„Retromania“ endlich auf Deutsch

Rückwärts aus der Geschichte

„Retromania“ ist ein bahnbrechendes Buch des britischen Autors Simon Reynolds. Es untersucht die Vergangenheitsfixierung im aktuellen Pop.

Das ständige Verweis- und Zitatspiel des Pop: Punk-Mädchen aus Japan.  Bild: reuters

Simon Reynolds hat es geschafft. Entgegen der Popdiskursmalaise hat der Brite ein Buch über Pop geschrieben, das nicht nur gelesen, sondern auch diskutiert wurde. Nicht nur von Kritikern, auch in der Kneipe und am Plattenladentresen. „Retromania“ heißt dieses Buch, das nun endlich in deutscher Übersetzung vorliegt.

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Und seine These ist ebenso naheliegend wie unausgesprochen: Gegenwartspop hat sich in der Retro-Schleife verfangen. Musiker wie Adele oder The Strokes stellen Stile, Sounds und Bilder der unmittelbaren Vergangenheit nach, anstatt im Rückwärtsgang durch die Popgeschichte genügend Momentum für den Sprung nach vorn zu finden.

Nun müsste man aber mit religiöser Inbrunst an die Macht des Wortes glauben, um ein Problem bereits dadurch als gelöst zu betrachten, indem man es identifiziert. Pop hat den Retro-Modus seit dem Erscheinen der englischen Originalausgabe im letzten Sommer nicht verlassen, sondern dieser ist endgültig in der Mitte der Abendunterhaltung angekommen. Das Kulturprogramm der Olympischen Spiele reinszenierte des „Cool Britannia“ der Neunziger, die Produzenten der TV-Serie „Mad Men“ perfektionierten in der letzten Staffel ihren Retro-Chic, indem sie 250.000 Dollar dafür bezahlten, mit „Tomorrow never knows“ das wegweisendste Stück der Beatles zu lizensieren. Von Mumford and Sons gar nicht zu reden.

16. Oktober: Berlin, Festsaal Kreuzberg (Skalitzer Str. 130, www.festsaal-kreuzberg.de).

 

17. Oktober: Hamburg, Golem (Grosse Elbstr. 14, www.golem.kr

 

18. Oktober: Köln, King Georg (Sudermannstr. 2, www.kinggeorg.de)  

 

19. Oktober: St. Gallen, Palace (Zwinglistr. 3, www.palace.sg)

 

20. Oktober: München, Optimal-Records (Kolosseumstr. 6)

 

21. Oktober: Wien, Phil (Gumpendorfer Str. 10-12, www.phil.info

 

22. Oktober: Wels, Schlachthof, (Dragonerstr. 22, www.youki.at

 

23. Oktober: Nürnberg, Musikverein, (Königstr. 93, www.musikverein-concerts.de

 

24. Oktober: Marburg, Trauma (Affoellerwiesen 3a, www.cafetrauma.de

 

25. Oktober: Frankfurt, Orange Peel (Kaiserstr. 39, www.orange-peel.de

 

26. Oktober: Luxemburg, Exit07 (1, rue de l'Aciere, www.rotondes.lu)

Gründe, sich Reynolds’ deutscher Fassung noch einmal anzunehmen, gibt es also genug. Auch bei der erneuten Lektüre hat seine These kaum von ihrer Überzeugungskraft eingebüßt, weil sich an ihren Grundbedingungen wenig geändert hat. Die jüngste Popvergangenheit ist durch die Digitalisierung von Musik weiterhin allgemein verfügbar, während Lizensierungen für Filme und Reissues für Plattenfirmen zur wichtigen Einnahmequelle geworden sind.

Ohne Reue

„So wird Pop enden, nicht mit einem Knall, sondern in einem Box-Set, dessen vierte CD du niemals abspielen wirst“, schreibt Reynolds und legt damit gleichzeitig seine eigene Position offen. Als Musikfan steckt er mittendrin in der Schleife. Ohne Reue schildert er seine eigenen Retro-Erlebnisse: Abende, die er mit alten Dancetracks auf YouTube verbringt, oder den Besuch von Reunion-Konzerten. Reynolds taucht für „Retromania“ ebenso gründlich in die Archive ab, wie es die von ihm kritisierten Retro-Musiker tun.

