Reisebericht Irland Ostern 2010

In Irland mit der taz

Gisela Graf war Teilnehmerin der ersten Irland-Reise ausschließlich mit taz-Genossenschaftern im April 2010.

Reiseleiter Ecki Ladner erläutert die Skulpturen auf einem Hochkreuz Bild: Almut Kückelhaus

Guinness

Schon die Ausschreibung der Reise deutete darauf hin, dass _trinkfreudige Menschen_ in Irland erwartet wurden. Für den Anreisetag kam der Hinweis, dass die Pubs wegen des Karfreitags geschlossen seien. Achtung, Entzug! Dass man an dem Abend trotzdem Alkohol zu sich nehmen konnte, entnahm man dem aktuellen Reiseprogramm: „Gespräch im Lehrergewerkschaftsclub (mit Bar)“. Samstag hieß es: „Abendessen im Hotel, danach Pubbesuch bzw. Abbey Theatre / Literary Pub Crawl“. Für Ostersonntag fehlt ein Hinweis auf Kneipenbesuch (!). Montag: „Besuch des Pubs O’Connor’s mit irischer Musik“. Dienstag 18 Uhr: „Zeit für letzte Einkäufe, für ein Bier oder zum Ausruhen“. Dienstag 21 Uhr 30: „Letzter Pubbesuch“.

Guinness war tatsächlich das beliebteste Getränk unserer Reisegruppe, wenngleich die Berichterstatterin das kohlensäurearme Dunkelbier sowie auch andere örtliche Brauereiprodukte schal und wenig wohlschmeckend fand. Im Gegensatz zum Cider (Apfelwein)!

Der alkoholfreie Karfreitag wurde übrigens auch in Irland heiß diskutiert; fand doch an ebenjenem Abend ein wichtiges Spiel statt, Rugby war es wohl. Der Austragungsort der sportlichen Begegnung, Limerick, konnte immerhin eine Ausnahmegenehmigung erwirken. Ein Vertreter der Weinhändler-Vereinigung begrüßte diese Entscheidung mit folgenden denkwürdigen Worten: „It should be a great day and we hope that all enjoy themselves. We want everyone to engage in responsible drinking in the spirit of the day.“Dem ist nichts hinzuzufügen.

In Dublin gibt es auch etwas anderes als Pubs. Bild: Frank Seidel

Keltisches

Irisch ist neben Englisch offizielle Sprache in Irland, was durch die vielen zweisprachigen Schilder überall sofort ins Auge fällt. Nicht dass ein jeder diese Sprache beherrschen würde; aber immerhin bekennt Irland sich zu seinen keltischen Wurzeln. Die Sprache ist Abiturfach, und auch Zeitungen pflegen ihre irischsprachige Seite.

Beeindruckend ist die Klosteranlage Clonmacnoise im Herzen Irlands. Rundtürme, Kirchen, Hochkreuze-die Anlage über dem Shannon-Fluss strahlt etwas Magisches und Erhabenes aus. Schutzlos, ohne Mauern oder Trutzburg stehen die Bauten in der weiten Landschaft. Fluchtpunkt bei den häufigen Angriffen durch nicht eingeladene Personen war einzig der wie ein dicker Schornstein anmutende Rundturm, dessen Eingang sich in ca. 4 Meter Höhe befand; die Leiter wurde dann eingezogen.

Sogar eine Sheela-na-gig kann man in Clonmacnoise – winzig klein, versteckt – an einem Portal entdecken. Eine Sheela ist eine nackte Frauenfigur, die mit weit offener Scheide posiert. Auch im National Museum ist eine Sheela-Statue ausgestellt. Das Gesicht in dem alienhaften Kopf ist weitgehend zerstört, nur furchterregend gebleckte Zähne sieht man. Die alte Frau, deren Rippen man zählen kann, hockt breitbeinig da und greift sich mit beiden Händen an und in die Scheide, um diese geöffnet herzuzeigen.

Klosteranlage Clonmacnoise Bild: Archiv

Über Sinn und Bedeutung der Sheelas gibt es viele Theorien; interessant ist jedenfalls, dass sie – als definitiv nichtchristliche Erscheinungen in ihrem sexuell provozierenden Auftreten – oft an Kirchen zu sehen sind.

Aus vorchristlicher Zeit stammen die Dolmen, umgangssprachlich Hünengräber. Das imposante Exemplar, das wir besichtigten, der Poulnabrone Dolmen, war museumsmäßig mit Absperrkordeln umkränzt, zusätzlich patrouillierte ein Wächter mit orangener Weste. Aus gutem Grund: andernorts hatten Schülerhorden es geschafft, eine ähnliche Steinkonstruktion zu zerlegen.

