Revival des Literarischen Quartetts

Ein Betrieb kreist um sich selbst

Aus Marketingsicht ist das Revival gut für die Branche. Doch es wird nicht dazu beitragen, Literatur differenziert zu besprechen.

zwei Männer und eine Frau mit Mikrophonen sitzen da und lachen.

Die Neuauflage: Maxim Biller (links), Christine Westermann und Volker Weidermann. Foto: dpa

BERLIN taz | Aus der Verlagsszene sind nach der Entscheidung, das „Literarische Quartett“ zu revitalisieren, hoffnungsfrohe Stimmen zu vernehmen. Da ist die Pressesprecherin eines mittelgroßen Verlages, die am Telefon das Wort von einer „Renaissance des Buches“ in den Mund nimmt. Immerhin werde mit der Sendung in der Öffentlichkeit nun noch mehr über Bücher geredet. Und da ist der Lektor eines anderen Verlages, der in den sozialen Medien von einem „guten Tag für die Buchbranche“ spricht.

Aus Marketingsicht ist die gute Laune auch bestimmt berechtigt. Die Möglichkeiten, Buchkampagnen zu lancieren, haben sich für die Verlage immerhin wieder etwas erweitert. Junge Autorinnen und Autoren können sie nach Klagenfurt zum Vorlesewettbewerb des Bachmannpreises begleiten. Fertige Romane können sie bei den Buchpreisen zur Frankfurter oder Leipziger Buchmesse einreichen. Und nun wird es also wieder eine Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen geben, der man unbedingt die Fähigkeit zutrauen kann, Bestseller zu produzieren. Aber, mit Verlaub, nicht immer sind die Interessen von LeserInnen deckungsgleich mit den Marketinginteressen der Verlage.

In die Selbstverständnisdebatten, die rund um die Literaturkritik zuletzt stattgefunden haben, passt die Neuauflage dieser Sendung zunächst sogar allzu gut hinein. So hat Jörg Sundermeier, Kleinverleger des Verbrecher-Verlages (und taz-Autor), kürzlich im Branchenblatt Buchmarkt ein Interview gegeben, das landauf, landab auf Literaturseiten und in Büchersendungen im Radio kolportiert wurde.

Die „Sundermeier-Debatte“

Sundermeier hatte auf den Rückgang von Buchbesprechungen in den überregionalen Tageszeitungen hingewiesen. Seine These vom tendenziellen Verschwinden der Literaturkritik wurde so begierig aufgegriffen, dass sein begleitender Hinweis meist herunterfiel. Die Buchkritiken, die es noch gebe, hatte Sundermeier noch gesagt, seien auch gar nicht mehr so kenntnisreich und sorgfältig wie früher verfasst.

Diese „Sundermeier-Debatte“ hat der Redakteur der Intellektuellenzeitschrift Merkur Ekkehard Knörer (ebenfalls taz-Autor) in der aktuellen Ausgabe seiner Zeitschrift nachgezeichnet und durch ein Porträt des Literaturkritikers Hubert Winkels ergänzt (Leseprobe als PDF). Porträtiert wird da ein Literaturfunktionär, der so sehr beschäftigt ist, in Jurys, auf Podien, als Moderator von Lesungen, dass er selbst nur noch zwischendurch zum Lesen komme. Ob das nun stimmt oder nicht (meiner Erfahrung nach liest Winkels oft sehr genau): Ein Betrieb, der in sich selbst kreist, und eine Konzentration auf einige wenige Bücher im Jahr, während die Vielfalt aus dem Wahrnehmungsraster fällt - das sind in der Tat zwei Kernthemen, die den Literaturbetrieb wie ein ständiges Selbstreflexionsgemurmel derzeit begleiten.

Mit dem neuen „Literarischen Quartett“ wird dieses Gemurmel nun nicht leiser werden. Denn natürlich wird die Sendung ein Teil des Betriebs sein - auch wenn Weidermann, Westermann und Biller gerne mit Anti-Literaturbetriebs-Posen aufwarten. Und mit den geplanten sechs Sendungen im Jahr zu vielleicht jeweils fünf Romanen wird Vielfalt kaum abzubilden sein. Soll sie ja wohl auch gar nicht.

Zweiteilung der Literaturkritik

Allerdings ist das neue „Literarische Quartett“ nun ganz gewiss kein Anlass für Schwanengesänge. Interessant wäre vielmehr eine weitere Selbstverständnisdebatte - eine, die Literatur und Kritik nicht pauschal verteidigt oder in Frage stellt, sondern Differenzierungen vornimmt. Auffällig jedenfalls ist eine Zweiteilung der gegenwärtigen Literaturkritik. Unglaublich gut ist sie darin, aus dem riesigen Angebot jedes Jahr mit großer Geschwindigkeit hundert Romane zu identifizieren, über die es zu reden und zu streiten, die es zu lesen lohnt. Aber sie ist nicht mehr so gut darin, sich die Romanproduktion dann vielleicht ein Jahr später noch einmal anzusehen, Bezüge herzustellen, mit etwas Abstand Entwicklungen in den Themen und Schreibweisen zu erörtern und, auch das, die eigenen Kriterien zu hinterfragen.

Bei dem Spiel, immer neue Buchtitel in die Welt zu pusten, wird das „Quartett“ ab Oktober bestimmt kräftig mitmischen. Bei der Differenzierungs- und Reflexionsarbeit aber wird es, davon ist auszugehen, auch nicht helfen. Diese Arbeit aber ist wichtig. Es gibt auf Dauer keine lesbaren Bücher ohne sie.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de