiken, die entweder an historische Größen erinnern (z. B. Puschkin, der auf seiner Reise in die Türkei nach der Überquerung des Kaukasus in Tbilissi Quartier bezogen hat) oder aber auch das tägliche Leben vor langer Zeit, wie der Lampenanzünder oder jene Tanzgruppe, aus der dörflichen Kultur oder auch der Engel, der am Turm des Marionettentheaters die Stunden schlägt.

Beeindruckend sind in Tbilissi die krassen Wechsel zwischen alt und neu, die dieser Stadt eine sehr eigene Dynamik geben.

Tbilissi heißt übrigens „warme Quellen“. Eine Attraktion der Stadt sind kohlesaure Schwefelquellen mit Temperaturen zwischen 37° und 47°, die noch heute für Bäder („banja“) genutzt werden.

Schwefelbäder in Tbilissi Bild: Ruth Aping

Christliche Traditionen - Kirchen und Klöster

Was wären Georgien und Armenien ohne Kirchen? Die christliche Tradition ist - wie gesagt - sehr alt; die Kirchenbauten wurden bisweilen von den Eroberern zerstört - oder anders genutzt, wie von 1921 bis 1990, in der Sowjetzeit. Aber kaum „war der jeweilige Spuk“ vorbei, entstanden die Kirchenbauten neu. Den Gottesdienst gliedern in beiden Ländern Gesang und Gebete, es wird wenig gepredigt, die Menschen sitzen nicht beim Gottesdienst - sie stehen/wandeln und beten.

Die Kirchbauten haben viereckige Grundrisse, der Turm steht mittig über dem Kirchenraum und sie haben nur kleine helltönende Glocken, die entsprechend schnell geschlagen werden. Es klingt immer sehr aufgeregt, wenn die Kirchenglocken ertönen

Auf dem folgenden Bild sieht man das Gelati-Kloster. Es diente im Mittelalter nicht nur als Sakralraum, es war auch eine Universität, in der Rhetorik, Grammatik, Dialektik, Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik unterrichtet wurden - die Wissenschaften, die zur göttlichen Weltordnung im Mittelalter gehört haben, auch im katholischen Westen. Wegen seiner Besonderheit ist dieses Kloster von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt worden. In Georgien gibt es viele Kirchen und Klöster die zum Weltkulturerbe gehören.

Kloster Gelati/Georgien Bild: Ruth Aping

Zwar unterscheiden sich die armenische und die georgische Kirchen darin, dass für sie Gott, Christus und Heiliger Geist eine Einheit (armenische Kirche) oder eine Dreiheit (georgische Kirche) bilden - aber Rituale und Ausgestaltung der Kirchen sind ähnlich. Allerdings lässt die armenische Architektur - auch der Kirchenbau - erkennen, dass Armenien vor langer Zeit in engem kulturellen Austausch mit Persien und Arabien gestanden hat. Es gab einmal ein armenisches Reich, das an den Libanon grenzte.

Hinzu kommt, dass es in und um armenische Kirchen die „Kreuzsteine“ gibt, die folgende theologische Bedeutung haben: „Das Kreuz ist nach armenischer Auffassung nicht nur ein Todessymbol, sondern stellt zugleich einen Lebensbaum dar. Es steht also für Tod und Auferstehung Christi.“ (J. Meinert)

Kirche am Sewan-See/Armenien Bild: Ruth Aping

Ihre Ausgestaltung mit arabesken Mustern zeigt zudem, dass es sich hierbei nicht nur um religiöse Aussagen handelt, sondern auch um eine Gestaltung, wie sie in der kulturellen Umgebung üblich war - eben arabesk.

Jerewan

Rundbögen und Säulenarkaden beherrschen das klassische wie das moderne Stadtbild von Jerewan, Armeniens Hauptstadt. Die warmen Töne der Fassaden stammen dabei von den Baumaterialien, vulkanischem Tuffgestein, die Armeniens Geologie bestimmen.

Regierungsgebäude in Jerewan Bild: Ruth Aping

Übrigens, der größte ruhende Vulkan in der Nähe von Jerewan, ist der Ararat, den man bei gutem Wetter auch sehen kann. Da er mit Noah verbunden wird, hätte die Armenische Kirche diesen Berg gerne auf armenischem Staatsgebiet. Und der armenische Staat hat auch deshalb Streit mit der Türkei, weil die türkische Gesellschaft dieses Ansinnen generell ablehnt.