Ein weiteres, weniger spektakuläres Überbleibsel der Kelten sahen wir auch: ein _Rundfort_. Das ist ein Erdwall, in dessen Mitte die Kelten ihre Behausungen hatten (letztere musste man sich dazudenken).

Der Poulnabrone Dolmen stammt aus der Jungsteinzeit. Bild: Almut Kückelhaus

Land und Leute

Ein kurzes, grell-durchdringendes zirpendes Schnarren oder schnarrendes Zirpen: das ist der Signalton einer irischen _Ampel_, der Fußgängern das Überqueren gestattet; auf das Schnarren folgt ein eiliges dunkles Tacktacktack. Aber wer wartet schon auf Grün? Wer einmal gesehen hat, wie sich die Straßenbahn an die O’Connell Street, das Herz Dublins, herantastet, obwohl sie Grün hat! – denn die Fußgänger betreten unverdrossen die Fahrbahn, ein nicht endender Strom von Menschen bei Rot, bei Grün, bei Rot - - -die Straßenbahn also fährt langsam, sehr langsam auf die Ampel zu, verzweifelt bimmelnd... und ja, sie schafft es, die Menge zu teilen und ohne Verletzte – Glückwunsch!

Dublin, eine sympathische Hauptstadt mit einem überschaubaren Zentrum. Mir persönlich haben die Denkmäler gut gefallen, die nicht so Nullachtfuffzehn sind. Auf der O’Connell Street, direkt neben der geschichtlich bedeutenden Hauptpost, von den Iren liebevoll GPO genannt (General Post Office), steht ein gewisser Jim Larkin auf einer Säule, beide Arme hat der Arbeiterführer weit ausgebreitet, er macht einen fröhlichen Eindruck. Das macht gute Laune!

Am Trinity College haben wir sitzende Lesende, die Lust machen auf eigene Lektüre; und dann ist da noch James Joyce, der lässig auf seinen Spazierstock gestützt wahrscheinlich über den nächsten Kneipenbesuch sinniert. Oscar Wilde ist sogar in Farbe! Er lümmelt sich auf einen Felsen im Park und würdigt die ihm gegenüber postierte nackte Schwangere keines Blickes – warum auch, er war schließlich schwul. Wie wir bei der sehr unterhaltsamen literarischen Kneipentour lernten, hatte Wilde auf einer Amerika-Reise Arbeiter mit Vorträgen über Kunst und Ästhetik gelangweilt. Diese wollten ihn darauf zur Strafe betrunken machen; allein, er soff sie unter den Tisch.

Dublin O'Connel-Brücke Bild: Almut Kückelhaus

Literaten hat Irland wahrlich genug hervorgebracht, sogar vier Nobelpreisträger. Alkoholiker auch. Brendan Behan etwa nannte sich selbst „a drinker with a writing problem“.

Bed & Breakfast an der Westküste. Der Toast ist verbrannt, der Rauchmelder heult seinen Sirenenton ins Frühstückszimmer. Würstchen, Spiegelei und Schinkenspeck gibt es zum _Irischen Frühstück_, dazu gebratene Blutwurst und dito Leberwurst, sodann wahlweise Pilze und gebratene Tomate oder weiße Dosenbohnen in künstlicher roter Soße („baked beans“). Guten Appetit! Ein solch gehaltvolles, von Cholesterin nur so berstendes Frühstück essen die Iren selber aber auch nicht alle Tage. Zudem man auch Käse bekommen kann oder Rührei, wenn man das Fleischige nicht mag. Oder Müsli.

Gediegen, wenngleich unnötig üppig, waren auch die dreigängigen Abendessen, und zum Mittagessen führten uns Ralf und Eckhard immer an Orte, wo man gemütlich, gut und preiswert essen konnte: sei es die Cafeteria des National Museum, das Restaurant der Whiskey-Kooperative oder das Café der Burren-Initiative. Wobei die Krönung des Ganzen das überaus köstliche _Mittagessen bei Ralf_ zu Hause darstellte – danke, Ralf, und danke, Áine!

Der Burren, „Land aus Stein“, ist der Teil Westirlands, wo Ralf Sotscheck seine zweite Heimat gefunden hat. Unweit von Galway und den berühmten Moher-Klippen, die wir natürlich auch gesehen haben, befindet sich das Küstenörtchen Fanore, das mit viel steinerner Gegend aufwarten kann. Kühe gehen gemächlich und trittsicher über die flachen grauen Steine oder auch die Straße und finden auch ein wenig Grünzeug zum Futtern.

