Amnesty kritisiert die Auflösung der Roma-Siedlung Belvil im Zentrum von Belgrad. Die Lage für die Betroffenen wird jetzt noch schwieriger.von Andrej Ivanji

Rechtswidrige Räumung: Die Bewohner aus dem Slum „Belvil“ wurden vertrieben. Bild: reuters
BELGRAD taz | Man gewöhnt sich nie an den Anblick: Dutzende heruntergekommene Bretter- und Kartonhütten, Autowracks, Möbelstücke. Nach Regenfällen scheint es, als ob alles im Matsch versinken würde. Wären da nicht Männer, die auf klapprigen Fahrrädern Altmetall und Altpapier schleppen, und meist lachende Kinder, die auf den Straßen betteln – man würde meinen, es handele sich um eine Mülldeponie.
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So sehen die meisten wilden Roma-Siedlungen aus. Sie haben keinen Strom und kein Wasser. So sah auch die Roma-Siedlung „Belvil“ in Belgrad aus, gleich neben schicken Hochhäusern, auf dem Weg zu einem luxuriösen Shoppingzentrum. Für die meisten Anwohner ein Dorn im Auge, ein dunkler Fleck im urbanen Bild, den sie ausradieren wollten.
Am 26. April wurden rund 1.000 Roma aus Belvil ausgesiedelt. Sie wurden „rechtswidrig zwangsgeräumt“, steht im jüngsten Bericht von Amnesty International. Die Bewohner seien weder über den Grund der Räumung informiert worden, noch seien die betroffenen Menschen vorher angehört oder auf Einspruchsmöglichkeiten hingewiesen worden.
„Die Belgrader Behörden hatten behauptet, die Situation der Roma durch die Umsiedlung verbessern zu wollen. Für viele Betroffene war das Leben danach aber viel schlimmer: sie sind jetzt obdachlos und haben keine Arbeit“, sagt Marie von Möllendorf, Balkan-Expertin bei Amnesty International.
Denn viele Roma hätten sich ihren Lebensunterhalt vorher mit dem Sammeln von Altmetall verdient, was sie in den abgelegenen Containersiedlungen nicht mehr können. Die Menschen seien nun von den Behörden abhängig, die ihnen „den Zugang zu gesundheitlicher Versorgung und anderen sozialen Leistungen erschweren“, so von Möllendorf.
Amnesty International ist besorgt, dass das für die Umsiedlung der Roma von der EU zur Verfügung gestellte Geld eingesetzt werden könnte, um die Roma-Familien in „ghettoartigen Siedlungen unterzubringen, was das serbische Antidiskriminierungsgesetz und das internationale Recht verletzen würde“. Ein Teil der 257 Roma-Familien ist in fünf Containersiedlungen am Rande Belgrads untergebracht worden.
Sie haben Wasser und Strom, für alle Kinder sollte ein Platz im Kindergarten oder in der Schule gesichert werden. „In Belvil gingen von 200 Kindern im Schulalter nur acht in die Schule“, erklärte der Bürgermeister Belgrads, Dragan Djilas. Daher ist fraglich, ob die Bedingungen in den Containersiedlungen schlechter sind als in Belvil, wie Amnesty International behauptet.
Der Anlass für die Räumung der zwei bekanntesten, zentral gelegenen Roma-Siedlungen in Belgrad – Belvil und „Brankov most“ – waren groß angelegte Infrastrukturprojekte. Während die Bilder des Elends der Roma aus dem Zentrum Belgrads verschwinden, wachsen umso schneller wilde Siedlungen am Stadtrand. In den Stadtteilen Rakovica oder Petlovo Brdo steigt mit den ersten kalten Nächten Rauch aus immer mehr kleinen und schäbigen Hütten.
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