Reise in die Zivilgesellschaft

Unsere Reise stand unter dem Thema: „Reise in die Zivilgesellschaft“, also zu Menschen, die sich selbst kümmern. Einige seien hier vorgestellt.

Da ist zunächst einmal Naira Gelaschwili in Tbilissi, die das „georgische Zentrum für kulturelle Beziehungen“ leitet, ausgehend von der Erkenntnis, dass die Kaukasier (Georgier, Osseten, Tschetschenen, Armenier, Aseris usw.) trotz aller Konflikte eine gemeinsame Kultur haben, die es zu schützen und zu entwickeln gilt.

Naira Gelaschwili im Kaukasischen Haus/Tbilissi Bild: Ruth Aping

Ein zentraler Aspekt ihrer Arbeit lautet daher Herstellung von Gerechtigkeit. Dafür zwei Beispiele:

● sie hat den Koran ins Georgische übersetzen lassen, damit die georgischen Muslime den Koran in ihrer Sprache lesen und verstehen können;

● alle Kinder, auch Waisenkinder, haben ein Recht auf Schulbildung, also hat sie eine Schule v.a. für Waisenkinder organisiert, in der Kreativität und das Lernen von Selbstständigkeit wichtige Bildungsziele sind, um sie eigenständige Menschen werden zu lassen.

Darüber hinaus ist sie als Journalistin für deutsche Zeitungen tätig und übersetzt mit anderen zusammen klassische deutsche Literatur ins Georgische, um den Weg nach Westen zu festigen. Rilkes „Duineser Elegien“ sind gerade mit Zeichnungen von Lulu Dadiani erschienen.

Lulu Dadiani hat uns in ihrem Atelier, hoch über den Dächern von Tbilissi, auch empfangen.

In Gori, 80 km westlich von Tbilissi, haben wir Herrn Rezo Okruaschwili getroffen, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Fälle von Korruption, d.h. der Vorteilsnahme von Politikern, aufzudecken und zu veröffentlichen. Seine Zeitung lebt mager von Abonnenten und er hat auch schon wegen seiner Arbeit im Gefängnis gesessen. Dass er unschuldig in Haft genommen wurde, hat ihm das oberste Gericht in Georgien schließlich bestätigt, eine Entschädigung hat er bisher nicht bekommen. Er ist übrigens derjenige gewesen, der während der russischen Belagerung von Gori im Ossetienkrieg 2008, als kein Journalist in die Stadt durfte, die Weltöffentlichkeit per Handy über die Geschehnisse vor Ort informiert hat.

Stalin in Gori

In Gori hatten wir aber auch ein Erlebnis der etwas anderen Art. Hier gibt es für Josef Stalin, der hier geboren wurde, ein Museum rund um seine Person und sein Geburtshaus. Die Frau, die uns durch das Museum geführt hat, wies nur mit einem Nebensatz auf Stalins Verbrechen hin, nicht aber darauf, dass es im Keller einen Raum gibt, der sich damit befasst. Auf dem Museumsgelände ist der Eisenbahnwaggon ausgestellt, den Stalin benutzt hat - und vor ihm posierte eine Touristengruppe aus China. Personenkult mit Souvenirladen. Sogar eine Straße ist noch nach ihm benannt. Das große Stalin-Denkmal vor dem Rathaus von Gori wurde 2010 entfernt und eingelagert, nicht vernichtet.

Stalin-Museum in Gori Bild: Ruth Aping

Während Herr Okruaschwili sich darum bemüht, die Sowjetzeit aufzuarbeiten, haben wir aber auch eine Stimme gehört, die deutlich gesagt hat, dass in der Sowjetzeit jeder eine Arbeit und sein Auskommen hatte - und heute, in der Nachsowjetzeit, Rentner mit umgerechnet 65 € im Monat auskommen müssen, wenn sie keine familiäre Unterstützung bekommen. 

Stichwort Familie: in Kutaisi, mit 200.000 Einwohner die zweitgrößte Stadt Georgiens und in der Antike als Hauptstadt der Region Kolchis (Medea, Jason, goldenes Vlies - Tragödie des Euripides) haben wir in einer Familienpension übernachtet und wurden bei unserer Ankunft schon mit gedecktem Tisch erwartet.

Von meinem Schlafzimmerbalkon aus hatte ich einen Blick auf jenen Fluss, auf dem einst Jason vom Schwarzen Meer gekommen war und später im Zuge der Seidenstraße Waren transportiert worden sind von West nach Ost und von Ost nach West, Kolchis, Georgien und Armenien als Transitländer.