Burren-Landschaft Bild: Sabine Wolf und Fank Arnold

Unsere Reiseleiter

Wir vierzehn Teilnehmer und –rinnen (dreizehn Leute und Anita Knierim von der taz-Genossenschaft) wurden schon im Vorfeld der Reise mit ausgewählten, liebevoll zusammengestellten Materialien bedacht: allerlei über Dublin und den Burren, diverse Artikel von _Ralf Sotscheck_, dem weltberühmten Irland- und Großbritannien-Korrespondenten der taz und beliebten Autor der „Wahrheit“, und sogar die neuste Auflage von Ralfs „Gebrauchsanweisung für Irland“. Zweiter Reiseleiter und Busfahrer in Personalunion war _Eckhard Ladner_ vom Irlandzentrum EBZ. Eckhard und Ralf informierten und bildeten uns aufs Feinste, auch Döntjes hatten ihren Platz. So zeigte uns Ralf die Kneipe, in der er vor 35 Jahren seine Áine (sprich: Oinjä) kennengelernt hat, und erzählte Geschichten aus dem Leben seiner irischen Schwiegereltern. Vielen Dank für eure 1a Reiseleitung, Ralf und Eckhard!

Politische Bildung

Neben dem klassischen Touri-Programm bekamen wir aber auch, wie bei taz-Reisen üblich, Gelegenheit, engagierte Menschen aus den verschiedensten Bereichen kennenzulernen. Um es kurz zu machen: Joan Collins war nicht dabei. Die Namenscousine einer Fernsehfigur des letzten Jahrhunderts, ach was: Jahrtausends! -musste ein Dubliner Schwimmbad retten. Stattdessen informierte uns Therese Caherty,eine andere Vertreterin von _„People Before Profit“_ über die politische Arbeit dieses linken Bündnisses und die neu gegründete Bad Bank des krisengeschüttelten Landes, wo es aber einen Mindestlohn von 8,86 € gibt! In Fanore hatten wir schon mit Brian Meaney, einem Vertreter der _Grünen_ gesprochen, die derzeit in Irland nicht gut angesehen sind, da sie bei einem Regierungsbündnis scheints nichts durchsetzen konnten, und nun sind die Grünen-Anhänger stinkig... Man sieht, es ist anderswo auch nicht anders. Dabei fand der Grüne, sie hätten doch allerhand erreicht: Tierschutz, Diverses zum Thema Bauen sowie die Eisenbahn Limerick-Galway.

Gabriel Rosenstock im Gespräch Bild: Almut Kückelhaus

Im „Burrenbeo Trust“, einer gemeinnützigen Organisation, die sich dem Erhalt der Burren-Landschaft widmet, erfuhren wir von Dr. Brendan Dunfort einiges über Naturschutz und die geologischen Besonderheiten der Karstregion. Und in dem eingangs erwähnten Lehrergewerkschaftsclub („mit Bar“...) hielt uns der polyglotte Gabriel Rosenstock (Irisch, Englisch, Deutsch) einen Vortrag über die _irische Sprache_, im Zuge dessen er uns sogar Brahms’ Wiegenlied („Guten Abend, Gute Nacht“) auf Irisch vorsang. Der gälisch-muttersprachliche Autor und Übersetzer brannte für seine Sprache und bedauerte, dass sie auf dem Rückzug sei.

Überhaupt war schon der _Gewerkschaftsclub_ als solcher ein Erlebnis: eine großzügige Altbau-Etage voller Plüsch, Großmutter-Gardinen und farbigem Stuck an hohen Decken. Und ein zünftiger Tresen mit Bier vom Fass (die Bar, wie gesagt...). Die gewerkschaftlich organisierten Lehrkräfte saßen zwanglos in Sesselgruppen und pichelten sich einen, dem karfreitäglichen Alkohol-Ausschank-Verbot ein Schnippchen schlagend. Ein goldgerahmtes Foto an prominenter Stelle zeigte das Portrait eines mutmaßlichen Lehrergewerkschafts-funktionärs mit goldener Amtskette beim Leeren eines Glases Guinness. Sehr sympathisch!

Was fehlt

Kilmainham Gaol, Temple Bar, Book of Kells, Whiskeybrennerei Locke’s in Kilbeggan, Ralf als Geschenke-Onkel mit Neigung zum Lotto. Und wenn man bedenkt, dass wir nur 4 ½(in Worten: viereinhalb) Tage unterwegs waren, haben wir wirklich viel erlebt. Das Schlusswort hat Ralf: _An fhírinne abú! (Sprich: an ihrin abuh!) Hoch die Wahrheit!

HINWEIS: Der Verlauf dieser Reise wurde inzwischen geändert: sie ist 3 Tage länger und führt auch nach Belfast.