Dadurch erscheint sein Buch an vielen Stellen wie ein Kompendium aktueller Retro-Kulturen vom Reenactment der Northern-Soul-Szene im Nordosten Englands bis hin zu den japanischen Punks, die detailbesessen den Sound von 1977 nachbilden. Wer sich schon immer gefragt hat, was genau es mit dem Plattenladen auf der Hülle von DJ Shadows Album „Endtroducing“ auf sich hat, wird es hier erfahren. „Retromania“ ist ein Buch für Musikfans, geschrieben von einem Journalisten, der von Popmusik überrascht werden möchte und darin oft enttäuscht wird. Theorielos ist es deshalb aber nicht.

Passend zum Gegenstand strotzt das Buch vor Querverweisen auf die Forschung zum kulturellen Gedächtnis, Theorien zum Medienwandel oder Fredric Jamesons Beschreibung des „Retro-Modus“ in der Postmoderne.

Maulwurf der Theorie

Auch wühlt Reynolds wie ein Maulwurf, dem jedoch teilweise die begriffliche Systematik abhandenkommt. Er legt keine allgemein verbindliche Theorie von Retro und Nostalgie vor, sondern bindet Theorie stets an die Musik selbst und die Bedingungen, unter denen sie hergestellt und gehört wird, zurück. Der Sound des Ghost-Box-Labels, den Reynolds in Anlehnung an Jacques Derrida als „hauntologisch“ bezeichnet, erzählt für ihn gleichzeitig eine Geschichte über das Aufwachsen im Wohlfahrtsstaat-Großbritannien der Siebziger, der so zum uneingelösten Versprechen auf die Zukunft wird.

Vampire Weekends Song „Diplomat’s Son“ führt er als Beleg dafür an, wie eine Rekombination von Altbekanntem gerade dann etwas über die Gegenwart verrät, wenn sie unbekannte Erzählstränge und Querverweise der Geschichte zum Vorschein bringt und damit all diejenigen kritisiert, die wie der Kurator Nicolas Bourriaud im Akt der reinen Rekombination bereits eine kulturelle Leistung sehen.

Reynolds’ Darstellung besitzt dagegen einen normativen Kern. Er beharrt darauf, dass Pop (womit er meist Popmusik meint) fähig sein kann, die Gegenwart durch eine Art Schock des Zukünftigen grundsätzlicher und präziser zu beschreiben, als dies durch die Abfolge von Trends und Mikro-Trends geschehen kann, die Pop eh schon inhärent ist. Dass dieser Gedanke in seinen Grundzügen von Walter Benjamin übernommen ist, soll an dieser Stelle nicht weiter stören, denn genau dadurch wird der Unterschied zu einer Haltung deutlich, die Retro als überzeitliche Praxis beschreibt und die in der Parole „Alles ist ein Plagiat, alles ist ein Remix“ endet.

Die Praxis des Remixens

Identität löst sich im cloud self auf, Musiker werden zur „mit Bewusstsein begabten Suchmaschine“ und die knapp 25 Jahre alte Praxis des Remixens, die durch moderne Studiotechnologie ermöglicht wurde, wird retroaktiv zum Wesen von Kunst deklariert. Fragen nach Originalität oder Innovation müssen so als zwangsläufig kunstfremd erscheinen. Zeitgenössisch ist eine solche Position dagegen nicht: Diffuse Identität war schon 1902 en vogue, Apologeten der digitalen Remix-Kultur haben noch nicht zu einer eigenen Sprache gefunden.

Auch wenn Reynolds’ eigene Sprache, das Code-Switching zwischen Theorie und musikalischen Mikrodetails, in „Retromania“ manchmal unter dem barocken Verweisapparat zusammenbricht – der Debatte über Retrophänomene im Pop etwas hinzuzufügen ist nun schwieriger geworden.

 

Simon Reynolds: „Retromania. Warum Pop nicht von seiner Vergangenheit lassen kann“. Aus dem Englischen von Chris Wilpert. Ventil Verlag, Mainz 2012, 424 Seiten, 29,90 Euro. Simon Reynolds ist ab heute auf Lesetour

 

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