In der Nähe von Gori liegt oberhalb des Flusses Kura, der aus der Türkei kommend ins Kaspische Meer fließt die Berg-/Höhlenfestung Uplisziche. Seit mehr als 3000 Jahren hat man von hier aus den Handelsweg aus der Türkei zum Kaspischen Meer kontrolliert. Vielleicht hat ja Marco Polo auf einer seiner Reisen hier gespeist und übernachtet.

Höhlenkloster Uplisziche/Georgien Bild: Ruth Aping

Die kaukasische Küche

Die kaukasische Küche ist sehr vielfältig und abwechslungsreich - und doch gibt es einiges, was immer wiederkehrt. Zu Beginn jeder Mahlzeit werden Schalen mit Tomaten und Gurken gereicht, bisweilen mit gemahlenen Walnüssen und gehackten Kräutern (Petersilie, Dill und Koriander) vermischt und mit etwas Zitrone angereichert.  Apropos Walnüsse: In Armenien und Georgien wachsen überall Walnussbäume, sogar auf den Seitenstreifen der Autobahnen. Geriebene oder ganze Walnüsse werden bei der Zubereitung vieler Gerichte verwendet, Walnussöl aber ist gänzlich unbekannt.

Armenischer Imbiss in Etschmiadsin Bild: Ruth Aping

Neben den Schalen mit Gurken und Tomaten werden zu Beginn einer Mahlzeit verschiedenartige Salate gereicht: fein geraspelt aus Möhren, Gurken, Paprika und Kohl - mit Hühnerfleisch und gerösteten Walnüssen - fein pürierter Spinat mit einer Käsemischung usw. usw. Dazu wird natürlich Brot (doch dazu später mehr) gegessen. Gebratene Auberginen und Paprika in Walnussmehl getaucht, lecker!!!

Dann gibt es häufig Chatschapuri, ein pizzaähnlicher Teig mit Käse überbacken¸ oder auch Chinkali, gefüllte Teigtaschen, die wie kleine Säckchen aussehen. Fleisch oder Fisch kommen gedünstet / gebraten auf den Tisch, dazu gibt es häufig eine säuerliche leicht scharfe Soße aus grünen Mirabellen. In Armenien ist an dieser Stelle Schaschlik sehr beliebt (Lamm, Rind, Schwein, Fisch, Gemüse - das Marinieren ist hierbei sehr wichtig). Bisweilen gibt es als Fleischgang eine leckere Suppe aus Huhn, Zitrone, Joghurt und Walnüssen. Zum Abschluss wird Obst gereicht: Aprikosen, Birnen, Trauben, Melonen, Äpfel.

Beerenverkauf Bild: Ruth Aping

Man trinkt zum Essen: Mineralwasser (berühmt ist das „Borshomi“ aus dem gleichnamitgen georgischen Kurort ), Wein aus Kachetien (im Osten von Georgien), Bier. Wenn dann der Kaffee serviert ist, gibt es zur Abrundung georgischen / armenischen Cognac.

Übrigens die Zubereitung von Kaffee ist in beiden Ländern unterschiedlich: in Georgien gibt es die westlichen Varianten vom „amerikanischen“ (Filter-) Kaffee, über Espresso bis Cappuccino. In Armenien gibt es eine Variante der arabisch-türkischen Machart: Kaffeemehl wird mit Wasser aufgekocht und dann in einer Kanne gereicht.

Zum Brot kann noch etwas vermerkt werden. Während in Georgien nur Weißbrot, häufig als Kastenbrot gebacken, auf den Tisch kommt, isst man in Armenien zum Frühstück auch dunkles Brot. Zur Hauptmahlzeit wird Weißbrot gereicht und ein Fladenbrot.

Familienbäckerei in Etschmiadsin/Armenien Bild: Ruth Aping

In der Nähe von Jerewan konnt wir in einer Familienbäckerei zusehen, wie das Fladenbrot gebacken wird.  Am Tag werden in dieser Bäckerei etwa 1000 Fladen hergestellt und das an jedem Tag. Sie werden entweder direkt an die Laufkundschaft verkauft, oder sie gehen, wie uns Tigran, der uns in Jerewan begleitet hat, erklärte, an Kaufhäuser. In Jerewan gibt es viele solcher Kleinbäckereien. Als Gäste aus dem fernen Deutschland hatte man noch einen kleinen Mittagsimbiss für uns vorbereitet.