Rotlichtmeile im Viertel

Freie Sicht auf Helene

Der Sichtschutz in der Helenenstraße wird probeweise entfernt. Der Grund ist die gestiegene Kriminalität.

Eine Mauer und zwei Wände mit Bildern von Frauen in Unterwäsche versperren die Sicht in eine Straße.

Die rechte Seite des Sichtschutzes vor der Helenenstraße soll provisorisch weg Foto: Michael Bahlo

BREMEN taz | Ein Teil des Sichtschutzes vor der Helenenstraße kommt weg. Die rechte Seite der Barriere, welche Bremens Rotlichtstraße bislang vor Blicken vom Ostertorsteinweg verbirgt, soll nun abmontiert werden. Das bestätigten die parteilose Ortsamtsleiterin Hellena Harttung sowie die Innenbehörde der taz.

Die Entfernung des Sichtschutzes an der Straße für Sexarbeit ist eine Konsequenz aus gestiegener Kriminalität und soll spätestens nach den Osterferien beginnen. „Die rechte Seite des Sichtschutzes wird probeweise entfernt und soll mehr soziale Kontrolle und eine Öffnung in den Stadtteil bedeuten“, sagt Harttung. Zudem soll der Eingang der Helenenstraße besser beleuchtet und möglichst ein festes Urinal oder eine öffentliche Toilette installiert werden.

Nach einem Anschlag mit Molotow-Cocktails in der Straße durch eine Gruppe Unbekannter auf zwei Häuser Anfang März fahre die Polizei auch auf Wunsch der Sexarbeiter*innen bereits häufiger in die Helenenstraße. Die Innenbehörde fordert angesichts einer gestiegenen Anzahl von Gewaltdelikten nicht erst seitdem, dass zusätzlich zum Sichtschutz die gut drei Meter lange Mauer am Eingang zur Helenenstraße permanent entfernt werden soll.

Vergangenen November war eine Person direkt vor der Helenenstraße erstochen worden. Daraufhin hatte die Innenbehörde zeitweise nachts Flutlichtmasten und einen besetzten Mannschaftswagen am angrenzenden Ziegenmarkt postiert, um „Angsträume“ zu erhellen.

Tatsächlich soll in Kürze auch ein neues Lichtkonzept beschlossen werden – ebenso wie die Installation einer öffentlichen Toilette. Nach drei Monaten mit freier Sicht sollen die Erfahrungen ausgewertet werden, wie die Innenbehörde mitteilte.

Im November war eine Person vor der Helenenstraße erstochen worden

Senator Ulrich Mäurer (SPD) will aus „kriminalpräventiven Gründen“ schnell vorankommen. Zuletzt sei der Ortsbeirat nicht bereit gewesen, einem Abriss der Mauer zuzustimmen, bevor nicht Haushaltsmittel für die Gestaltung der Fläche zwischen Mauer und Sichtschutz sicher seien. Dafür will Mäurer nun im Senat werben: „Kriminellen muss ihre dunkle Rückzugs- und Aktionsfläche hinter der Mauer genommen werden“, sagt er.

Seit drei Monaten trifft sich ein Runder Tisch, um über die Zukunft der Helenenstraße zu diskutieren. Unter Beteiligung des Ortsamts, der Sexarbeiter*innen, Polizei, Innenbehörde und des Amtes für Verkehr und Straßen geht es beim nächsten Gespräch am heutigen Mittwoch um Beleuchtung und die Toilette.

Zum kompletten Abriss des Mauerstücks gibt es bislang keine Einigung, aber auch keinen Dissens. „Laut Denkmalschutz ist das Mauerstück erhaltenswert, aber nicht denkmalgeschützt, weil die Helenenstraße historisch bedeutsam ist“, sagt Harttung.

Geschützt und sozial geächtet

1878 war die Straße auf Initiative des damaligen Senats als Raum für „controllierte und reglementierte Prostitution“ eingerichtet worden, in dem sowohl Kondome Pflicht als auch Zuhälterei verboten waren. Geschützt von einem Wachposten neben der Mauer am Eingang der Sackgasse waren die dort arbeitenden Frauen dennoch sozial geächtet – sie durften außerhalb der Helenenstraße nicht mit Männern reden und weder die Wallanlagen noch den Bürgerpark betreten. Die damaligen Ratsherren waren so stolz auf ihr Konzept, dass sie mit der Idee der Helenenstraße internationale Gesundheitsmessen bereisten.

Heute vertreten die Sexarbeiter*innen ihre Interessen auch über den öffentlich geförderten Verein Nitribitt, eine „Beratungsstelle für Prostituierte“. In Vergangenheit hieß es aus dem Verein, dass den Sexarbeiter*innen der Sichtschutz „mehrheitlich egal“ sei – allerdings würden Freier von Dealern und Junkies eingeschüchtert und das sei schlecht fürs Geschäft.

Spekulationen im TV

Zuletzt hieß es, dass die Unabhängigkeit der Sexarbeiter*innen bedroht sei. Nachbarn spekulierten in einem TV-Interview öffentlich, dass Kriminelle versuchten, Schutzgeld von den Sexarbeiter*innen zu erpressen. Nitribitt wollte vor öffentlichen Äußerungen dazu weitere Treffen des Runden Tisches abwarten.

Über die Hintergründe des Molotow-Anschlags ist wenig in Erfahrung zu bringen. Die Polizei hat eine Ermittlungsgruppe eingerichtet, will aus „ermittlungstaktischen Gründen“ jedoch keine Ergebnisse mitteilen. Laut Staatsanwaltschaft wird mit Zeugenbefragungen und Videoauswertungen in alle Richtungen ermittelt.

.

Bitte registrieren Sie sich und halten Sie sich an unsere Netiquette.

Haben Sie Probleme beim Kommentieren oder Registrieren?

Dann mailen Sie uns bitte an kommune@taz.de